Ein Abend ohne Folgen

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Ein Abend ohne Folgen

Ein Abend ohne Folgen

Leni Trattner

Wir durchquerten einen jener schmalen Nebenkorridore, die zu den Garderoben führen. Die Wandlampen warfen blasse, goldene Kreise auf den Boden.
Ich spürte, wie in mir etwas nachgab. Natürlich hätte ich jederzeit seine Hand loslassen, wieder in den Zuschauerraum zurückgehen können. Ich bin mir sicher, er hätte mich nicht zurückgehalten. Hätte wahrscheinlich etwas gesagt, vielleicht ein Wort zu viel, vielleicht gar nichts. Aber ich folgte ihm. Und jeder Schritt, den ich tat, war eine bewusste Entscheidung. Ich sah seinen Nacken, das schwarze Hemd, das im Licht matt glänzte. Ich wollte wissen, wie sich diese Haut anfühlen würde, ob sie so warm war, wie sie aussah.
Am Ende des Korridors stand eine niedrige Bank – abgesessener Polster, Splitter im Lack, abgeschabt von unzähligen Händen. Dort blieb er stehen. Keine Stimme aus dem Bühnenbereich drang mehr her; nur das dumpfe Murmeln der Vorstellung hinter der Wand, gebrochen durch das satte Poltern eines Bühnenbilds, das verschoben wurde. Wir befanden uns in einer Zwischenwelt: hier schien nichts mehr real, und gerade darum wirkte alles so richtig.
Er drehte sich zu mir, ein Lufthauch zwischen uns. Sein Blick suchte den meinen, kaum fragend, eher tastend. „Bist du sicher?“ Seine Stimme klang rau, zurückgenommen. Ich nickte, noch bevor ich begreifen konnte, was seine Frage bedeutete.
Die erste Berührung war kaum mehr als ein Hauch – seine Hand an meinem Hals, prüfend, wie man eine Saite berührt. Mein Atem stockte, löste sich wieder.
Als er mich küsste, war es nicht zögerlich, nicht experimentell. Eher ein selbstverständlicher Entschluss. Seine Lippen waren fest, der Duft seiner Haut unvermischt, klar: Seife, Rauch, ein Rest von Theaterluft.
Seine Hände blieben kurz an meinem Gesicht, dann glitten sie über meinen Nacken, über die Schultern.

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