Eiskalt

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Eiskalt

Eiskalt

Claudia Carl

Augen zu und durch. Die Haut in meinem Gesicht brennt vor Kälte, meine Lippen spüre ich kaum, seine noch weniger. Die warme Zunge, die jetzt in meinen Mund dringt und darin seltsam hin- und her zuckt, ist ein absolutes Kontrastprogramm, der Temperaturunterschied beträgt gefühlt 30 Grad. De facto haben wir minus sieben Grad in diesem Wald südlich von München, dem Perlacher Forst. Gefrorener Schnee liegt auf den Wegen und den Tannen, der Himmel ist blau und leer, kein einziges Wölkchen trübt dieses Date, das nach vier oder fünf Jahren, genau lässt sich das nicht mehr rekapitulieren, nun doch endlich stattfindet.

Mein Begehren hat Horst an einem Mittwochabend geweckt, als er mit seinen Stammtischfreunden im Tanzlokal an der Theke stand, lässig und desinteressiert, nur zwei Meter von meinem Single Sitzplatz entfernt. Von Anfang an hat mir sein Arsch am besten gefallen. Von Anfang an konnte ich mir sein Gesicht nicht merken. Immer wieder, wenn er nach Wochen erneut in einer Ecke des Tanzlokals auftauchte, erkannte ich ihn allein an seiner geraden Haltung, seinen Beinen in der Hose, der Wölbung seines Hinterns. Sein Gesicht war konturlos, nichtssagend, es grub sich einfach nicht in mein optisches Gedächtnis ein. Mehrmals stand er fast neben mir oder zumindest in meiner Sichtachse, ich schaute durch ihn hindurch. Erst wenn er sich bewegte, langsam und abwartend durch den Raum schritt und seine schmalen Hüften und sein Oberkörper eine gerade feste Einheit bildeten, an die man sich anlehnen möchte, die man über sich spüren möchte, spürte ich es wieder: Für ihn würde ich alles tun.

An jenem ersten Abend forderte ich ihn zum Tanzen auf. Er schien überrascht, aber auch wieder nicht, denn er wusste durchaus um seine Attraktivität. Tanzen sei ja so gar nicht sein Ding, egal sagte ich, ich wollte ihn einfach nur anfassen, mich an ihn lehnen, ihn in Versuchung führen. Er ließ sich auf die Tanzfläche ziehen und ich wollte alles für ihn tun.

Ich war eigentlich auch der Meinung, dass ich dies deutlich genug ausstrahlte. Mit einem mädchenhaften bewundernden Lächeln nach oben – ich reichte ihm bis zur Schulter – mit dieser Weichheit im Blick, die jede Gegenwehr ausschließt. Mit einem Gefühl im Herzen, das ihn als einen Traummann erkennt. Aber vielleicht war gerade Letzteres zu viel und es stieß ihn ab. Oder es war einfach die Tatsache, dass die U-Bahn bald fuhr und er nach Hause musste, zu seiner Frau.

Die Stammtischfreunde waren nie ein Hindernis, ganz im Gegenteil. Die verabschiedeten sich immer wissend und freundlich nach einer gewissen Zeit und wünschten uns noch einen schönen Abend, vor allem ihrem Kumpel, denn sie glaubten wohl wie ich, dass da noch einiges gehen würde. Wir tanzten auch oft bis halb eins, wenn die Fläche schon sehr leer wurde. Sein Mund war schon öfters in der Nähe von meinem, doch mehr geschah nie. Er fragte mich oft, ob ich mit zur U-Bahnstation gehen wollte, ich war enttäuscht, dass er kein Auto hatte, um mich nach Hause zu fahren. Ich sagte Nein, denn an einer zugigen U-Bahnhaltestelle wollte ich ihn nicht küssen. Ich wollte ihn auch nicht mit zu mir nehmen, denn mein Prinzip lautet: Ein Mann, der etwas von mir will, muss für den passenden Ort sorgen.

Das konnte er wohl nicht, zumindest nicht spontan, denn er war ja verheiratet, wie er erzählte. Auch dass ihn seine Frau leider erst jüngst beim Fremdgehen erwischt habe. Ihr Bruder habe ihn im Auto seiner Geliebten gesehen, einem chicen Mercedes, er am Steuer, die Dame daneben. Daraufhin wurde er vom Familienrat intensiv befragt, das Misstrauen war da. Ein Siebenbürger aber lässt sich nicht scheiden.

Dass Männer aus Siebenbürgen oder auch Transsylvanien, der Heimat Draculas, eine ganz besondere Männlichkeit hatten, war mir schon früher aufgefallen. Bei einer anderen kleinen Affäre, die in eben jenem Tanzlokal begann. Es ist eine sehr selbstbewusste, fast selbst verliebte, aber doch nicht abstoßende Männlichkeit, es ist eine Selbstverliebtheit, die man ihnen gönnt, die sie verdient haben.

