Immer wieder suchten sich unsere Münder, fanden einander in hastigen, fast dankbaren Küssen, während sich unsere Bewegungen verdichteten. Es war roh und ehrlich, ungeschönt und doch so harmonisch. Ich spürte, wie die Hitze in mir wuchs, bis Denken, Atem, alles eins wurde. In diesem Moment wusste ich, dass es richtig war – dass alles, was ich mir je vorgestellt hatte, weniger war als dies.
Er bewegte sich nicht hastig; alles hatte Rhythmus, Atem, Bewusstsein. Unsere Körper fanden von selbst den Takt, fest, unregelmäßig, ineinander überfließend. Ich schloss die Augen, ließ alle Kontrolle fallen und verstand, dass das Jetzt kein Versprechen war – nur ein Moment völliger Gegenwart.
Alles war vollkommen, nicht weil es geplant war, sondern weil nichts davon zu erklären war. Der Körper hatte die Sprache übernommen, und ich ließ ihn sprechen. Ich hielt ihn fest, nicht um ihn zu behalten, sondern um mich in dieser Hitze, diesem Zittern, diesem gelebten Jetzt zu verankern.
Es war kein Akt der Romantik, keiner der Zärtlichkeit im klassischen Sinn. Aber es war schön – aufrichtig und still, fast wie Musik ohne Melodie, getragen nur von Atem und Rhythmus. Ich hielt ihn fest, nicht aus Bedürftigkeit, sondern weil die Welt sich in diesem Moment zu drehen schien, und ich bleiben wollte.
Danach war es, als würde das Theater wieder atmen. Geräusche kamen zurück: das ferne Aufrauschen von Applaus, das metallische Quietschen einer Kurbel. Ich löste mich von ihm, spürte, wie die Luft kühler wurde. Er sah mich an, und sein Blick war ruhig, als hielte er etwas fest, das ohnehin nicht zu behalten war.
Ich zog mein Kleid zurecht, fuhr mir durchs Haar. „Danke“, sagte ich – leise, und doch klang das Wort in der Stille dieses Gangs wie eine kleine Wahrheit. Er nickte nur. Keine Fragen, kein Morgen.
Ich kehrte zurück in den Saal. Das Licht darin war gedämpft, die Bühne hell, die Reihen dunkel. Niemand sah auf. Ich glitt in meinen Platz, und während ich mich setzte, sah ich die Schatten der Schauspieler auf der Bühne tanzen. Mein Herz schlug noch immer viel zu schnell. Ich fragte mich, ob man es mir ansehen konnte.
Brecht sprach über Wahrheit, über Moral. Ich hörte die Worte, verstand sie, aber sie blieben an der Oberfläche, glitten ab wie Wasser auf Haut. In mir arbeitete etwas anderes – leiser, aber wahrhaftiger. Ich hatte gelernt, dass Moral sich verändert, wenn der Körper die Sprache übernimmt; vielleicht hatte ich an diesem Abend mehr darüber gelernt als auf der Bühne.
In den Wochen danach kam ich oft wieder. Ich wusste nicht, was ich suchte – einen Blick, ein Echo vielleicht. Doch er war verschwunden, ersetzt durch andere Gesichter, gleich gekleidet, korrekt, distanziert. Ich verstand, dass es richtig war, ihn nicht mehr zu finden.
Heute, Jahrzehnte später, sitze ich wieder hier. Das Theater ist dasselbe, noch immer riecht es nach Staub, nach Lack und warmem Holz. Nur ich bin ruhiger geworden. Und dennoch, wenn ich zur Flügeltür blicke, um die Abendsonne auf dem Messing der Klinke schimmern sehe, kommt dieses alte Gefühl zurück – das Zittern, der Atem, der erste Kuss, das Wissen, dass man sich manchmal einfach fallen lassen darf.
Und ja – ich lächle. Nicht, weil es perfekt war, sondern weil es echt war. Und ein Geschenk des Zufalls, für das ich bis heute dankbar bin.
Ein Abend ohne Folgen
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