Dezember Eleonore auf dem Weg zu ihrem Haus verstarb. Man fand sie, die Einkäufe neben sich, den Kopf auf Schnee gebettet. An einem der späten Tage im Jahr hörte Waltraud auf Eleonores Beerdigung, ihr Herz sei der Spielverderber gewesen.
Ein Erbenjäger spürte einen entfernten Verwandten von Eleonore auf und so gehörte ihre Berghütte seit Mai Ben A. C. Humphrey, einem Juristen aus München. Zufällig hatte sie gesehen, wie er, die Pilotenbrille auf der Stirn, aus seinem Cabrio gestiegen war, als er mit Eleonores Nachlassverwalter, einem dürren Männchen mit einem am Hinterkopf klebenden Hütchen, vorfuhr.
Waltraud schnaufte, als sie die kleine Fahrstraße erreichte, an der die beiden Hütten lagen. Sie zog ihre Jacke aus und öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse.
Vorsichtig lugte sie hinter den Holzverkämmungen der Hausecke hervor und spähte auf die Nachbarhütte.
Hinter dem Cabrio von Humphrey parkte ein grüner Van mit Züricher Nummer. Also dürfte Humphrey Besuch haben.
Waltraud war Humphrey begegnet, als sie bei ihm vorstellig wurde, um ihr Projekt zur Ansiedlung seltener hochalpiner Pflanzen rund ums Hüttendorf vorzustellen. Er hatte sie gemustert und dann ein kleines Berufslächeln aufgesetzt: „Sie haben drei Minuten.“
Prompt hatte sie ihre Rede seinen Vorgaben angepasst und losgelegt. Er hatte vor ihr gestanden, amüsiert lächelnd am Türrahmen lehnend. Irgendwann hatte er an dessen oberem Rand seine Finger eingehakt, um sich immer mal wieder in die Höhe zu ziehen mit tierisch anmutender Kraft.
Mit einem fragenden Blick entlockte sie ihm den Hinweis: „Klettertraining.“
Für einen guten Vierziger demonstrierte er brachiale Vitalität, als gelte es jede einzelne im Garten stehende Tanne bis auf die Wurzeln zu beeindrucken. Oder hatte er sich wegen ihr ins Zeug gelegt?
Eleonores Vermächtnis
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