Erna

10 1-3 Minuten 0 Kommentare

Sie hatte nicht lange Zeit zum Überlegen. Er wirkte freundlich, zugleich etwas scheu. Das gefiel ihr. “Meine Dachbude ist gleich da drüben.” “Sind wir hier in Paris oder wo?” schoss es Erna durch den Kopf. Sie kannte sich nicht wieder, als sie zusagte. Der Student stellte sich als Detlef vor; er verbrachte in Bern ein Kunstsemester. Erna folgte ihm kurzatmig die vielen Treppen hoch. “Was tue ich hier?” hämmerte es die ganze Zeit in ihrem Kopf. Zuoberst angekommen, war sie endgültig ausser Atem. Der kleine Raum war übersät mit angefangenen Skizzen, Kohlestiften, Ölfarbe, Pinseln, und der einzige Aschenbecher war mit Zigarettenstummeln angefüllt. “Sind wir hier in Paris oder wo?” fragte sich Erna erneut. Mit einem Mal war ihr mulmig zumute.
Würde sie sich ausziehen müssen? Bloss nicht! Sie konnte sich ja selbst nicht ausstehen. Detlef wandte sich ihr zu. “Eine Zigarette?” Erna nahm dankend an. Glücklicherweise riss er im selben Moment das kleine Fenster auf; der kalte Rauch war widerlich. Erna sah sich schon auf dem klapprigen Ikea-Bett ausgestreckt, den einen Arm angewinkelt, und Detlef, der, halb von der Staffelei verdeckt, Skizzen entwarf. Skizzen von ihrem fülligen Körper, Skizzen von ihren Rundungen, Skizzen von immer neuen Stellungen. Erna
entdeckte in sich etwas ganz Neues: die Lust, sich zu zeigen, hier, in dieser kleinen Dachbude. Sie fühlte, dass sie ihren Körper im Grunde mochte. Erna war fasziniert von diesem deutschen Studenten, der sich völlig unaufdringlich von ihr abwandte und sich mit ruhigen Bewegungen an den Malutensilien zu schaffen machte. Er zückte einen Kohlestift und wandte sich ihr zu. Ernas Herz klopfte bis zum Hals.
“Ihre Nase. Ich möchte Ihre Nase skizzeren.”

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 2146

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben