Erdbeertörtchen

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Erdbeertörtchen

Erdbeertörtchen

Anita Isiris

Es war Auffahrt – „un giorno in biancho e nero“, wie Adriano Celentano sich ausdrücken würde. Wendelgard Heinzer wagte sich dennoch in die Quartierskonditorei, die bizarrerweise direkt hinter dem Sexkino lag. Schon lange schien ihr, die Konditorei sehe einem Bordell sehr ähnlich. Die verhalten geile Stimmung war frappant. Nicht etwa, dass sie Bordellerfahrung gehabt hätte, nein, beileibe nicht… aber man weiss ja, wie diese Etablissements funktionieren, man weiss es einfach.
Wieder mal war die Konditorei bis auf den hintersten Platz besetzt. Ein süsslicher Geruch nach menschlichen Ausdünstungen, vermischt mit Cappuccino und Marzipan-Nashörnern, der hiesigen Spezialität, hing in der Luft. Wendelgard unterdrückte ihren Brechreiz; sie war schwanger und hochsensibel. Dann stellte sie sich in die Reihe und hoffte, wie alle andern, auf rasche Bedienung. Die kleinwüchsige Serviererin mit den Riesenbrüsten hatte alle Hände voll zu tun; man sah ihr an, dass es lange her war, seit ihr der Job zum letzten Mal Spass gemacht hatte. Überall Törtchen, Törtchen, Erdbeertörtchen. Dann geschah es, kaum wahrnehmbar: Der Geschäftsführer, ein gestandener Mann im besten Alter, konnte es nicht unterlassen, in diesem Gewusel den Hintern einer jungen Cafeteria-Mitarbeiterin zu berühren. Das ist nun mal Geschäftsherrenart. Geld bedeutet Macht, Macht bedeutet Erotik, Erotik bedeutet Macht – vor allem im schlecht bezahlten Gastgewerbe – es sei denn, man sei Geschäftsführer. Wenn da nicht der Freund der Mitarbeiterin am Tresen gestanden hätte, weiss Gott, der christliche Feiertag hätte einen ganz normalen Verlauf genommen. Als dieser aber des behaarten Geschäftsführer-Handrückens am geliebten und vielgebumsten Po seiner Partnerin gewahr wurde, drehte er durch. Er schleuderte sein Sektglas zu Boden und ging auf den Belästiger los. Nach kurzem Gerangel lag dieser am Boden und wand sich unter dem kräftigen Angreifer wie ein Wurm an der Angel. Nicht weniger als fünf weibliche Angestellte, darunter interessanterweise die Freundin des Angreifers, stürzten sich auf diesen und versuchten, ihn von ihrem Arbeitgeber weg zu reissen. Er hatte wohl alle von ihnen mal am Hintern berührt, klar. Aber man liess ihn gewähren, weil man ihm ja einen (wenn auch mies bezahlten) Job zu verdanken hatte.
Hans B. verfolgte das eskalierende Schauspiel über den Rand seiner Zeitung hinweg und leckte sich die Lippen. Er empfand kämpfende, erregte Frauen als prickelnd und wusste, dass seine Stunde bald kommen würde. Auch die Besucher am Kuchentresen wurden allmählich aufmerksam und verfolgten das Spiel mit Spannung. Dann gab es für Hans B. kein Halten mehr. Er stürzte sich auf die zankenden Frauen und grapschte nach Lisas Brüsten (Lisa hatte, wir erinnern uns, wegen der behaarten Hand an ihrem Hintern das ganze Spektakel ausgelöst). Lisa kreischte, was ihren Partner noch stärker in Rage brachte. Wie ein durchgebrannter Stier quetschte er den Geschäftsführer, auf dem er sass, und würgte mit der freien Hand Hans B. Im Nu war die ganze Konditorei in Bewegung, kaum ein Erdbeertörtchen blieb auf seinem Platz. Hinten links, unter der Topfpalme, lag bewusstlos Anna, eine anorektische 18jährige. Sie hatte einen heftigen Schlag auf den Solarplexus erhalten, was ihre Kräfte bei weitem überstieg. „Weg da, ich war mal Krankenschwester, auf dem ersten Bildungsweg oder so“, liess sich die kleinwüchsige Serviererin mit den Riesenbrüsten vernehmen. Sie setzte sich rittlings auf Anna und begann, diese zu reanimieren. Auf und ab bewegte sich ihr Hintern während der Herzmassage an der Sterbenden, was Gerit L., der in ihrem Rücken mit einer älteren Frau kämpfte, nicht entging. Der Rock der Serviererin war hochgerutscht und gab den Blick frei auf einen geblümten Slip, unter dem sich gut ausgebildete Schamlippen zeigten. Auf und ab… auf und ab… Gerit L. konnte nicht länger an sich halten und schob der reanimierenden Serviererin seine Linke zwischen die Schenkel. Er wollte fühlen, fühlen… wie diese hart arbeitende Frau allmählich feucht wurde. „Sie stirbt!“ schrie die Serviererin. „Sie stirbt!“ keuchte die Servierin. „Sie stirbt!“ stöhnte die Serviererin. „Sie stirbt!“ hauchte die Serviererin. Dann brach sie unter einem gewaltigen Orgasmus zusammen, während Anna unter ihren riesigen Brüsten erstickte.
Wendelgard, die schwangere Wendelgard, kniete auf dem Tresen und bediente zwei Männer gleichzeitig: Elegant umspielte sie mit der Zunge den Penis von Nino, dem Neurochirurgen, und wurde von hinten gestossen. Rinaldo von der Reinigungsequipe. Gleichzeitig zerrieb er eines der verdammten Erdbeertörtchen auf Wendelgards Rücken. Das erregte ihn ungemein. Die Erdbeeren waren ein Billigimport aus seiner Heimat, Spanien. Die Pflücker verendeten wegen der Pestizide kläglich an Krebs, während hier die Überproduktion verarbeitet und zu Spottpreisen an den Mann (hier vor allem an die Frau) gebracht wurde. Eine weitere Erdbeere steckte er Wendelgard lachend in den Anus. Konnte nicht schaden, oder? Diese keuchte vor Erregung und harrte der Männer, die da noch kommen sollten.
Diskret schafften Gerit L. und die kleinwüchsige Serviererin die tote Anna zur Seite. Sie war so dünn, dass man sie locker hinter der Topfpalme verstecken konnte, bis auf weiteres.
Die Keilerei mutierte allmählich zur Gruppenorgie. Warum nicht, es war ja Auffahrt, und es gab was zum Feiern. In einer klebrigen Erdbeermasse wälzte sich die Meute, und es wurde immer schwieriger, die TeilnehmerInnen nach Alter und Aussehen zu beurteilen. Es wurde gevögelt, was das Zeug hielt, und Sahne eignet sich übrigens ausgezeichnet als Gleitmittel. Aus der B & O Anlage an der Wand dröhnte Rock’n Roll, auch an den Wänden und an der Decke klebten Erdbeeren, und alle, ausser der armen Anna natürlich, waren zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig glücklich.

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