Eheliche Beständigkeit gehört zur Ehre des Siebenbürgener Mannes. Eine stattliche Anzahl von Geliebten ebenso, wobei der Glaube dieser Männer, dass alle Frauen sie dringend brauchen, dass sie sie mit ihrer Anwesenheit und ihrem Schwanz retten und trösten, so unfassbar ist, dass er schon wieder cool ist. Mein Siebenbürgener Liebhaber Nummer eins etwa berichtete mir später, nach unserer Affäre, dass er mitunter jeden Abend der Woche bei einer anderen Dame Trost spende.

Horst tauchte immer wieder auf, schaute immer wieder nach mir. Einmal verbrachten wir einen Faschingsdienstag im Tanzlokal zusammen, als seien wir ein langjähriges Paar. Wir saßen stundenlang zusammen an der Theke, tanzten, saßen, tranken und gingen schließlich noch nach oben in die Gaststätte, wo ein paar verrückte Faschingsgesellschaften auftraten, und er lud mich zu deftigem bayerischen Essen ein. Die Bedienung flirtete mit ihm wie alle Bedienungen, und trotzdem akzeptierte sie mich als seine Partnerin, die sie aber gnadenlos mit ihm betrügen würde.

Doch auch nach diesem stundenlangen Faschingsabend war Sense ohne Kuss und Bett. Er ging zur U-Bahn und ich blieb noch bis zum Kehraus. Verwirrt und enttäuscht.

Manchmal fragte er mich, ob ich eine Woche mit ihm verreisen wolle. Hallo, sagte ich, gleich eine Woche verreisen? Mit einem Mann, der mich noch nicht einmal geküsst hat?

Er hat mich nie angerufen. Meine Telefonnummer hatte er seit Jahren. Doch diese sei versteckt in einer Packung Tempotaschentücher, verriet er einmal. Damit seine Frau sie nicht finde. Vermutlich hielten ihn einfach andere Geliebte auf Trab.

Wir kamen nie zusammen. Er tauchte zu selten auf oder im falschen Moment. Etwa kurz vor dem Lockdown, als ich gerade einen anderen Verehrer hatte. Das musste er sich dann offenbar jede Woche aufs Neue anschauen, dass ich tatsächlich nicht mehr auf ihn wartete, so oft war er vorher nie da gewesen. Und dann hatten unsere zufälligen Treffen ein Zwangsende. Corona.

Letzte Woche klickte ich mich durch mein Handy Adressbuch. Dort stieß ich auf Robert-Horst. Unter diesem Namen hatte ich einen seiner Stammtischbrüder gespeichert. Plötzliche Sehnsucht nach der Verlockung.

Wie geht’s euch so was macht ihr? schrieb ich an Robert. Er antwortete, es sei alles ziemlich langweilig und so, kein Stammtisch mehr im Gasthaus und kein Tanzlokal.

Horst hat mich dann zum ersten Mal angerufen. Ich habe es nur rein zufällig gehört, denn seine Nummer war natürlich unterdrückt. Wir haben uns dann verabredet. An der Trambahnhaltestelle Großhesseloher Brücke, um im Perlacher Forst spazieren zu gehen. Noch immer ist er mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, vermutlich weil seine Frau fragt, wo er denn hin will, wenn er das Auto nimmt. Ich bin immer noch etwas enttäuscht, aber mein Gott, im Lockdown, wie soll man da noch anspruchsvoll sein.

Wir haben uns also bei minus sieben Grad um 13 Uhr an der Haltestelle getroffen. Ich war fast überrascht, dass er tatsächlich gekommen ist. Nicht wie damals vor ein paar Jahren, bei einem ersten Versuch einer Verabredung, als ich ewig lange vor einer Tanzschule stand, zu der ich ihn bestellt hatte. Er tauchte nicht auf.

Diesmal stieg er tatsächlich aus der Trambahn. Vermutlich hat ihm der Lockdown auch einige Liebhaberinnen geraubt, die sich an die Kontaktbeschränkungen halten und am Ende gar richtig Angst vor Körperkontakt haben. Warum soll es ihm bessergehen als mir. Er hat mich kurz umarmt und mich auf die Wange geküsst. Sein Gesicht war fremd für mich. Aber seine Schultern in der Winterjacke eindeutig erkennbar, die Art zu gehen, wie ein Tiger, die Hände in den Taschen der blauen Daunenjacke, die teuer gewesen sein muss.

Ich habe mit so oft vorgestellt, wie es mit ihm sein könnte. Wir könnten ein Hotelzimmer mieten und uns dort am Nachmittag treffen, um 15 Uhr. Wir würden die Vorhänge zuziehen, so dass es ein wenig schummrig wäre, genau so viel, dass man ein bisschen jünger und besser aussieht, auch nackt. 15 Uhr ist außerdem für mich eine Orgasmus freundliche Zeit. Ich bin noch nicht zu müde und schaffe es in relativ kurzer Zeit. Ich stelle mir vor, wie er mich begattet, ja genau dieses Wort würde zu seiner Art von Ficken passen. Gradlinig, männlich, ohne das Gesicht zu verlieren, das Ego. Er würde vermutlich nicht einmal stöhnen beim Kommen, ja, genau so ein Typ war er. Aber gerade das gefiel mir. Es hatte etwas Väterliches, etwas geborgen-verdorbenes, diese perfekte Mischung, die mich anmacht. Ein autoritärer Vater, der nur für mich dahinschmilzt, nur mir in dieser heimlichen Intimität seine Güte schenkt.

