Eine Frau, die sich immerhin in Szene zu setzen wusste, gut gekleidet, nie nachlässig, dezent geschminkt, ihre Weiblichkeit geschickt betonend – aber schön im klassischen Sinne fand Max sie nicht. Was es immerhin ein wenig leichter für ihn machte. Larissa war immerhin keine unerreichbare Göttin, sondern eine ganz normale Frau, immerhin eine, die häufig Strumpfhosen trug …
Was ihm ebenfalls auffiel: Nie kamen Leute zu ihr zu Besuch. Nie hörte er aus der Wohnung über seiner eigenen nennenswerte Geräusche. Niemand hustete, nieste, lachte, sprach. Larissa nicht und auch sonst niemand. Nie hatte er Larissa auch nur einmal telefonieren hören. Abgesehen von gelegentlichen abendlichen Einkäufen, verließ sie nach Feierabend grundsätzlich nicht mehr ihre Wohnung. Wo andere junge Frauen freitags- oder samstagsabends auf Tour gingen, sich mit Freunden trafen und die Clubs unsicher machten, blieb Larissa zuhause. Max wusste es, weil es bei ihm nicht anders war. Das nahm sie für ihn ein; die gemeinsame Neigung zur Eigenbrötelei war ihm sympathisch; sie hatten da etwas gemeinsam.
Die nächsten zwei Wochen wurden für Max zur süßen Qual. Seine Gedanken waren ständig bei Larissa. Was machte sie wohl gerade? Verließ sie abends das Haus, um einzukaufen, wartete er angespannt auf ihre Rückkehr. Was war, wenn sie gar nicht einkaufen ging, sondern sich mit einem anderen Mann traf? Hätte er da etwas mitbekommen, hätte sie diesen Mann womöglich mit hinauf in ihre Wohnung genommen, um mit ihm … Nein, daran durfte Max nicht denken. Schon der Gedanke daran machte ihn fertig. Insofern war er jedes Mal maßlos erleichtert, wenn Larissa nach einer guten halben Stunde oder etwas später wieder alleine zurückkam (er beobachtete den Hausflur zwanghaft durch den Türspion, wenn er draußen im Treppenhaus ein Geräusch vernahm).
Und dann der Gedanke daran, wann sie wohl wieder ihren Müll entsorgen würde. Wenn Max abends auf dem Sofa saß und Netflix lief, ohne dass er wirklich hinsah, zuckte er beim leisesten metallischen Klappern im Hof zusammen. War das der Deckel der Mülltonne? Er sprang auf, huschte ans Fenster, spähte durch den Vorhangspalt – meistens war es nur der Nachbar von gegenüber, der seinen Müll entsorgte. Enttäuschung und Erleichterung zugleich. Sein Puls brauchte jedes Mal Minuten, um sich wieder zu beruhigen. Sein Leben war ein stetiger Wechsel zwischen Anspannung und Beruhigung.
Larissa war sparsam mit ihrem Müll, das fiel ihm jetzt erst richtig auf. Keine prall gefüllten wöchentlichen Abfalltüten wie bei den anderen Hausbewohnern. Manchmal verging eine ganze Woche, ohne dass sie etwas in die Tonne warf. Max hasste diese Warterei. Sie machte die Sehnsucht nur größer. Die eine Strumpfhose lag inzwischen in einer Schublade, gewaschen (er hatte es nicht übers Herz gebracht, sie schmutzig zu lassen), aber immer noch intensiv nach ihr duftend, wenn er sie nachts hervorholte und sich damit streichelte. Manchmal zog Max sie sich auch an. Er kam schneller als je zuvor, aber die Befriedigung hielt nie lange an. Die eine Strumpfhose war ihm nicht genug. Er konnte es kaum erwarten, die nächste zu erbeuten.
Eine neue Nachbarin
Max und Larissa
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Eine neue Nachbarin
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