Elsa oder Der Traum vom Seitensprung

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Elsa oder Der Traum vom Seitensprung

Elsa oder Der Traum vom Seitensprung

Kai Beisswenger

"Ja, er ist gerade gekommen, kleinen Moment ich geb' ihn dir!" Mit einem "Schatzi, Mark ist am Telefon!" reichte sie mir den Hörer. "Hallo, hier Karl Müller, mit wem habe ich das Vergnügen?" Wie verabredet, war Mark an der Strippe. "Ah, Mark - ja, okay, ja das klingt gut, warte mal!" Ich drückte den Hörer auf meine Brust und richtete mich fragenden Blickes an meine Frau, die es sich auf der Couch neben mir bequem gemacht hatte. "Ich wollte mich morgen Abend im Kitaro mit Mark treffen. Ist das okay?"
"Ja, kein Problem Schatz, ich muss morgen eine Messepräsentation vorbereiten, da bin ich ganz froh, wenn ich meine Ruhe habe." Das klappte ja prima. Ich fühlte mich wie ein mittelmäßiger Schauspieler in einem B-Movie.
Über Seitensprung.com hatte ich ein vernachlässigtes weibliches Wesen im besten Alter kennengelernt. Meine Frau und ich hatten uns vor einigen Monaten eine sexuelle Auszeit gegönnt, die kein Ende nahm. Nach knapp 20 Jahren Ehe hielt ich das für normal und machte weder ihr noch mir einen Vorwurf. Madame Inkognito war ebenfalls verheiratet und musste zwei Kinder und einen Langweiler versorgen. Nach zahlreichen Emails, die wir im Geheimen ausgetauscht hatten, stand nun ein Blind Date an. Wir wollten uns beim stadtbekannten Japaner treffen, dessen Sushi zu den besten in der Region zählen. Mark erklärte sich bereit, mir das Alibi für den Abend und die unvermeidliche Kreditkartenabrechnung zu verschaffen.
Seit 5 Minuten saß ich im Restaurant und fieberte meinem Rendezvous entgegen. Dann kam sie endlich. Sie sah viel jünger aus als auf dem Foto, das sie ihrer dritten Email beigefügt hatte. Ich sprang auf, küsste sie auf die Wange, nahm ihr den Mantel ab und schob den Stuhl zurück. Während ich den Mantel aufhing, spürte ich einen musternden Blick in meinem Nacken. Sekunden später nahm ich Platz und schaute ihr erwartungsvoll in die Augen. Das erste Etappenziel war erreicht.
Nach einem guten Mahl und dem gewohnt schlechten und viel zu teuren Rheinwein, der fast in allen japanischen Restaurants angeboten wird, hatten wir uns abgetastet und gegenseitig für akzeptabel befunden. Elsa kam direkt zur Sache: "Wir gehen in die Wohnung meiner besten Freundin. Alles ist vorbereitet. Wir haben noch gut zwei Stunden Zeit. Falls ich nach 23 Uhr zurückkomme, schöpft mein Mann Verdacht. Lass uns gehen!" Das ging mir zwar etwas zu schnell, doch ihre Entschlossenheit machte mir Mut. Ich fügte mich meinem Schicksal.
Die Wohnung war nach dem Geschmack einer etwa 25jährigen Philosophie- oder Germanistikstudentin eingerichtet. Interessant, meine Eroberung hatte eine Freundin, die nur unwesentlich älter als unser beider Nachwuchs war. Ich legte ab, zog den guten Roten aus meiner Manteltasche und schaute sie fragend an. Sie nickte in Richtung des Flurs und schob erklärend nach: "Der Öffner ist in der Küche, zweite Tür links, in der dritten Schublade unterhalb der Microwelle. Auf der Spüle stehen zwei Weingläser. Ich komme gleich!"
Ein guter St. Emillion Grand Crú Classée sollte mindestens eine Stunde vor dem Genuss geöffnet werden. Noch besser wäre, dem feinen Stoff ausgiebige Atemübungen in einer Kristallkaraffe zu gestatten. Das war mir jetzt egal. Aufgrund der Zeitnot verzichtete ich auf die übliche Zeremonie. Flugs waren die Gläser gefüllt. Ich eilte mit meinem Proviant ins Wohnzimmer und stellte es auf dem Glastisch ab. Ich erspähte eine CD auf der Musikanlage. Nicht schlecht, dachte ich und schob "Boulevard" von St. Germain in den CD-Player. Nachdem die Boxen die ersten Klänge tatsächlich ausgespuckt hatten, ließ ich meinen Blick über das Bücherregal schweifen. Zeige mir deine Bücher und ich sage dir, wer du bist! Da standen Kant, Hegel, Husserl, Schopenhauer, Nietzsche einträchtig nebeneinander. Also doch: Philosophiestudentin, ich hatte mal wieder Recht gehabt.
"Kai mein Süßer, komm ins Schlafzimmer, bitte beeil' dich!" Kai war genauso wenig mein Name wie Elsa wirklich Elsa hieß. So früh wollte ich meine Identität noch nicht preisgeben, denn ganz wohl fühlte ich mich nicht in meiner Haut. Im Grunde hatte ich die Hosen voll. In der Fantasie ist alles viel leichter. Jetzt galt es, meine Ängste zu verdrängen. Ich ließ die Gläser im Wohnzimmer stehen und hastete schnurstracks über den Flur in das Zimmer, aus dem schwaches rotes Licht dämmerte und das ich für das Schlafzimmer hielt. Kaum war ich durch den Türspalt ins Zimmer geschlüpft, knallte schon der erste Peitschenhieb auf meinen Körper. Mein Rücken brannte. Trotz der Schmerzen erkannte ich Elsa, die nackt mit gespreizten Beinen auf dem Bett lag. Unter ihr lagen zwei Geschöpfe in ihrem Blut, von denen ich annahm, dass es sich um Männer handelte, die vor wenigen Stunden noch quicklebendig waren. Elsa streckte mir ihre Arme entgegen. Mit der einen Hand wedelte sie einen Skalp, die andere hielt ein blutendes Ding; ich nahm an, es war ein Penis. Bevor ich weiter denken konnte, traf mich der zweite Schlag ins Gesicht. Die Person mit der Peitsche musste direkt hinter der Tür stehen. Trotz der starken Schmerzen warf ich mich mit meiner verbliebenden Kraft gegen die Tür. Der Peitschenschwinger wimmerte. Der Übeltäter wurde vermutlich zwischen Tür und Wand so stark eingepresst, dass er jetzt außer Gefecht gesetzt war. Ich öffnete vorsichtig die Tür und schaute einer hübschen Frau in ihre vom Wahnsinn gezeichneten Augen. Sie ließ die Peitsche fallen und zog ein Messer aus ihrem Gürtel. Die Klinge bohrte sich bis zum Schaft in meine Schulter. Ich wankte und schrie vor Schmerz. Dann wachte ich auf. Gott sei Dank, es war nur ein Traum. Ein böser Traum. Ich vernahm den leisen Atem meiner Frau. Sie schlief neben mir und hatte nichts mitbekommen. Mit den Gedanken, sie niemals zu betrügen, schlief ich wieder ein.

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