Von einem warmen Hotelbett sind wir an diesem Nachmittag weit entfernt. Die Hotels sind ebenso geschlossen wie die Gaststätten und unser Tanzlokal in diesem verdammten Dauer- Lockdown. Einen Spaziergang habe ich vorgeschlagen, von ihm kam wie immer nichts außer selbstbewusstem Abwarten. Was bleibt einem sonst in diesen Zeiten außer an der frischen Luft nach etwas Einsamkeit und Abgeschiedenheit zu suchen. Dass Horst Angst vor dem Coronavirus hat und sich deshalb nur an der frischen Luft treffen will, glaube ich nicht. Obwohl ja derzeit die intelligentesten Menschen dieses Märchen glauben, es ist immer wieder erschütternd.

Er redet wenig wie immer, wir gehen den kalten einsamen Weg entlang hinein in den Forst, kein Mensch kommt uns entgegen. Ich stecke meine Hand zu seiner in die Jackentasche, er schaut zu mir herunter, ausdruckslos. Er tut nichts dafür, seine Beute zu kriegen. Er weiß, dass sie ihm nachlaufen wird. Ich mache mir nichts mehr draus, Hauptsache, er ist jetzt hier.

Je tiefer wir in den leeren Wald gehen, desto intensiver muss ich an den Zeitungsbericht denken, den ich an diesem Morgen gelesen habe. Eine Frau war in Brandenburg mit ihrem Hund im Wald spazieren, als plötzlich drei Wölfe auftauchten, die sie langsam, aber sicher verfolgten. Sie versuchte, sie mit lauten Rufen und dem Herumschleudern der Hundeleine zu vertreiben, doch sie ließen sich nicht abwimmeln.
Die Angstlust, die mir diese Szene bereitet hat, noch dazu ein Video von einem Wolf, der sich in den Garten eines Wohnhauses verirrt hatte, kriecht durch meinen Körper, als ich neben Horst den Weg entlanggehe. Warum mich Bedrohungen erregen, ich weiß es nicht. Mit Liebesgeflüster hat mich noch kein Mann zum Höhepunkt gebracht.

Meine Beine in den Wollstrumpfhosen werden immer kälter, zum Glück sind die Füße in den unsexy aussehenden Moon Boots warm. Seine Schuhe sind ebenfalls hässlich, ich frage mich, ob er eine lange Unterhose trägt. Unvermittelt und ohne ein Wort dreht er ab und geht vom Weg herunter in den Wald. Wir stapfen durch tiefen, harten Schnee und mein Herz fängt an zu schlagen.

Auf einem dicken Baumstamm, der auf dem Waldboden liegt, liegt eine mindestens zehn Zentimeter dicke Schneeschicht. Horst wischt ein wenig davon weg und setzt sich. Er zieht mich auf seinen Schoß.

Dass er so komisch küsst, und nicht tief und eindringlich, wie ich es eigentlich mag – egal. Hauptsache ein Mann küsst mich, seit Monaten im Liebhaber-freien Lockdown. Er zieht nebenbei den Reißverschluss seiner Jacke auf, nimmt meine linke Hand und legt sie auf seinen Schwanz in der Hose. Die Kälte kann ihm offenbar nichts anhaben, mit klammen Fingern ziehe ich den Reißverschluss der Hose herunter. Er trägt eine lange Unterhose. Das spielt nun auch keine Rolle mehr, er schiebt mich kurz runter, steht auf, zieht Jeans und lange Unterhose – immerhin in Schwarz – herunter und der dicke rote Schwanz mit seiner prallen Spitze pulsiert. Als ich ihn anfasse, ist er noch warm, aber nur Sekunden, dann wird die Haut schon von den Minustemperaturen erfasst.

Ein Schwanz so kalt wie der von Dracula.

Ich habe immer geahnt, dass er es gerne von hinten macht, es passt einfach zu seiner Art. Er dreht mich jetzt um und zieht mein Winterkleid hoch, meine Wollstrumpfhose runter, beugt mich über den Baumstamm, meine Hände im Schnee eiskalt, auf meine nackte Haut stechen tausend Nadeln.

Meine Schamlippen sind zusammengeklebt, seine kalten spitzen Finger spreizen sie, es tut weh, sein gekühlter Schwanz dringt ein und die Reibung erzeugt Wärme. Tiefer fester endlich während die eiskalten Nadeln in meine entblößte Haut stechen wird es in der Wärme feuchter und enger und ziehender, 30 Grad plus. Ich höre ein Rascheln vor mir, spüre Unruhe im Wald. Schaue auf und sehe Rehe flüchten. Während mein Blick immer glasiger wird und sich ein Lustschauer über mich ergießt, glaube ich, einen Wolf zu sehen.

Zwischen den Ästen hervor kommt ein Förster mit seinem Hund.

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