Ein Abend ohne Folgen

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Ein Abend ohne Folgen

Ein Abend ohne Folgen

Leni Trattner

Es ist merkwürdig, wie Erinnerungen manchmal auftauchen – wie lange Vergessenes plötzlich aufblitzt, nicht als klarer Film, sondern als Gefühl, das sich in die Gegenwart legt. Mit dem Wissen, dass manches wohl verklärt ist, und der Gelassenheit, dass das keine Rolle spielt. Denn manchmal geht es nicht um Wahrheit, sondern um das, was sie in uns auslöst.
Heute Abend sitze ich wieder im Burgtheater, fast dreißig Jahre später, und warte darauf, dass das Licht gedimmt wird. Der Geruch des alten Holzes, der schwere Samt, das leise Rascheln der Programme – all das hat sich kaum verändert. Nur ich bin es, die sich verändert hat. Und doch: Immer, wenn ich dieses Gebäude betrete, gibt es etwas – manchmal nur ein Geruch oder ein Ton –, das mich zurückträgt. Zurück zu jenem Abend, an dem ich jünger war und ein Traum, einer von jenen, die man kaum laut denkt, endlich Wirklichkeit wurde. Und schöner war, als ich es mir je hätte vorstellen können.
Ich war damals Mitte zwanzig – ein Alter, in dem man schon vieles erfahren, aber noch nicht genug verloren hat. Ich wusste in etwa, wie Leidenschaft sein konnte: durchdacht, kontrolliert, sicher. So kannte ich sie bislang. Manchmal beiläufig, manchmal mit Zuneigung, aber stets in einem vertrauten Rahmen. Und doch gab es diese andere Seite in mir, unruhig, neugierig, ein wenig trotzig. Oft hatte ich mir vorgestellt, was es bedeuten würde, einmal mit einem völlig Fremden zu schlafen – nur für die Dauer einer einzigen Begegnung bei ihm zu sein und nicht mehr. Kein Name, keine Vergangenheit, kein Danach. Nur das, was geschieht, wenn sich zwei Menschen ohne Geschichte begegnen.
Aber ich war vorsichtig. Zu sehr darauf bedacht, niemandem zu trauen, der mich einfach nur wollte. Ich wollte, dass es trotzdem schön wäre – anständig, wenn das Wort in diesem Zusammenhang überhaupt Sinn ergäbe.

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