Eisen und Eis

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Eisen und Eis

Eisen und Eis

Auden James

1969: Ein sowjetischer Polizist geht zum Kirow des Nachts.

Siehst du, es ist halt so, und das ist alles.

Dämmerung und Zwielicht sind Vettern, deren Finger sich um den Abend schließen.

Die Zeit zwischen ihnen ist einladend und verlockend wie eine Wiege: die Hängematte zwischen zwei Polen der Illumination. Wir können tun, was wir wollen in dieser Zeit, ohne das Warum zu zergliedern – denn die Welt liegt wie ein warmes Juwel in unserer Hand.

Der Abend strömt mild ins Leerfeld dazwischen, wie die Wolga, wie die Neva.

Wie der Fontanka-Kanal, wo der vorherige Morgen meine Mutter fand, flottierend wie ein präraffaelitisches Gemälde, fahl und nicht länger lebendig.

Der Morgen war zu heiter und klar, selbst für den Winter.

Und so war es die Stunde nach Einbruch der Dunkelheit, die mich schlendern fand entlang des Damms der Neva, außerstande an etwas anderes als das Kirow-Haus zu denken.

Denn dort, in diesem Haus, befand sich die Sache, der meine Mutter ihr Leben nachgeworfen hatte, tief in ihrer Verzweiflung. Ohne an ihre jüngeren Kinder zu denken – die Sache, die sie bewegte, sich in bleierne Bewusstlosigkeit zu trinken und ihren Verstand an die kalten Gewässer des Ladogasees abzutreten.

Abtreten – sie selbst, und einfach sterben.

Hin und wieder stand der Regen vor der Entscheidung zu fallen.

Leningrad war die eine, die niemals fiel, aber der Regen würde immerzu.

Als ich es nicht länger aushielt, der malerischen Fassade des Kirow auszuweichen, umkreiste ich es drei Mal, ohne aufzuschauen. Als ich es nicht länger aushielt, meine Augen abzuwenden, blickte ich auf das Stück Papier in meiner Hand und schritt die schmiedeeiserne Hintertreppe hinauf zu den erleuchteten Fenstern droben.

Einmal drinnen drohte die Stimmung des Ortes mich zu schmerzen – resonant, rhapsodisch, wie eine Chopin-Etüde, sich ballend in einem Punkt der Ergriffenheit, der dir orgasmische Tränen, Schmerz und Lust und heiße Spannung hinter den Augen bereitet.

Es war unmöglich, nicht das Jahrhundert einzuatmen – der Geruch alter Theater ist eigentümlich und tritt Emotionen los. Altes Holz, und weicher Staub, trockene Wärme und rostige Geländer, abgewetzte Wände und zerschrammte Sockelleisten, und weite leere Räume der Stille mit Halonen herabhängender Leuchter.

Das Kirow-Haus war verlassen in der wüsten Nacht, aber Licht brannte in einigen Räumen – geflutet vom radiierten Flackern alter Metalllampen. Die Korridore waren schwach beleuchtet. Ich stieg einen alten, ausladenden Treppenaufgang hinauf, unterhalb einer hohen, in Schatten versunkenen Decke. Eine Regenflut prasselte kalt auf die hohen Fenster ein und zerrann in klare Kapillare, die die Welt jenseits dieser Oase zerstreuten.

Aber es war wirklich eine Oase, keine Fata Morgana, und so wusste ich, dass der geschmeidige Körper, den ich durch die offene Tür im halberleuchteten Obergeschossstudio erblickte, ebenfalls keine Fata Morgana war–

Er war es. Ihr Liebhaber, selbstvergessen in seinem Element.

Ich weiß seit jeher mich lautlos fortzubewegen, wenn es darauf ankommt. Natürlich gibt es Zeiten, in denen du nicht unbemerkt bleiben willst. In denen der schneidende, gezielte Aufprall des Absatzes eines Milizija-Stiefels das wirksamste Geräusch der Welt ist–

Und es gibt Zeiten, die verlangen vorsichtig zu gehen und einen massiven Schlagstock zu führen.

Ich betrat das Studio, überquerte die Schwelle.

Es war das merkwürdigste Gefühl – als ob ich die Bühne eines Stücks beträte und er ein Schauspieler wäre, der mich erwartete, der seinen Text memoriert hatte und nur vorgab, von nichts zu wissen.

Er dehnte sich, ein Bein auf die Barre gelegt, die Zehen zur Spitze geradlinig gespannt. Beugte sich nach unten, hielt kurz, erhob sich dann aufs Neue.

