Doch noch bevor sie charmant eine wenig wehrhafte Anstandsgrenze setzen konnte, schwärmte er schon in einfachen Worten, die gleichermaßen so direkt wie zurückhaltend waren, von der Art, wie sie seine Bilder betrachtet hatte, gerade jene mit Menschen, Gesichtern, Leibern, ohne eine von gängigem Kunstverstand geformte Distanz, versunken im fühlenden Betrachten, in wahrer Kontemplation also. Fasziniert war er von ihr und ihrer inneren Nähe zu seinem Werk. Mit diesem Kompliment ganz eigener Art und einem sympathischen Lächeln verließ er sie, nicht ohne ihr seine Karte übergeben zu haben.
Überlegen Sie es sich, hatte er ihr den Floh ins Ohr gesetzt. Mochte er vielleicht schon kurz darauf diesen, weil sicherlich nicht seltenen Dialog schon wieder vergessen haben, in Emma nagte es. Natürlich war sie als junge Frau immer wieder Adressatin von Komplimenten und auch umworben, aber plötzlich allein im Focus künstlerischen Interesses zu stehen, Objekt und Subjekt eines vielleicht unvergänglichen Werkes zu werden, brachte eine völlig neue Dimension in ihr zwar quirliges, aber letztlich unaufgeregtes Leben zwischen Büro, Bar und Bistrot. Aufgewühlt, skeptisch, enthusiastisch rang sie ein paar Tage und Nächte mit sich, dann rief sie an.
* * *
Marco, der Barkeeper, war nicht wirklich schweigsam, er hörte nur sehr gut zu. Nichts entging ihm, was Emma ihm anvertraute und wenn er in seiner einsilbigen Art tatsächlich antwortete, dann hatte es Hand und Fuß. Unzählige Male hatte sie ihm gesagt, Dich würde ich auf der Stelle heiraten. Dann zeigte er nur seinen Ring. Das hieß: Ich habe die Liebe meines Lebens bereits gefunden.
Genervt und geschmeichelt reagierte sie auf das Werben der Männer. Wie wohl jeder Frau war ihr nicht jeder willkommen. Es war eben frustrierend, selbst immer nicht zu wissen, wann es sich lohnte, etwas zu wagen, viel von sich preiszugeben und dann Entwicklungen zu verstehen, die selten selbst erklärend waren.
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