Plötzlich hielt ich sie in der Hand. Die dicke lederne Mappe mit der Aufschrift „Dokumente“. Sie hatte einen roten Bügelverschluss mit einem kleinen Schloss, das ich aber nie benutzt habe, weil von Anfang an der Schlüssel weg war.
Ich fuhr über die glatte Oberfläche des roten Leders. Dick und schwer lag der Ringbuchordner in meiner Hand. Er fühlte sich gut an. Ein Haufen Erinnerungen in Papierform.
Eigentlich hatte ich dafür keine Zeit. Meine Frau wuselte um mich herum, hatte Geschirr in Zeitungen gewickelt und in Umzugskartons verpackt. Freunde und Bekannte waren um mich herum, trugen Möbelstücke zum geliehenen LKW. So ein Umzug bedeutet viel Arbeit und steht auch für einen weiteren Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Meine Frau Simone und ich hatten unsere Eigentumswohnung verkauft und bezogen ein nettes Einfamilienhaus am Stadtrand.
Ich sollte unsere privaten Dinge in einen Umzugskarton packen, z. B. persönliche Dokumente, Gehaltsabrechnungen, Lebensversicherungspolicen, Kontoauszüge. Das waren Sachen, die nicht unbedingt jeden etwas angingen.
Eigentlich musste ich die Unterlagen schnellstmöglich aus dem Sideboard nehmen und verstauen, aber dieser Ordner zog mich in seinen Bann. Ich öffnete den Bügelverschluss. Die einzelnen Dokumente waren in Klarsichthüllen verpackt.
„Zeugnisse der Grundschule“ stand auf dem kleinen Büchlein, das meine Mutter liebevoll mit einer grünen Schutzfolie versehen hatte. 1986 bis 1989 ging ich auf die Westerholt-Grundschule in Recklinghausen. Dann folgte das Abiturzeugnis, dann sah ich den Ausbildungsvertrag bei der Richter Dental GmbH, Inhaberin Constanze Richter.
Constanze Richter, die rote Conny. Sie hatte mittellange rote Haare, war vollschlank, hatte stramme Oberschenkel, trug immer Schuhe mit hohen Absätzen, rauchte viel, hatte ein etwas verlebtes Gesicht und – Wahnsinnstitten. Als der liebe Gott an ihrem Geburtstag die Titten verteilte, hat sie nicht zweimal „Hier“ gerufen, sondern mindestens 3 Mal.
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