Tatsächlich setzte sich ein einfach gekleidetes, aber hübsches Mädchen an meinen Tisch. Sie wirkte hungrig und lächelte erst mich an, dann meine Kartoffelsuppe. So etwas bricht mir immer das Herz, denn es soll auf dieser Welt keine Frau hungern. Kinder sowieso nicht, aber Frauen, diese liebenswerten Naturgeschöpfe, auch nicht. So kam es, dass ich eine zweite Kartoffelsuppe, ein zweites Bier und einen zweiten Laib Brot orderte. „Merci, Monsieur“, sagte das Mädchen respektvoll. Zwischen uns entspann sich ein zaghafter Dialog, weil ich des Französischen nicht wirklich mächtig bin. Viel mehr als „bonjour, mon amour“ geht da nicht. Aber sie entspannte sich hinter ihrem Bierchen und plätscherte fröhlich drauflos. Dann rückte sie näher zu mir hin. „Je peux dormir chez toi?“, fragte sie mit unwiderstehlichem Augenaufschlag. Es war schon 22:00 Uhr, und wo hätte denn das arme Kind nächtigen sollen, wenn nicht in meinem Bett? Ein Wort gab das andere, und ich legte meine Hand auf die ihre. Verlegen senkte sie den Blick, und ich vermutete wunderschöne Brüste unter ihrem dünnen Kleid. Sicher war ich nicht ihr Erster, aber Paris ohne Wärme, ohne ein bisschen Frauenfleisch ist etwa so wie ein Knäckebrot ohne Knäcke oder ein griechischer Salat ohne Oliven und Ziegenkäse.
Ich kann nicht mehr sagen, um welche Zeit die beiden Lümmel an den Tresen traten. So richtige Pariser Lümmel, vermutlich mit Migrationshintergrund, was allerdings nichts zur Sache tut, um korrekt zu bleiben. Trotzdem war es genau das, woran ich in jenem Moment dachte. Sie konnten fliessend Französisch, und sie waren auf der Suche nach einer Braut, denn was gibt es denn im Paris der Gegenwart sonst zu suchen, wenn man, wie ich, den Louvre und den Centre Pompidou in- und auswendig kennt? Schon standen sie an unserem Tisch. „Donnons-lui quelques frics“, sagten sie. Ich begriff sofort.
Einfach... weggevögelt
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Einfach... weggevögelt
Die Geschichte entstand in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskollegen Janno von Anita Isiris. Welche Stellen der Phantasie und welche der Realität entstammen, muss jeder Leser für sich selbst herausfinden.
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