Eine Kreuzfahrt

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Eine Kreuzfahrt

Eine Kreuzfahrt

Sven Solge

Es war noch vor COVID-19, als die Welt noch in Ordnung war und sich Jennifer einen Traum erfüllte und eine Kreuzfahrt nach Island buchte.

Es war ihre erste Kreuzfahrt und sie hatte lange darauf gespart.

Jennifer war 38 Jahre alt, mit rotblonden Haaren und dank ihres wöchentlichen Trainings im Fitnessstudio schlank und fit. Man konnte sagen, dass sie attraktiv war und so mancher Mann hatte es schon versucht bei ihr zu landen. Aber nach dem Aus, ihrer Ehe mit Hendrik, hatte sie den Glauben an die Männer verloren.

Aber so ganz stimmte das nicht. Denn sie vermisste schon sehr die Nähe und Zärtlichkeit eines Mannes. Denn Selbstbefriedigung, sei der Vibrator auch noch so gut, ersetzte nicht den heißen Schwanz eines Mannes.

Nie wäre sie auf die Idee gekommen so eine Reise zu buchen, wenn ihre Arbeitskollegin, Nora, ihr nicht ständig von ihrer Kreuzfahrt nach Island vorgeschwärmt hätte.

Erst als sie nach zwei Jahren sparen, das Geld zusammen hatte, buchte sie. Nora konnte sich gar nicht genug freuen und erzählte ihr wie viele Männer solo, solche Reisen unternehmen. Dort findest bestimmt einen Kerl dem du nach so langer Zeit mal wieder vertrauen kannst.

Das war zwar nicht Jennifers Wunsch von dieser Reise, denn sie dachte nicht an eine neue Beziehung. Sondern sie hatte sich schon immer für Vulkane interessiert und auch das Beobachten von Walen sollte dort möglich sein.

Die Reise startete von Amsterdam und ging dann in zwei Tagen auf See direkt bis Island.

Sie fuhr mit ihrem kleinen Polo bis zum Hafen. Dort hatte sie über das Reisebüro einen Parkplatz gemietet. Die Einschiffung sollte ab 13 Uhr beginnen und deshalb legte sie die 2,5 Stunden Anfahrt nach Holland entspannt zurück. Ganz langsam stieg ihre Erwartungshaltung doch als sie das riesige Schiff am Kai sah, wurde ihr doch etwas mulmig.

Im Reisebüro hatte man ihr gesagt, dass am Passenger Terminal Männer mit roten Jacken warten und ihr das Auto abnehmen würden. Danach brauchte sie nur noch einchecken und der Urlaub konnte beginnen.

Und tatsächlich, kaum war sie in die schmale Zufahrtstraße eingebogen, sah sie schon einen Mann mit roter Jacke. Ein kurzer Blick, auf eine Liste, die er in der Hand hielt, genügte und er winkte sie auf den Parkstreifen. Die Übergabe dauerte nur wenige Minuten und als der Mann mit ihrem Wagen davon fuhr, war ihr doch etwas wehmütig zuwege. Der freundliche Holländer hatte ihr noch gezeigt, wo sie hingehen müsste und folgte nun den Angaben.

Alles war perfekt organisiert. Ihr wurde zuerst der Koffer abgenommen, dann noch ihre Reiseunterlagen überprüft und für den Bordausweis fotografiert, der später auf ihrer Kabine liegen würde.

Ihre Kabine war noch nicht ganz fertig und man riet ihr, sich schon etwas das Schiff anzusehen. Da sie nur noch ihre kleine Reisetasche zu tragen hatte, machte sie sich auf zum Oberdeck.

Die Menschen, die schon oben an Deck standen, schienen überwiegend alte Kreuzfahrt-Hasen zu sein. Denn sie bewegten sich sehr sicher. Es waren überwiegend Paare, aber auch einige Solo. Deutlich spürte sie die abschätzenden Blicke, die sie trafen, was sie etwas beunruhigte. War sie es doch nicht gewohnt, so beobachtet zu werden. Im ersten Moment wollte sie sich wieder unter Deck begeben, doch dann drückte sie ihr Kreuz durch und stellte sich an die Reling und beobachtete das rege Treiben im Hafen. Und Amsterdam war wirklich ein schöner Hafen. Vor allen Dingen war heute strahlender Sonnenschein, der das Wasser und die Hafenanlagen in ein gleißendes Licht tauchte. Ideales Licht zum Fotografieren.

Jennifer holte ihre Nikon aus der Tasche, fotografierte und filmte das Schiff und die Umgebung.

Das sie dabei interessiert von einem Mann beobachtet wurde, bemerkte sie nicht. Sie wanderte um des ganze Oberdeck und nach einer guten halben Stunde, machte sie sich auf den Weg, ihre Kabine zu suchen.

