Ein ganz besonderes Einkaufserlebnis

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Ein ganz besonderes Einkaufserlebnis

Ein ganz besonderes Einkaufserlebnis

Irena Böttcher

Seine Augen fielen mir sofort auf; gleich, als ich den Laden betrat. Sie waren von einem so strahlenden Blau, wie ich es vorher nur bei ganz wenigen anderen Menschen gesehen hatte. Und sie leuchteten auf, fixierten mich – so, als habe er auf mich gewartet.
Aber er rührte sich nicht, als ich mich suchend und ein wenig hilflos umsah. Dieser arrogante Mistkerl hat es wohl nicht nötig, sich um die Kunden zu kümmern, dachte ich ärgerlich.
Es hatte mich genug Überwindung gekostet, hierher zu kommen. Mehr als zwanzigmal insgesamt war ich während der letzten paar Tage an den Schaufensterauslagen vorbeigeschlendert, immer mit klopfendem Herzen, und immer an der Schwelle zu dem Entschluss, zu der Glastür zu gehen, die von innen mit einem schwarzen Stoff beschlagen worden war, sie zu öffnen. Getraut hatte ich mich nie.
Doch heute war ein ganz besonderer Tag. Mein Vorgesetzter hatte mir gerade eben eine Standpauke gehalten, dass mir Hören und Sehen vergangen waren. Sogar gebrüllt hatte er. Dabei war gar nicht ich es gewesen, die den versäumten Termin falsch eingetragen hatte. Er selbst höchstpersönlich hatte hier gepatzt. Nur war es natürlich völlig unsinnig zu erwarten, dass er das einsah. Also hatte ich die Prügel eingesteckt. Und jetzt war mir alles egal.
Eine Frau kam auf mich zu, lächelnd. „Kann ich Ihnen helfen?" „Oh ja, danke," antwortete ich. „Sie haben im Schaufenster ein Lederkorsett, das mir unwahrscheinlich gut gefällt." „Es ist eine Sonderanfertigung," erklärte sie. „Nur wollte die Kundin es nachher plötzlich nicht mehr haben. Es war bereits angezahlt, deshalb ist es so günstig." „Welche Größe ist es denn?" fragte ich unsicher. Ich wusste ja nicht einmal, ob es bei Korsetts auch die üblichen Größen gibt – 38, 40, 42 -, oder ob dabei ganz andere, geheimnisvolle Maßangaben wichtig waren. „Sie wollen wissen, ob es Ihnen passen könnte," lachte die Verkäuferin. Ich nickte.
Sie musterte mich kritisch. „Auf den ersten Blick würde ich sagen ja; aber sicherheitshalber würde ich gerne nachmessen."
Wir gingen gemeinsam in eine sehr geräumige Umkleidekabine. Errötend zog ich Pulli und Hose aus, wie sie es verlangte. Aus einer Tasche ihres Jacketts zog sie ein Maßband. Geschickt und schnell legte sie es mir mehrfach an verschiedenen Stellen um den Körper. „Es könnte ein wenig zu eng sein," sagte sie schließlich. „Aber wissen Sie was, ich hole es einfach, und Sie probieren es an. Dann wissen wir es genau."
Ein wenig linkisch stand ich in Slip, Nylons und meinen hochhackigen Schuhen in der Kabine, bis sie mit dem Teil zurückkam. Dunkelviolett war es, und erinnerte an den Brustpanzer einer Amazone. Es reichte über die Brüste – kleine Körbchen sollten sie verhüllen -, und unten bis knapp über den Hüftknochen, lief dann spitz zu bis zur Mitte.
Die Verkäuferin lockerte die Schnüre, hielt mir das Korsett hin. Ich stieg hinein. „Ich dachte immer, Korsetts werden nicht nur hinten geschnürt, sondern vorne auch noch verhakt," bemerkte ich. „Das stimmt schon," antwortete sie. „Aber die Kundin wollte es anders haben."