Seine Augen waren leer, richtungslos. Er war vollends fokussiert auf seine Übung. Strecken, und perfekt. Form und Funktion.

Ich zögerte, beobachtete.

Sein Name war Merkurii Barschai. So viel wusste ich. Ich wusste es aus seiner Akte, ich wusste es aus den Telefonaten, die ich geführt hatte.

Meine Wange zwickte, und als er sich über sein ausgestrecktes Bein erneut vorwärts beugte, sprach ich, meine Stimme leise nachhallend im stillen, warmen Raum.

»Du also bist derjenige.«

Der niedergebeugte Kopf hob sich, und dunkelgrüne Augen blickten auf unter lockeren Strähnen zottigen Haares in der Farbe heller Kastanien.

»Sie sagte, sie hätte einen Ehemann«, sagte der Tänzer nach einem Augenblick. Er wandte sich ab, aber nicht ehe ich den Kummer in seinem Gesicht erkannte.

»Sieh mich an«, forderte ich und er tat es schließlich, drehte seinen glattkantigen Kiefer herum und betrachtete mich mit seinen Kosakenaugen. So konnte ich die schlaflosen Ringe darunter sehen, die Rötungen und Flecken von vergossenen und unvergossenen Tränen. »Ich bin nicht ihr Ehemann. Ich bin ihr Sohn.«

Die Haltung des Tänzers wechselte. Ich war verblüfft in diesem Moment angesichts seiner meisterhaften Beherrschung seiner Kunst, selbst unbewusst – dass ein bloßer Körper vermochte, echter Emotion kinetischen Ausdruck zu verleihen.

In diesem Moment verstand ich, warum sie von ihm als einem Meistertänzer sprachen: Es war alles da, ehrlich und unverhohlen – Schuld, Gewissensbisse, Reue, Verdruss und über alldem eine intarsierte Patina der Trauer.

Ich las das alles in seinen Schultern, seinem Rücken, der leichten Beugung seiner Arme: das minuskelhafte Schwanken seiner Anmut, wie die springende Nadel eines Plattenspielers.

»... ihr Sohn.«

Er hob seinen Hacken minimal und senkte sein Bein von der Barre. Kontraktionen seiner kraftvollen Muskeln entlang des ganzes Oberschenkels: eine maskuline Stärke, die aus nächster Nähe keine Ähnlichkeit zu Schwanensee aufwies.

Er drehte sich und sah mich an, ernst und mit dunklen Augen.

Er betrachtete mich, schweigend, seine Miene kryptisch.

Ich weiß, was er sah.

Meine stahlgraue Uniform, von der Kappe, dem Mantel bis zur Jodhpurhose zu groß, polierte Stiefel, die bedrohlich an meinen Waden krallten. Augen, hell grün-grau wie das Eis sibirischer Flüsse, blondes Haar, glatt zurückgekämmt von meiner Stirn.

Mit voller Absicht, denn es schärfte die Strenge meines Gesichts und die Linie meiner vollen Lippen.

»Du bist vom MWD«, sagte er schließlich.

»Ja«, sagte ich. »Sicher hat Avdotia dir erzählt, dass ihr Ehemann einer der Ministeriumsdirektoren ist.«

»Avdotia?« Er schmunzelte bitter. »Ich kannte sie als Euadne. Neben all den anderen.«

»Den anderen?«

»So einige Euadnes sind gekommen und gegangen und machten mich zu ihrem Apoll.«

»Die gelangweilten Ehefrauen von Parteimännern beschlafen«, sagte ich, mit einem unartikulierten Schnauben. »Wie bourgeois.«

Er hielt inne.

»Sie war meine Favoritin.«

»Sie war meine Mutter.«

Der trockene Ton meiner Stimme schien ihn zurück zum eigentlichen Thema zu bringen.

»Und nein. Sie erzählte mir nie, dass ihr Mann ein Ment sei. Geschweige denn ihr Sohn.« Seine Augen schienen widerwillig mein Gesicht zu suchen, aber er konnte nicht aufhören, studierte mich von jenseits des leeren Raums zwischen uns. »Du siehst ihr ähnlich.«

»Gelegentlich.«

Er nickte, langsam.

»Du siehst auch jemand anderem ähnlich.«

»Ihm.«

Er schüttelte den Kopf, legte seine Hände auf seine Stirn.

»Ja, natürlich«, sagte er leise. »Natürlich würdest du.«

»Du bist jung«, sagte ich.

