Eine Nacht vor der Ausgangssperre

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Eine Nacht vor der Ausgangssperre

Eine Nacht vor der Ausgangssperre

Claudia Carl

„Und dann dachten Sie, Sie rufen einfach mal bei der Polizei am Hauptbahnhof an?“

Ich sitze auf einem kleinen Sünderbänkchen in der Polizeistation am Hauptbahnhof Hamburg. Es ist 23.10 Uhr und ich bin gerade aus der S-Bahn gestiegen. Wollte schnurstracks zu einem Taxi und ins Hotel fahren. Kaum saß ich auf dem Rücksitz durchfuhr mich ein Schreck.

„Oh mein Gott, ich habe meinen Rucksack verloren“, sagte ich zu dem Fahrer. „Ich muss leider wieder aussteigen.“

„Na wenn Sie meinen“, sagte er. „Aber der ist bestimmt längst weg.“

Ich stieg wieder aus und da stand ich nun, vor dem Hamburger Hauptbahnhof bei Nacht. Eine wahrlich nicht besonders kuschelige Gegend. Rechts von mir torkelte gerade ein total zugedröhnter Junkie vor einem am Boden sitzenden Mann herum und lallte Unverständliches. Alles was sich rundherum bewegte war männlich und fremdländisch und unheimlich. Jedenfalls für eine Frau allein.

In meinem Kopf überschlugen sich die Möglichkeiten, was ich nun tun könnte. Gab es eine Bahn-Information, die vielleicht wusste, wie ich den Fahrer der S 11 nach Poppenbüttel erreichen könnte, damit er nachsehen konnte, ob mein Rucksack noch dalag? Ich ging ein paar Schritte in den zugigen Bahnhof und kehrte wieder um. Da war doch jetzt eh nichts mehr geöffnet. Gierige Blicke trafen mich von überall her. Ich könnte einfach mit der U Bahn ins Hotel fahren. Zum Glück wusste ich den Türcode auswendig, obwohl er sechsstellig war. 548311. Damit käme ich ins Hotel und auch in mein Zimmer. Allerdings würde ich sterben vor Angst bei dem Gedanken, dass der Finder meines Rucksacks ebenfalls dort auftauchen könnte. Denn den Zettel mit meinem Code hatte ich in meinem Portemonnaie. Stand da auch der Name des Hotels drauf?

Ein Kerl kam auf mich zu und gab sich allzu vertraulich. „Was ist los?“ fragte er. Er kam sicher aus Rumänien oder so. „Ich helfe dir!“ Eine Drohung, die schlimmer nicht sein konnte. „Ich suche die Polizeistation“, sagte ich. „Ich begleite dich“, sagte er penetrant und ich reagierte extrem genervt. „Was ist passiert?“ fragte er wieder und wieder, ich antwortete nicht und ging in die Richtung, in der ich die Polizeistation vermutete. Allerdings standen dort jetzt seltsame Bretterverschläge. Die ganze Welt war fremd und schrecklich, nur weil ich meinen Rucksack verloren hatte.

Zum Glück tauchte tatsächlich die Polizeistation hinter den Brettern auf, der Typ lallte noch irgendwas Ekelhaftes und ich ging hinein. Vor der großen Glasscheibe der Polizeistation stand ein schmieriger Langhaariger, der wie ein Dealer aussah. Oder war es ein V-Mann? Ich betrat mit Engelsgesicht die Polizeiwache.

Hinter der Anti-Corona-Plastikscheibe, die zwei Schreibtische überspannte, saßen zwei gutaussehende Kerle. Im ersten Moment war ich nur voller mädchenhafter Bewunderung. Der Linke hatte eisblaue Augen, schwarze Haare, und die Uniform stand ihm prächtig. Der Rechte hatte eine Glatze und trug eine Art Weste über einem kurzärmeligen T-Shirt, vielleicht so ein Waffenholster wie ich es aus Krimis kannte. Hätte ich mich zwischen beiden entscheiden müssen, wäre es mir schwergefallen. Beide hatten genau die Fiesheit, die mir bei Männern gefällt.

Ich trat zu dem Linken und brachte in Jammerton mein Anliegen vor. Er war mega genervt. „Kommen Sie in drei Tagen wieder!“

„Aber ich fahre morgen wieder nach München“, blieb ich mädchenhaft penetrant. „Könnten Sie nicht irgendwo anrufen?“

Er rollte die Augen.

„Wo soll ich denn anrufen?“
„Bei der Bahn? Beim S-Bahnfahrer?“

„Das ist nicht unsere Aufgabe als Bundespolizei“, sagte er kalt. Meine Mädchenaugen blieben auf ihn geheftet. Er fand mich lächerlich. Eindeutig etwa 30 Jahre älter als er und immer noch girliehaft drauf.

