Erna

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Erna war Kioskverkäuferin. Sie wartete im Bus auf die nächste Haltestelle, müde von der immer gleichen Kundschaft. Seit über 10 Jahren versah sie ihren Dienst im Häuschen beim Bahnhof und war hinter all den bunten Magazinen, Schlagzeilen, Teddybärenanhängern, Zigarettenpackungen, Feuerzeugen, Kaugummi- und Chupa Chups-Auslagen kaum zu sehen. Ein unauffälliger Trenchcoat bedeckte knapp ihren Hintern; einen Hintern, der durch all die abgesessenen Kioskstunden immer breiter geworden war. Erna hatte in den vergangenen Jahren ständig etwas zugenommen – da half auch das wöchentliche Training in der Damenriege nicht. Klar, sie bewegte sich sonst ja kaum, und die Abende und Wochenenden verbrachte sie oft allein vor dem TV. Die Zeit, in der sich noch Männer nach ihr umgesehen hatten, lag weit zurück. Erna hatte eigentlich ein heiteres Gemüt, aber die ereignislosen Jahre am Kiosk hatten ihr zugesetzt. Endlich in ihrer kleinen Wohnung an der Burgunderstrasse angelangt, schob sie ein Schlemmerfilet in die Mikrowelle. Dann nahm sie die halbleere Wodkaflasche aus dem Eckschrank. Das harte Getränk gab ihr das Gefühl, weit weg zu sein, irgendwo, wo alles besser war als hier. Erna ging seufzend ins Schlafzimmer und zwängte sich in ihre Leggings. In den Wandspiegel mochte sie gar nicht erst schauen, aus Angst, weitere Fettringe zu entdecken. Die Trainingshalle befand sich ganz in der Nähe. Erna musste sich beeilen, wenn sie pünktlich sein wollte. Sie ertrug die Blicke all der Frauen nicht, wenn sie zu spät kam.
An der Ampel musste sie einen Augenblick warten. Der junge Mann war ihr zwar aufgefallen, aber Erna blickte verkrampft geradeaus. “Entschuldigen Sie, ich bin Künstler – äh, Kunststudent und suche ein Modell.” Erna wurde heiss und kalt zugleich. Sie fühlte sich hässlich in ihren lindgrünen Leggings, hatte absichtlich einen langen Mantel angezogen, und dann das!

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Gedichte auf den Leib geschrieben