Ein Tänzer, natürlich – ich wusste, dass er jung sein würde. Etwas Anderes aber war es, ihn hier in diesem weiten Raum zu sehen, mit seinem überlangen Wolljersey und seinem sorgsam geformten Körper, kaum älter als ich es war.

»Sie meinte, ihr Sohn sei sieben«, sagte er stockend. »Ein kleiner Junge.«

Ich zog eine verwunderte Miene, fühlte einen flüchtigen, irrationalen Schmerz, obschon ich wusste, dass es keine Absicht ihrerseits war, Andrei allein zu erwähnen.

»Sie hat zwei Söhne«, entgegnete ich. »Ich bin derjenige, über den sie nicht mit ihren Liebhabern spricht.«

Ich verstand warum. Die Illusion erforderte es, denn hätte sie über mich gesprochen, wäre sie gezwungen gewesen über das nachzudenken, was sie tat, wer sie war und was dieser junge Mann für sie war. Ob er irgendein krankes Ödipus-Surrogat war.

Im Innern jedoch blieb die Qual der Ungewissheit und die unauslöschliche Erinnerung ihrer eigenen Worte an meinen Vater, den MWD-Polkownik, an jenem Tag, als er von der Affäre erfahren und sie aus dem Haus getrieben hatte – der Tag, an dem er sie zum Sterben getrieben hatte.

Du hast bereits Ilarion verdorben. Musst du auch Andrei noch zerstören?

Der Tänzer neigte seinen Kopf, verschüttete ein Geflecht weichen Haares über sein Kinn.

Seine Augen schienen über mir zu schweifen wie Stoßtaucher, dem Himmel nicht ganz verbunden.

»Dann bist du nicht Andrushka«, sagte er.

»Nein«, antwortete ich mit äußerster Sachlichkeit. »Ich bin Ilarion Alexandrowitsch.“

»Ilarion«, wiederholte er. »Aus dem Griechischen: ἱλαρός – heißt so viel wie heiter oder fröhlich.«

Das hatte ich nicht gewusst. Und schon gar nicht hatte ich erwartet, dies vom Liebhaber meiner toten Mutter zu erfahren.

»Man nennt mich Lasha. Und dich?« fragte ich, obschon ich den Namen hundertmal seit gestern gelesen hatte.

Gestern.

Seit sie sie in den Morgenstunden gefunden hatten, mit dem Gesicht nach oben im Fontanka-Kanal flottierend wie ein präraffaelitisches Gemälde.

»Du bist entweder gekommen, um mich umzubringen oder zu verhaften«, sagte er. »Ich werde meinen Frieden mit beidem machen.«

Ich zögerte.

»Nein«, sagte ich leise, und die Worte waren fragil wie Asche, in der Gefahr davon geblasen zu werden, wären wir nicht in seinem stillen, warmen Studio gewesen. »Ich kam zu sehen, wie du trauerst.«

Ich schritt vorwärts, langsam. Meine Stiefelabsätze klackten auf dem Studioboden, ein markanter Kontrast zum geräuschlosen Aufsetzen seiner nackten Füße mit ihren tadellos umbundenen Fußgewölben. Weiße Tape-Streifen, an den Rändern vom Tanzen auf dem glattgelaufenen Parkett schwach staubverfärbt.
h will, dass du mir zeigst warum«, sagte ich und drängte ihn gegen die Wand, unaufhörlich, stierte in seine Augen. »Was an dir ... rechtfertigte, dass sie dieses Risiko einging.«
»Ich kann nicht«, sagte er, doch erwehrte sich meiner nicht.

»Warum nicht«, sagte ich, spielerisch, innerlich erpicht.

Meine Hände ruhten auf seinen wohlgeformten Schultern, resolut und eisernfest, trotz ihres behutsamen Drängens. Ich kannte ihn, denn ich hatte seine Akte eingehend studiert, mit einer Flasche Scotch in meiner Hand und einem Glas – unbenutzt – auf dem Schreibtisch. In der Entscheidung darüber, was ich von diesem Genossen von mir halten sollte, zu dem Avdotia eine Frau gewesen war und nicht eine Mutter oder eine Spießgesellin in einem fehlgelebten Sozialexperiment.

Ich hatte auch noch etwas Anderes über ihn erfahren. Etwas, das mich zu diesem Moment führte, ungekünstelt und roh.

»Ich habe deine Akte gelesen«, sagte ich.

