Streng genommen hatte er nichts gesagt, während seine Augen an ihren Brüsten nuckelten.
Vorsichtig riskierte sie einen Blick. Kaum hatte sie sich an die Lichtverhältnisse im Raum gewöhnt, erkannte sie neben dem Kamin ein Bild von Klee. „Medina und Mond“ sei der Titel hatte Eleonore ihr verraten. Sie hatten öfter über das Werk gesprochen. Während Eleonore viel von männlichen und weiblichen Elementen des Bildes erzählte, fand Waltraud, Klees Farben der geometrischen Formen muteten orientalisch an. Neben den rätselhaften Bildelementen hatte sie sich stets für die gesamte Komposition begeistert – etwa wie für eine geliebte Melodie. Obwohl sie beide unterschiedlich auf „Medina und Mond“ reagierten, hatten sie sich nicht darüber zerstritten, sondern waren im Lauf der Zeit vertrauter miteinander geworden. Einige Jahre und viele Themen später hatte Eleonore gesagt: “Wenn ich mal nicht mehr bin, ist es dein Klee.“
Jetzt gewahrte Waltraud eine Frau, die den Rücken ihr zugewandt etwas rechts im Raum stand. Sie trug ein durchsichtig schwarzes Chiffonoberteil und einen weißen Mini mit einem prominent platzierten Reißverschluss, der sehenswerte Beine zur Geltung brachte. Die hochgesteckten weizenblonden Haare hatten sich über den Ohren selbständig gemacht, was ihrem Auftritt die Strenge nahm.
In der latexbehandschuhten Hand hielt sie einen kleinen Gegenstand mit einem Faden, an dem ein dicker durchsichtiger Tropfen hing, über einem nackten Mann, der bäuchlings auf einer Liege mit Riemen fixiert war. Sein Gesicht lag in einer Aussparung am Kopfteil, so dass sie nicht erkennen konnte, ob es sich um Humphrey handelte. Der prächtig ausgeprägten Muskulatur nach handelte es sich bei dem Gefesselten um einen sportlichen Mann.
Jetzt senkte die Blondine den Arm. Es war nicht zu erkennen, was passierte.
Eleonores Vermächtnis
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Eleonores Vermächtnis
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