Eine dunkle Macht

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Eine dunkle Macht

Eine dunkle Macht

Joana Angelides

Als wir dann in der angehenden Dunkelheit am Ufer des Sees saßen und sich der Himmel rot färbte von der scheidenden Sonne, hörte ich rundum die Geräusche der Natur und hörte in meinem Innersten den Flügelschlag des Vogelmannes. Ihn verkörperte Emile und er schien neben mir schwarz und mächtig und breitete seine Flügel aus, um mich zu umfangen. Kleine Funken sprühten aus dem kleinen Lagerfeuer, das wir entzündet hatten. Der Steinkreis, in dem das Feuer züngelte, erinnerte mich schmerzlich an Peru und seine Lavalandschaft. Es glühte nicht nur das Feuer neben mir, es war auch Emile, der zu glühen schien. Er hatte seine Jacke auf dem Rasen ausgebreitet, ich lag darauf und er beugte sich über mich. Sein Profil im Gegenlicht war kaum erkennbar, nur seine glühenden Augen brannten mit unheimlichen Facetten. Wie immer kam dieses Feuer aus seinem Innersten und verwandelte den an sich unscheinbaren, introvertierten Mann in einen ausbrechenden Vulkan. Und ich ließ mich von ihm heben, durch die Luft tragen und hatte nur einen Wunsch: in seinen Armen zu verbrennen.
Er flüsterte in mein Ohr:
„Peru hat Dich verändert. Du scheinst aus dem glühenden Magma zu kommen, Deine Glut verbrennt ringsum alles, aber doch glaube ich in diesen Momenten an eine Wiedergeburt meiner verschütteten Seele.“ Sein Atem war heiß und kam stoßweise.
Wir liebten uns an diesem Abend bis spät in die Nacht hinein, immer wieder erhoben wir uns vom Boden der Wirklichkeit. Seine schwarzen Flügel hielten mich fest und trugen mich über den See.
Als wir am nächsten Morgen wieder nach Paris zurückfuhren, sprachen wir kein Wort. Hin und wieder blickte ich zu ihm hinüber und sein Profil schien mir schärfer und dunkler, als je zuvor. In dieser Nacht sind wir wirklich ineinander verschmolzen und eine dunkle Macht hat uns aneinander gebunden.

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