»Ich kann mir vorstellen, was du denkst–«

»Kannst du?«

Stille, in der er aufblickte, langsam.

Ich packte fester zu, strich seine Arme entlang, wo unter den Drei-Viertel-Ärmeln seines schwarzen Tänzer-Jerseys sich di
Muskeln wanden. Der Halsausschnitt seines Pullovers war weit und reichte bis unter sein Schlüsselbein, zeigte eine Spur seiner skulpturierten Brust, der kuppelhaften Erhebung seiner Schulter. Sein Körper schimmerte beinah unter meinem Griff, brummte wie unter Strom stehende Untergrundkabel.

Er war der ihre gewesen. Ihre Konterbande, ihr Vergnügen abseits des Staates.

Es fühlte sich natürlich an, wie die brechende See, als ich seinen Arm ergriff und seinen Kuss brutal als den meinen einforderte.

Mir schien, der Tänzer war dem Wahnsinn nahe gewesen, denn sein Mund traf auf meinen wie die Pranke eines ausgehungerten Bären, und ich begriff, dass er verlangte, wie ich es tat.

Ich weiß nicht, was mich antrieb an diesem Tag, dass ich mich zu Fuß auf den Weg zum Kirow machte, meinen schwarzen Wagen und Fahrer mied, die schneebedeckten Straßen entlang und die uralte, schmiedeeiserne Hintertreppe hinauf.

Aber ich wusste, was zu tun ich gekommen war.

Meine Hand griff ruhig nach meinem Pistolenhalfter, so dass die Angelegenheit zwischen unseren Mündern nicht gestört würde. Ich hatte die volle Absicht meine Waffe zu ziehen.

Seine Lippen führten mich, saugten heftig an meinen. Sein Mund band mich an ihn und ich verschlang ihn förmlich an der Betonziegelwand, während die vorspringende Barre seinen Rücken in eine unnatürliche Krümmung zwang, die mich weiter erregte.

Ich fand, was ich suchte, und öffnete den Schnappverschluss mit meinem Daumen. Behutsam, ruhig. Nicht dass er aufschreckte, nicht jetzt, da ich ihn auf der Kimme hatte.

Einen Moment später polterte mein Holster zu Boden, den ich ablegte, ohne uns zu unterbrechen.

Ich entzog mich dem Kuss ungestüm und streifte ihm sein schnittiges, schwarzes Jersey ab – alle Vorwände vergessen und die Natur meines Kommens offenbart –, krallte den weichen Stoff in meiner Hand zusammen und warf ihn fort.

Als ich meinen Schwanz rausholte, ging er auf die Knie, und erneut sah ich seine angeborene Anmut, wie agil und stark er war. Aber da war nichts Feminines in seinen Bewegungen.

Er blies ihn mir dort im Studio, und meine lidblinkernden Augen erfassten es alles in der panoramischen Pracht dreifach verspiegelter Wände.

Ihn dort zu sehen, ohne Hemd und vor mir kniend– Ich kann nicht beschreiben, was es in Gang setzte.

Ich verfolgte das Wechselspiel der Muskelgruppen auf seinem Rücken, den ununterbrochenen Fluss kinetischer Bewegung, der meinem eigenen Schaudern unter der gierigen Fürsorge seines Mundes glich.

Während draußen es die ganze Zeit über regnete, Leningrad mit gottlosen Tränen überschwemmt wurde, und die Lichter über uns flackerten und schwach pendelten, gleich der kahlen Beleuchtung der Verhörräume, die ich so gut kannte.

Hände, die über meine entblößten Schenkel und Pobacken streichen, die im Tandem weite, unbekümmerte Ellipsen reiben, und die schwielig waren von der Barre: Ich erinnere mich daran sehr gut. Erinnere mich daran – und wie ich es genoss.

Als ich es nicht länger aushielt, fasste ich ihn bei den Haaren, wand meine Finger in die Samtweiche und zog ihn grob wieder hoch in den Stand.

Seine Augen trafen meine fieberhaft, als er seine Stellung wählte. Den Rücken zur Wand, die Arme hinter sich auf den Trizeps gestützt, fasste er die Barre und winkelte die Ellbogen spitz an.

Ich zögerte keine Sekunde. Meine Hände zerrissen, was an ihm geblieben war, schälten ihn aus seinem grauen Leotard, legten schließlich den ganzen begehrenswerten Körper frei, wenngleich der kaum verborgen gewesen war.