Ihre Kabine lag auf Deck 6 und bis sie die gefunden hatte, hatte sie sich hilflos verfranzt. Erst als ein freundlicher Steward sie bis vor ihre Kabinentür brachte, war sie erleichtert. Sie hatte eine Innenkabine, die deutlich billiger war, gebucht. Und außerdem wollte sie sich mehr außerhalb der Kabine aufhalten. Zum Schlafen würde das reichen.

Ihr Koffer war schon da und auf dem breiten Bett lagen die Papiere, einschließlich der Schlüsselkarte, die an Bord auch zum Bezahlen genutzt wurde.

Nachdem sie ihren Koffer ausgepackt hatte, nahm sie ihren Fotoapparat und machte sie sich wieder auf den Weg zum Oberdeck, um das Ablegemanöver zu beobachten. Dieses Mal achtete sie genau auf den Weg, um später ihre Kabine wieder zu finden.

Es war ein erhabener Anblick, als sich der Kollos vom Pier löste und langsam in die Fahrrinne trieb. Jenifer machte ein Paar Videos und nachdem sie in einer Schleuse auf das Niveau der Nordsee abgelassen worden waren, begann die eigentliche Kreuzfahrt Richtung Island.

Bei der Buchung hatte man ihr geraten, die erste Tischzeit um 18:30 Uhr zu nehmen, um danach das Theater aufzusuchen.

Sie hatte sich bewusst für einen größeren Tisch entschieden, damit man gleich ein paar Leute kennen lernen konnte. Der Kellner geleitete sie zu einem sechser Tisch, an dem schon ein Paar saß, die sich mit Marlies und Lars vorstellten. Als alte Hasen, boten sie Jennifer gleich das du an, was ihr natürlich sehr entgegen kam, man unterhielt sich so leichter.

Wenig später kamen noch Freya und Lilly an ihren Tisch, die, wie sich erst später herausstellen sollte, lesbisch waren. Sich aber unglaublich freundlich einfügten. Vor allen Dingen Freya konnte Lebhaft erzählen.

Sie waren schon bei der Vorspeise, als auch der letzte Platz besetzt wurde.

„Entschuldigt bitte meine Verspätung, ich habe total die Zeit verpennt. Ich heiße Marten!“, stellte er sich vor und setzte sich neben Jennifer, nachdem er allen die Hand gegeben hatte. „Dich habe ich schon auf dem Oberdeck gesehen!“, sagte er und hielt ihre Hand länger als es normalerweise üblich gewesen wäre.

Jennifer war etwas überrascht, denn sie selber hatte ihn überhaupt nicht gesehen. Das lag aber auch wohl daran, dass alles für sie noch sehr neu war.

Bevor sie etwas erwidern konnte, wurden sie vom Kellner unterbrochen, der Martens Bestellung aufnehmen wollte.

Die Unterhaltung am Tisch war locker und fröhlich. Besonders Freya brachte alle zum Lachen. Sie und ihre Freundin machten genau wie Jennifer ihre erste Kreuzfahrt, während es für Marten die zweite war. Dagegen machten Marlies und Lars schon ihre vierte Seereise, allerdings zum ersten Mal nach Island.

Die Nähe von Marten, machte Jennifer etwas unruhig. Er sah verdammt gut aus, war etwas jünger als sie und hatte eine angenehme tiefe Stimme. Dunkle Haare und sein durchtrainierter Körper machten auf Jennifer einen guten Eindruck. Schon als er ihr zur Begrüßung die Hand gab und mit dem Daumen über ihren Handrücken streichelte, setzte ihr Herz einen Moment aus, um dann um so heftiger weiter zu schlagen.

Jennifer hatte sich ein Glas Rotwein bestellt und Marten gab ihr den Tipp, lieber eine ganze Flasche zu bestellen, das wäre preiswerter und die Flasche käme am nächsten Tag automatisch wieder auf den Tisch. Nun, das würde sie dann am nächsten Tag beherzigen. Nach dem hervorragenden Abendessen gingen sie gemeinsam in das Theater und genossen Tanz und Varieté auf der Bühne.

Danach verabschiedete sich Jennifer von ihren Tischnachbarn, mit der Begründung, sie sei müde von der Anreise und müsste noch ihren Koffer auspacken. In Wirklichkeit machte ihr die Nähe von Marten zusehends zu schaffen. Auch wenn er sich oft mit Freya und Lilly unterhielt, war sein Hauptaugenmerk auf Jennifer gerichtet. Immer wieder versuchte er sie ins Gespräch einzubeziehen. Legte ihr ab und zu eine Hand auf den Arm oder auf die Hand, wenn sie sie auf dem Oberschenkel liegen hatte. Die Empfindungen, die dann durch ihre Adern strömten, waren ihr völlig fremd und irritierten sie.

