Waltraud überlegte, sich davonzustehlen, denn offensichtlich ging es Ben gut. Auch schien die Sonne, als bekäme sie’s bezahlt und versorgte die Szenerie mit Wärme und Leichtigkeit. Alles mutete an wie der Teil eines Spiels. Andererseits war Ben gefesselt und die Situation zu unklar, um sich guten Gewissens zurückzuziehen. Sie beschloss, noch eine Weile zu beobachten.
Oder war ihr Zögern Neugier? Die Dame mit den hochgesteckten weizenblonden Haaren, mit den herrlich geschwungenen Lippenbögen gefiel ihr. Die seidig schimmernden Beine erinnerten an weißen Alabaster. Ihr Mini bedeckte nur das Nötigste. Mit ihm konnte frau sich unmöglich setzen, ohne Aufsehen zu erregen. Dazu wirkten die properen Kugeln in der durchsichtigen Chiffonbluse. Waltraud befand, dass diese Frau sich als erotisches Dynamit inszenierte. Männer sollten aufpassen, genügend Sauerstoff im Kopf zu haben, um sie zu würdigen.
Sie selbst würde sich nicht für Geld und gute Worte einen solchen Rock zulegen und im Traum nicht tragen. Andererseits passte das Outfit zum Auftritt und wirkte so bezaubernd natürlich, wie die gewachsen wirkenden Formen in Klees Bild.
Der Schweif von Ben dem Tier war im Lauf der Zeit immer größer geworden und sie ertappte sich dabei, dass sie ihn immer öfter studierte.
Woran lag es, dass sie gerade jetzt an das Bild von Klee dachte? Vielleicht, weil sie sich nicht eingestehen wollte, dass sie sich zu der Blondine hingezogen fühlte, die sich gerade zu dem Mann hinab beugte und ihre Brüste auf seinen Körper packte. Dann schob sie ihren Kopf vor sein Gesicht.
Küsste sie ihn? Wenn sie eine professionelle Sexarbeiterin war, würde sie Küsse eher nicht im Angebot haben? Was Waltraud schade fand. Ihr breiter Mund mit dem appetitlichen Zug um die Mundwinkel erschien wie geschaffen fürs Küssen.
Eleonores Vermächtnis
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Eleonores Vermächtnis
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