Seine Bauchmuskeln kontrahierten zusehends stärker, als er langsam seine Füße vom Boden hob, sich selbst darüber durch die rein isometrische Kraft seines Trainings in der Schwebe hielt, was mir ermöglichte, seine Sachen runterzuziehen und zu vergessen, da ich seine Form bewunderte.

Alsdann Verlangen, wie ich es nie zuvor gekannt hatte. Im nächsten Moment seine schlanken, muskulösen Beine angehoben, über meine uniformierten Schultern gehakt. Begegne dem verheißungsvollen Antagonismus seines Blicks. Er wollte es unbedingt von mir, wie die hochkarätig diamantene Härte seines Schwanzes gestand – aber er war nicht zu lustvernarrt, als dass Körper und Geist so einfach kapitulierten. Er war ein Virtuose, respektiert, gerühmt, und in aller Munde als Liebhaber vieler Frauen.

Mich kümmerte nicht, als was die Welt ihn kannte. In diesem Moment war er mein: Ich konnte ihn zu Grunde richten oder befriedigen, wie mir beliebte. Und er billigte das, aber seiner Stirn war anzusehen, dass es ihm zusetzte. Ich verstand ihn. Selbstverwirklichte Männer hüten sich davor, von irgendwem besessen zu werden, selbst wenn nur flüchtig, in vorübergehender Leidenschaft.

Ich beugte mich nach vorn, ereilt von einem Augenblick fremdartigen Mitgefühls. Ich küsste ihn, als ich in ihn eindrang.

Ein Grunzen entdrang seinen Lippen, als ich ihn nahm, und er warf seinen Kopf zurück, sein Schwanz einmal, zweimal zuckte und – ohne Frage – seine Begeisterung offenbarte.

Ich schlang meine Arme um und zwischen seine, als ich mich in ihm versenkte, klammerte meine Finger um die glatte, hölzerne Stange, die seine Hände stützte, hielt ihn zwischen mir selbst und der Barre, spürte seinen zuckenden Schwanz an meinem Solarplexus.

Und damit fing ich an – ihn zu ficken, meiner Mutters Tagtraum, meines Vaters Albtraum. Mein erster männlicher Geliebter.

Fickte einen Mann, wie ich es nur aus schmählichem Geflüster und Witzen über die Zone kannte.

Und er öffnete sich mir – zügellose Lust quoll herauf in jenen Augen –, schleifte mich erbarmungslos, obgleich ich ankämpfte, der Revolution seiner flachen, gemeißelten Hüften zu widerstehen.

Mir war klar, wie ungebührlich es war, nicht einmal meine Kappe oder Stiefel ausgezogen zu haben. Ihn – ungleich nackter und die Beine für meinen Gebrauch gespreizt – zu ficken, während ich noch in voller Montur dastand, abgesehen von meiner meine Knie streifenden Stiefelhose.

Und doch befriedigte mich, dass es so war und nicht anders.

Kurz bevor ich ihn kommen ließ, raunte ich ihm zu, dass ich ihn schön fände, fabelhalft, dass er lebendig gewordene Kunst sei – dass ich die Betörtheit meiner Mutter verstand, aber dass sie ihn niemals so gekannt haben könne, wie ich es jetzt tat.

Denn ich war in ihn eingedrungen, ich drang in ihn ein, und all seine Geheimnisse waren mein.

Und wie es mir beliebte, so hatte ich ihn um seine Anmut gebracht.

Er kam heftig, auf meinem Schwanz, und gegen meine groben, schlagartigen Stöße, Laute von sich gebend, die ich nie von einer Frau gehört hatte, und ich nahm sie auf, außer Stande einen klaren Gedanken zu fassen, sah seinen Schwanz an, wie er sich wand und seinen Bauch bespritze mit cremig weiß– ein Bauch, der orgasmisch zuckte.

Angestachelt, es ihm gleichzutun, wenige Nanosekunden davon entfernt, trieb ich jeden verbliebenen Zentimeter meines Schwanzes hinein in die himmlisch enge Umarmung St. Petri und vorbei an ihm; ich brach durch das Tor und spürte eine ferne Sonne mich verzehren.

Ich denke, ich starb ein Stück weit an diesem Abend, in den heruntergekommenen Obergeschossstudios des Kirow-Hauses, mit dem unablässigen Regen, der draußen auf die Kupferkuppeln niederhämmerte, und den flackernden Lichtern über mir. Spürte das mannhafte Gewicht des Solisten des Leningrader Staatsballetts auf meinen Lenden, einem wollüstigen siamesischen Zwilling gleich, wusste meinen harmreichen Samen – für mich verloren – in ihm, fadentief.