„Setzen Sie sich dahin und warten Sie !“ befahl er. Ich ließ mich auf dem hölzernen Sünderbänkchen nieder. Er rief irgendwo an. „Wir haben hier eine Dame….“

Nach dem Telefonat brummte er in meine Richtung: „Es dauert eine Weile. Die S-Bahn ist noch nicht in Poppenbüttel.“

Danach ignorierte er mich genüsslich. Auch der andere warf mir einen schadenfrohen Blick zu nach dem Motto Was will die Alte auch noch nachts um die Uhrzeit auf der Straße. Er stopfte sich irgendwas in den Mund und wirkte sexy. Beide Männer waren irgendwas zwischen 30 und 40, schätzte ich.

Während ich so da saß und über mein elendes Schicksal nachdachte, klingelte das Telefon. Der Linke ging dran. Vielleicht der S-Bahnfahrer?

Eine sehr junge Frauenstimme füllt den Raum. Der Linke hatte das Telefon auf laut gestellt, vermutlich, damit der dicke Glatzkopf mithören konnte. Sie brabbelte irgendetwas Aggressives, von Ausgangssperre, die morgen auch in Hamburg kommen sollte, und Coronamaßnahmen und Freiheitsentzug und Scheiß-Land und keinen Bock mehr.

„Und dann dachten Sie, Sie rufen einfach mal bei der Polizei am Hauptbahnhof an?“ sagte nun der Linke. Er war inzwischen nah an seinen Kollegen heran gedrückt, sie warfen sich Blicke zu. Na ja, Frust loswerden, blöde Bullen, Polizeistaat und lauter so Zeug erzählte die junge Frauenstimme. Der Polizist machte mahnende Einwürfe und von Satz zu Satz wurde die Frau unterwürfiger. Donnerwetter, erkannte ich auf meinem Sünderbänklein, die Frau macht ihn volle Kanne an. Sie kam jetzt richtig in Fahrt dabei. Die beiden Diensthabenden genossen es.

„Wie heißen Sie?“ fragte schließlich der Linke mit strengem Polizisten-Unterton.

„Ich heiße Kim“, hauchte die Junge.

„Kim wie?“

„K wie Katze, I wie Igel, M wie Maus“.

„Das ist ja super. Aber wie soll ich Ihr Anliegen notieren ohne Namen?“

„Sie können mich auf Instagram sehen.“

„Auf Instagram?“ fragte der Linke, während der Rechte ihm zulächelte. „Mit Fotos?“

Die junge Frau wurde ein wenig unsicher und zögerlich. „Na jaaaa“, sagte sie.

„Also her mit der Adresse!“

„Kim Unterstrich Sankt Pauli 1995“, sagte sie schließlich zögerlich.

Der Glatzkopf tippte schon eifrig in seinen PC.

„Nicht schlecht“, sagte jetzt der Linke, offenbar beim Anblick erfreulicher Fotos auf dem Bildschirm.

„Danke“, hauchte die Anruferin.

„Aber Fotos sind eben Fotos.“ Stellte der Linke in den Raum.

„Hä?“

„Die können ja bearbeitet sein.“

„Niemals! Das mache ich nie! Ist alles echt, von oben bis unten.“

„Ja ja.“

„Hey, Du, wie heißt du?“ wurde die Anruferin nun sehr vertraulich.

„Markus.“

„Wie siehst du aus?“ Anscheinend hatte sie ein Funke erwischt.

„Ich glaube, wir müssen die Fotos polizeilich überprüfen!“ sagte Markus sehr streng.

Das Mädchen erschrak für einen Moment. Nach einem ängstlichen Schweigen fragte sie leise: „Und wie?“

Markus und der Glatzkopf schauten sich an.

„Wir sind hier die ganze Nacht im Dienst. Wache Hauptbahnhof.“

Wieder ein vielsagendes Schweigen, in dem man das Atmen des Mädchens zu hören glaubte.

„Ich bin in St. Pauli“, sagte sie dann.

„Kannst in zehn Minuten hier sein“, behauptete Markus.

„Echt jetzt?“ fragte die Abenteurerin.

„Logo.“

„Aber die Taxikohle?“

„Zahlen wir.“

Das Telefonat war zu Ende.

Markus bemerkte genervt, dass ich immer noch auf der Sünderbank saß.

„Dauert noch“, sagte er eiskalt.

Ich spürte um mich herum das unberechenbare Treiben dieser Nacht, die unbeherrschbaren Energien an einem Großstadt-Hauptbahnhof. Und die harte Bank unter meinem Hintern. Und die Ignoranz meiner Person durch die beiden geilen Typen.

„Hey.“

Eine schlanke, sehr junge Frau mit schwarz gefärbten Haaren, einer pinken Strähne darin, Minirock, Netzstrümpfen mit Riesenlöchern (mein Gott, war ihr nicht kalt?), einer knallgelben Jacke und wie es schien einem Korsett darunter stand zwei Meter neben mir.

„Sie wünschen?“ fragte Markus kalt.

„Ich bin Kim“, sagte sie.