Urplötzlich fühlte ich mich an meine Teenagerzeit erinnert, als es fast Minuten gedauert hatte, bis ich mich in meine hautenge Lieblingsjeans gezwängt hatte. Mit viel Schlängeln und Ziehen saß das Teil endlich, wo es hingehörte. „Jetzt nur noch die Schnüre anziehen," hieß es dann. Nur noch – die Frau hatte Nerven! Ich hatte inzwischen die Hoffnung aufgegeben, das wunderschöne Stück könnte den Maßen meines Körpers entsprechen. Die beiden Enden auf dem Rücken klafften so weit auseinander, das konnte man auch mit noch so viel Schnüren gar nicht ausgleichen. Schließlich war ich ja keine Wespe, und meine Taille war trotz meiner Schlankheit nie meine stärkste Seite gewesen.
Langsam legte sich das Leder immer dichter an meine Haut. Meine Körpermitte wurde zusammengedrückt. Sehr wohltuend fühlte es sich an. Ich genoss das Gefühl wehmütig, in dem Bewusstsein, dass es das erste und letzte Mal war, dass ich in diesem aufregenden Panzer steckte.
Die Verkäuferin arbeitete sich immer wieder von der Mitte aus nach oben und unten vor, zog, zog, zog.
Irgendwann wurde der Druck unangenehm, schließlich beinahe schmerzhaft. Ich atmete ganz flach. Noch immer war die Lücke auf meinem Rücken mehrere Zentimeter breit, wie ich mit einigen Verrenkungen im Spiegel sehen konnte.
„Ich fürchte, das wird nichts," keuchte ich. Mein Kopf fühlte sich auf einmal ganz leicht an; mir war beinahe schwindelig. Und das Leder presste unbarmherzig meine Haut, Knochen und Organe zusammen.
Plötzlich öffnete sich der Vorhang. „Das Korsett ist wie für Sie gemacht," sagte der Mistkerl mit den wunderbaren Augen. „Lassen Sie mich noch ein wenig schnüren, und Sie werden sehen, es schließt sich. Wenn Sie es regelmäßig tragen, wird es in spätestens einem halben Jahr überhaupt kein Problem mehr für Sie sein, damit herumzulaufen. Sie werden sich an den Druck gewöhnen, und Ihre Taille wird schmaler. Natürlich müssen Sie mit dem Training langsam beginnen, aber ich möchte Ihnen zeigen, dass es geht."
Ich wollte den Kopf schütteln, doch das seltsame Schwebegefühl verhinderte es.
Und schon stand er hinter mir. Gnadenlos ging er zu Werk. Ich fürchtete zu ersticken oder jeden Augenblick ohnmächtig zu werden, mein Bauch schmerzte. Meine Sicht verschwamm.
Etwas klickte, dann ertönte ein leises Surren. Noch einmal das Klicken, das Surren.
Dann lockerte sich der inzwischen unerträgliche Druck. Ich schwankte und wäre gefallen, doch er hielt mich fest. „Tief atmen," sagte er, und trotz meiner Übelkeit nahm ich wahr, wie tief und erotisch seine Stimme war; ein wenig heiser und kratzig, und so voller Versprechen. Eine echte Schlafzimmerstimme.
Es dauerte einige Minuten, bis es mir besser ging und ich wieder alleine stehen konnte.
Die Verkäuferin reichte mir lächelnd zwei Polaroids. Eines zeigte mich von vorne, mit einer Wespentaille, wie ich sie schon immer hatte haben wollen; und das zweite meinen Rücken – mit dem völlig geschlossenen Korsett.
Natürlich kaufte ich es.
Kurz bevor ich den Laden wieder verließ, traf mich noch einmal ein Blick aus diesen unvergesslich blauen Augen. „Darf ich Sie anrufen?" fragte er. Ich gab ihm meine Karte.
Ich glaube nicht, dass er anruft. Aber vergessen werde ich ihn nie.

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