Der etwas andere Abend

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Der etwas andere Abend

Der etwas andere Abend

Vera Stein

Er holt die Schlüssel hervor, kann aber nicht den rechten finden.
Sie friert.
„Mach doch endlich auf“, bittet sie ihn.
So plötzlich, wie er in seinem Vorhaben innehält, die Tür zu öffnen, dreht er sich auch um, versetzt ihr eine schallende Ohrfeige, daß sie mit einem Satz gegen die Wand der Hütte knallt.
„Oh Gott!“, jammert sie und hält sich die Wange. Spätestens jetzt ist bei ihr der Augenblick erreicht, an dem sie bereut, ihn je kennengelernt zu haben.
Und tief in ihrem Inneren spürt sie, wie die Wut auf ihn wächst. ‚Ich hasse dich!‘
Endlich hat er den Schlüssel gefunden und die Tür geht auf.
„Gute Nacht!“, sagt er und dann läßt er sie einfach draußen stehen! Die Tür geht zu. Er ist drinnen. Sie steht draußen. Blankes Entsetzen treibt ihr die Tränen in die Augen.
‚Das kann er doch nicht tun!‘
„Bitte, bitte laß mich zu dir rein. Bitte!“
„Verdiene es dir. Geh auf die Knie, flehe mich an. Ich werde dich durch das Fenster beobachten!“
Sie blickt zum Fenster, hinter dem er steht.
„Was soll ich?“
„Fehler!“, schreit er und verschwindet vom Fenster.
Unschlüssig darüber, was sie jetzt tun soll, verharrt sie einige Minuten in der nächtlichen Kälte frierend vor der Tür, denn viel zu stolz ist sie, auf die Knie zu gehen und ihn anzubetteln. Noch!
„Wie lange muß ich noch warten?“, ruft er.
Wieder vergehen Minuten, die ihr wie Stunden vorkommen. Sie weiß, daß, wenn sie nicht bald in die Wärme kommt, sie krank werden wird.
‚Gott, was habe ich zu verlieren?‘
Zaghaft versucht sie immer wieder einen Ansatz zu machen, um auf die Knie zu gehen, doch immer schüttelt sie mit dem Kopf und sagt sich NEIN.
Mittlerweile hat er es sich in der Hütte bequem gemacht und ab und zu schaut er durch ein anderes Fenster nach ihr, ohne von ihr entdeckt zu werden. Erst nach einer Weile, die für ihn wie eine Ewigkeit vorkam, hört er ihre Stimme, die ihn weinend anfleht.
Endlich!
Die Tür geht auf und er nimmt sie in den Arm. Er führt sie in die Wärme, setzt sie an den Tisch, wo er ihr die Tränen mit seinem Taschentuch aus dem Gesicht wischt. Dann schenkt er ihr eine große Tasse Tee ein, den er für sie vorbereitet hat.

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