Nach einer Nacht mit wirren Träumen, die wohl von dem ungewohnten, ständigen Vibrieren des Schiffkörpers hervorgerufen wurden, ging sie noch etwas müde zum Frühstück. Hier war freie Platzwahl, sodass sie sich für einen Zweiertisch mit Ausblick auf das Meer entschied. Das Buffet war reichlich und so schwelgte sie in den Genüssen fremdartiger Speisen. Der Kellner kam und bot ihr Kaffee oder Tee an und stellte ihr dann eine chromblitzende Kanne auf den Tisch, nachdem sie sich für Kaffee entschieden hatte.

„Guten Morgen Jennifer, darf ich mich zu dir setzen?“, fragte Marten, der plötzlich neben ihr stand. Erschrocken sah Jennifer auf. Mit allem hatte sie gerechnet, aber nicht so früh schon Marten zu treffen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie ihm antwortete: „Guten Morgen Marten, natürlich!“ Dabei deutete sie auf den Platz vor sich.

Marten stellte sein Tablett auf den Tisch und setzte sich. „Du bist aber schon früh auf, konntest du nicht mehr schlafen?“, fragte er mit einem geheimnisvollen lächeln, auf den Lippen.

Jennifer schaute wie gebannt auf diesen sinnlichen Mund. „Wie es sich wohl anfühlt, von diesen Lippen geküsst zu werden?“ Schoss es ihr durch den Kopf. Schüttelte dann aber innerlich den Kopf über solche Gedanken.

„Ich bin eigentlich immer früh auf. Hier kommt noch die ungewohnte Umgebung und das Vibrieren des Schiffes hinzu. Ich habe etwas unruhig geschlafen.“

„Hast du von mir geträumt?“, fragte er schelmisch.

„Was bildet sich der Kerl denn ein?“ Jetzt war Jennifer doch etwas überrascht, entschloss sich aber, darauf nicht zu reagieren.

Marten merkte aber sofort, dass er etwas über das Ziel hinaus geschossen war und lenkte das Gespräch sofort auf ein anderes Thema. „Hast du schon einen Plan, was du heute machst?“

„Nein!“, antwortete sie etwas einsilbig. Fügte dann aber hinzu: „Ich will gleich erst mal zum Spa, ich habe mich da eintragen lassen. Zuhause komme ich nur einmal die Woche zum Training, hier möchte ich es jeden Tag machen und mal richtig ausnutzen!“

„Oh, das ist toll! Da will ich auch gleich hin. Ich habe gleich gesehen, wie gut du trainiert bist. Du hast so eine tolle Figur und bewegst dich sehr geschmeidig!“, sagte er voller Bewunderung.
Auch wenn seine Worte ihr schmeichelten, so empfand sie es doch als etwas zu aufdringlich, so kurz wie sie sich kannten.

Eine Weile aßen sie schweigend, bis Marten aufstand und meinte: „Ich hole mir noch einen Joghurt, soll ich dir noch etwas mitbringen?“

„Nein danke, ich habe alles, bin fast fertig und werde mich gleich auf dem Weg zum Spa machen. Bis später!“

Marten schaute etwas enttäuscht, fasste sich dann aber: „Ok, bis gleich im Spa!“

Jennifer schaute ihm nach und war sich nicht sicher, ob sie so versessen darauf war, ihn gleich im Spa zu sehen. Marten war ihr etwas zu direkt und das mochte sie überhaupt nicht. Als sie in ihrer Kabine war, zog sie ihre Sportkleidung an und überlegte, wie sie ein Treffen umgehen konnte. Da fiel ihr ein, dass sie am Vortag eine Laufbahn auf dem Oberdeck gesehen hatte. Entschlossen nahm sie ihr Handtuch und machte sich auf den Weg.

Das war genau die richtige Entscheidung, denn es war noch leer auf dem Oberdeck, weil viele noch beim Frühstück saßen und auch auf der Laufstrecke konnte sie noch keinen entdecken. Außerdem war es herrlich warm und die frische Luft tat ihr gut. Lediglich am Pool hatten sich schon ein Paar Urlauber auf die Liegen gelegt und sonnten sich.

Jennifer legte sich ihr Handtuch um die Schultern und begann zu laufen. Am Anfang noch etwas steif, weil sie schon lange nicht mehr joggen war, doch mit jedem Meter wurde es besser. Sie schätzte die Bahn etwa auf fünfhundert Meter, die rund um den riesigen Schornstein angelegt war, vorbei an einem Volleyball-Feld und dem Aufgang zur Wasserrutsche.