Der Geruch einer Frau, wenn du sie befriedigst, ist lieblich und pikant wie das Zerreiben von Gewürzen oder Salz und Orangen.

Der Geruch zweier Männer ist schwindelerregend wie Opium und aufputschend wie die Hölle in einer Teetasse. Unmöglich auszubalancieren – oder abzuschlagen.

Und sobald du ihn kennst, durchdringt er dich mit erster Liebe – derselben ersten Liebe von der Dante im Abstieg in die Verdammnis sprach. Einer Liebe, die dich so heftig packt, dass sie bisweilen grausam ist.

Aber manchmal ist sie personifizierte Waffenruhe – im Moment gegenseitiger Kapitulation.

Sie ist immer schön.

Das dachte ich, sogar als ich meinen erschlaffenden Schwanz aus ihm zog, ihn aufstöhnen hörte, und seine ermüdeten Beine herabsinken ließ, sodass sie wieder den Boden berührten. Diese kraftvollen Beine, zitternd vor Erschöpfung.

Er atmete leise, sah mich an mit seinen dunklen, weit auseinanderstehenden Augen, die kastanienfarbenen Quasten seines Schopfes zerzaust, seine Haut errötet vor Erregung.

Ich war heftig am Luftholen, obendrein, aber ich verdrängte es, als ich mit routinierten Gesten meine Uniform wiederherrichtete, meinen Schwanz zurück in meine Jodhpur steckte, meinen Schulterholster über meinen Kopf streifte, sodass er aufs Neue straff meine Brust überkreuzte; und ich zog den Gürtel fest an meiner Taille.

Der Tänzer besaß einen eindrucksvollen Körper, in Seiten und Schultern wohlproportioniert.

»Du hast nichts allein getan«, sagte ich, schaute ihn eingehend an, prüfte ihn wie einen Vollbluthengst. Suchte Fehler, suchte Schwächen. »Sie war eine selbstbestimmte Frau.«
Ich erwiderte seinen starren Blick und nickte einmal, kurz.

»Ich kann das nicht gelten lassen«, sagte er, still.

»Du hast das nicht zu entscheiden. Der MWD befindet dich nicht des Ehebruchs für schuldig.«

Er schwieg.

»Wenn überhaupt wer, dann hat sie die Schuld zu tragen«, fügte ich hinzu, gerade dabei meine Handschuhe überzuziehen, und stellte fest, dass ich sie nie ausgezogen hatte. Eine zarte Beugung des Leders: Ich ballte meine Hand zur Faust und öffnete sie wieder.

Er schwieg, mit erhobenem Kinn, gefasst.

Ich zeigte ein Grienen, flüchtig und nachsichtig zynisch.

»... du wirst dich deswegen nicht mit mir rumquälen müssen.«

»Das heißt, ich werde dich wiedersehen«, sagte er, lehnte sich entspannt gegen die Barre zurück, die Arme verschränkt und zufrieden, als ob nackt und frisch gefickt in einem Raum voller Spiegel zu sein, so wenig erwähnenswert für ihn wäre wie das Luftholen. »... oder etwa nicht?«

Ich wandte mich zum Gehen, eine mulmige Ruhe erfasste mich, aus dem Nichts, wie in der weltentrückt tiefen Nacht.

»... ich wüsste nicht, wie du es vermeiden könntest.«


Nachbemerkung des Übersetzers
Ich danke der Autorin des Originalerotismo MlledeLaPlumeBleu für ihre exzeptionelle Imagination und ihre Bereitwilligkeit, ihr Werk mit uns Lesern im Internet frei zu teilen, sowie ihre anregende Unterstützung, ohne die ich die Übersetzung nicht hätte abschließen können. Ich danke weiter J.K. für ihre sorgfältige Lektüre. Da ein historisches und die Sprache herausforderndes Erotismo wie Iron and Ice nicht im Alleingang zu übersetzen ist, danke ich außerdem diversen Webseiten für das Bereitstellen ihres Expertenwissens: Federation of American Scientists für die Hintergründe zum MWD, Alchemy Mindworks für die Abbildungen der Gemälde der Präraffaeliten, Merriam Webster fürs Erhellen verschiedenster Ambiguitäten und Nuancen des Englischen.


Aus dem amerikanischen Englisch von Auden James
Titel des Originalerotismo: Iron and Ice

Copyright 2007 by MlledeLaPlumeBleu
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