Eine Frau halten

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Eine Frau halten

Eine Frau halten

Anita Isiris

Atme nun nochmals tief durch, ganz tief, Pat, atme in Deinen Bauch.“
Pat besuchte regelmäßig einen Yoga-Kurs, um ihre Mitte zu finden, speziell nach anstrengenden Operationen. „Finde jetzt Deine Mitte, Pat“, sagte Prof. Brenner mit seiner sonoren Stimme. Seine Hände glitten langsam hinunter zu Pats Bauchnabel. Als er den Saum ihres Slips ertastete, gelangte Pat wieder zurück auf die Erde, zurück in die Realität. Wer ihr da derart nahetrat, war niemand anderes als ihr direkter Vorgesetzter. „Stopp“, brachte sie zustande. „Ich verstehe Dich doch, Kindchen“, sagte er. „Kindchen“, hatte er gesagt. Sie war doch Pat, stolze Inhaberin eines Staatsexamens in Medizin und aufstrebende Chirurgin. Was sollte das mit dem „Kindchen“? Aber Brenners väterlich-beruhigende Art, verbunden mit seiner offensichtlichen Geilheit, die er kaum mehr im Zaum halten konnte, ließ Pat eine neue Seite in sich erkennen. Sie liebte ältere Männer. Immer hatte sie sich in Kommilitonen verliebt, früher in Klassenkollegen, und Pat war kein Kind von Traurigkeit. Mit ihrem Deutschlehrer hatte sie zum ersten mal Sex gehabt, der ihr „Brechts Liebeslied“ hatte näherbringen wollen. „Wir haben alle diese gewisse Seite, den Sexus, in uns“, hatte er ihr erklärt. Lass die Strophen wirken, lass mich Dein Kleid zerreißen, lass es einfach zu, Pat.“ Dann war er nicht sehr sanft, mit einem Ruck, in sie eingedrungen und hatte Pat, wie man so schön sagt, zur Frau gemacht. „Dieser Moment ist einzigartig“, hatte er noch gesagt, bevor eine ahnungslose Reinigungsfrau die Tür geöffnet hatte. „Ich habe Dich für die Welt geöffnet.“ Natürlich hatte die Reinigungsfrau reagiert, den Sicherheitsdienst gerufen, und Herr König war seine Stelle los gewesen.
Tief in Gedanken versunken, versank Pat in einem Zustand der Meditation, während der Zeiger auf 20:15 Uhr rückte.

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Gedichte auf den Leib geschrieben