Schon nach zwei Runden fühlte sich frei und atmete tief durch. Sie lief den rot gekennzeichneten Weg, ohne groß darüber nachzudenken wie üblich auf Sportplätzen, linksherum. Sie genoss den Ausblick auf das Meer und spürte ab und zu das leichte Rollen des Schiffs beim Laufen. Die nächste Kurve um den Schornstein nahm sie unbewusst etwas enger und nahm den dunklen Schatten erst wahr, als es auch schon zu spät war. Heftig prallte sie gegen die Person und wurde auf den Boden geschleudert. Dann wurde es schwarz vor ihren Augen.

Jennifer verspürte einen leichten Schmerz an der Wange, so als hätte ihr jemand eine Ohrfeige verpasst. Sie strengte sich an, die Augen zu öffnen, was ihr nach einiger Zeit auch gelang. Der helle Fleck vor ihr, entpuppte sich ganz langsam zu einem Gesicht. Der Mund bewegte sich und Jennifer erkannte, dass das Gesicht mit ihr sprach, doch sie verstand es nicht.

Auf einmal setzte der Lärm ein. Sie wollte erschrocken den Kopf heben, doch dann fuhr ein stechender Schmerz durch ihren Kopf, sodass sie ihn langsam, mit einem stöhnenden Laut, wieder nach hinten sinken ließ.

„Bitte bleib ruhig liegen, der Arzt ist unterwegs!“, hörte sie eine sanfte Männerstimme.

„Was ist mit mir?“, brachte sie mühsam hervor.

„Wir sind zusammengeprallt und du hast dir den Kopf gestoßen.“

Diese Stimme tat ihr richtig gut. Sie war so angenehm und beruhigend. Und dann spürte sie noch eine Hand, die ihr zart immer wieder über die Wange streichelte. Langsam konnte sie das Gesicht erkennen, das sich besorgt über sie beugte. Doch plötzlich war da noch ein anderes Gesicht und verdrängte das andere.

„Wie geht es ihnen? Haben sie Schmerzen?“

„Mein Kopf tut weh!“ Dann spürte sie wie der neue Mann ihr Augenlied hoch zog und sie mit einer Lampe blendete. Scheinbar war der Arzt gekommen.

„Sie haben eine Gehirnerschütterung, wir bringen sie jetzt erst mal auf die Krankenstation!“

Sie wurde hochgehoben und auf eine Trage gelegt. Die rumpelnde Fahrt, tat ihr weh und immer, wenn es über eine Türschwelle ging, hätte sie schreien wollen, aber es kam nur ein dumpfes Stöhnen aus ihrem Mund. Endlich waren sie in der Krankenstation angekommen und mit vereinten Kräften wurde sie auf ein Bett verfrachtet.

Langsam nahm sie ihre Umgebung besser wahr. Der Arzt stellte sich mit Dr. Sartini vor und untersuchte sie erneut.

„Frau Legner, sie haben eine leichte Gehirnerschütterung, können sie sich erinnern, wie das passiert ist?“

„Nein, das weiß ich nicht! Plötzlich war alles dunkel. Ich bin erst wieder zu mir gekommen als mich ein Mann angesprochen hat, mit dem ich wohl zusammen gestoßen bin. Ich kann mir nicht erklären, wo der auf einmal her gekommen ist.“

„Wir werden sie gleich noch röntgen, wir wollen sicher gehen, dass sie keinen Blutung im Gehirn haben. Sie sollten die Nacht hier in der Krankenstation bleiben, damit wir sie unter Beobachtung haben. Ich gebe ihnen noch etwas gegen die Kopfschmerzen und dann wird man sie gleich zum Röntgen bringen. Sollte ihnen übel werden sagen sie nur Bescheid.“

Die Nacht verlief ruhig, da man ihr ein Schlafmittel gegeben hatte. Auch das Röntgen war ohne Befund geblieben und als der Arzt kam, entließ er sie mit der Auflage sich zu schonen.

„Legen sie sich in die Sonne und genießen sie die frische Luft. Bitte keinen Sport und vorerst auch nicht Tanzen. Vermeiden sie jede Anstrengung! Kommen sie morgen bitte noch mal in die Krankenstation, damit ich sehen kann wie es ihnen geht und bringen sie ihre Versicherungskarte mit.“ Dann war sie entlassen.

Mit unsicheren Schritten machte sie sich auf den Weg zu ihrer Kabine und war froh als sie sich auf ihr Bett setzen konnte. Plötzlich verspürte sie Hunger, aber jetzt zum Frühstück zu gehen traute sie sich nicht, deshalb bestellte sie etwas per Telefon. Eine halbe Stunde später klopfte es und der Steward brachte ein Tablett mit ihrem Frühstück, das sie mit gutem Appetit verputzte.

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