„Na und?“ Er liebte es, das Spiel immer weiter zu treiben.

„Na jaaa, die Fotos….“

„Komm her, lass dich anschauen“, befahl Markus. Der Glatzkopf grinste.

Kim ging zur polizeilichen Theke, wo man seine Anliegen vorbringt.

Es war inzwischen nach Mitternacht, wie ich auf der Uhr über dem Kopf der beiden Bullen sehen konnte. Draußen waren nicht mehr viele Leute zu sehen, nur der V-Mann stand noch wie angenagelt vor der Scheibe der Wache. Markus und der Glatzkopf rührten sich nicht von ihren Sitzen hinter Anti-Corona-Plexiglas, nur die eisblauen Augen von Markus blitzten und der Speichel rann von den Lippen des Glatzkopfes. Kim brauchte keine weiteren Worte, sie bewegte sich wie fremd gesteuert hinter die Theke, blieb vor Markus stehen und sah ihn einfach nur an. Erstmal geschah nichts. Ich fragte mich, ob wohl der S Bahnfahrer noch anrufen würde.

„Was fällt Ihnen ein, einfach hier hinter die Absperrung zu kommen?“ raunzte Markus die Delinquentin jetzt an. Sie genoss es sichtlich. Er stand auf, packte ihre zarten dünnen Arme und drehte sie ihr auf den Rücken. Mit bösem Blick legte er ihr Handschellen an und drückte ihre Brust nach unten auf seinen Schreibtisch.

Sie stöhnte.

Mir wurde etwas heiß auf meinem Sünderbänkchen. Was ging hier vor sich? Eine polizeiliche Maßnahme? Würde sich der S-Bahnfahrer bald melden? War das hier Polizeialltag in einem Nachtdienst am Hamburger Hauptbahnhof?

Sie ließen Kim eine ganze Weile so daliegen und mich einfach auf meinem Bänkchen sitzen. Keiner von beiden schaute mich an, vermutlich hatten sie mich vergessen.

„Hey, Harry“, sprach Markus jetzt seinen Kollegen an. „Hast du da auf dem Bildschirm auch Fotos von ihrem Arsch?“

„Klaro.“

„Mal sehen, ob es sich da um Betrug handelt oder um die Wahrheit“, verkündete Markus streng und ich traute meinen Augen nicht, als er ihre Hose mit einigem Ziehen und Zerren herunterzog.

Sie atmete so schwer, dass ich es genau hören konnte.

Und feucht ist sie auch, komm her, sieh dir das an, sagte Markus zum Glatzkopf. Der stand vom Stuhl auf und sah mich kurz an, jetzt hatte ich das glasklare Gefühl, dass sie mir etwas vorspielen wollten, mit voller Absicht. Es erinnerte mich an die Nacht vor tausend Jahren in einer Pariser Polizeistation. Während des Studiums waren eine Freundin und ich nach Paris getrampt. Aus Geldmangel hatten wir nur ein Einzelzimmer gebucht, der Plan war, dass ich später meine Freundin hinein schmuggeln würde. Doch leider erwischte uns die Concierge und sie rief die Polizei. Es war ebenfalls Mitternacht, als zwei fesche Kerle uns abholten und in eine ungemütliche Zelle mit Holzpritsche brachten. Doch bevor sie uns schlafen ließen, beglückten sie uns noch mit Pornoheften, die wir anschauen sollten. Leider waren wir anders als Kim zu unschuldig, so das kein Funke übersprang.
Bei Kim allerdings brodelte es jetzt schon hörbar und nach den Tests mit den Fingern der jeweiligen Polizisten holten sie aus den Schubladen Kondome hervor, zogen sie sich gleichzeitig an. Es dauerte bei Markus auch nicht lange, so dass Harrys Schwanz immer noch knallhart war, als er dran war. Sie spritzten beide sehr schnell und gefühllos ab, klatschten der Delinquentin dann noch jeweils mit der Hand auf den nackten Hintern.

„Zieh dich an!“ befahl Markus.

Ich sah endlich wieder den Kopf der Kim, wie er hinter der Anti Corona Plexiglasscheibe auftauchte. Sie wirkte angenehm derangiert, hatte rote Wangen, und eine genussvolle Leidensmiene.

Das Telefon klingelte. Markus ging dran, hörte kurz zu, sagte Hmmm.

„Der Fahrer hat nichts gefunden in der S-Bahn“, sagte er kurz und knapp zu mir. Ich stand auf. „Ehm ja, vielen Dank für Ihre Mühe“, sagte ich devot und mit sehnsüchtigem Blick in seine eiskalten blauen Augen.

„Auf Wiedersehen“, verdeutlichte er.

Ich ging hinaus, mit heißen Wangen am V-Mann vorbei, eilte in die U-Bahn, die gerade noch fuhr, und ins Hotel. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, Kims Stöhnen in meinem Ohr hörte einfach nicht auf.

Ab morgen nächtliche Ausgangssperre.

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