Wenn es etwas gab, das sie anheizte, dann war es Sex vor anderen. Amélie liebte es, sich zu zeigen. Schon vor Jahren hatte sie ihre beiden Zeichnungslehrer kirre gemacht – und konnte vor Aufregung kaum mehr schlafen, als eines Tages das Thema «Pornographie» im Gestaltungsunterricht abgehandelt wurde. Pädagogen hatten ermittelt, dass in dieser völlig überreizten Zeit, in der Social Media ein derart dominanter Charakter zugeschrieben war, entwicklungspsychologisch wichtig wäre, sich dem Thema «Pornographie» in kreativem Sinne zu nähern. «Kreatürlich», nannten sie das. Und verwiesen im Unterricht auf Gemälde, etwa von Egon Schiele, die so gut wie alles zeigten – allerdings immer nur von Frauen. Amélies grosszügig gebauter Körper hatte schon damals nicht nur die Neugierde von Schulkolleginnen und Kollegen, sondern eben auch die von gewissen Lehrerinnen und Lehrern geweckt. Wer der Kunst zugetan war, hatte einen einfacheren und besser zu begründenden Zugang zu Amélies Body als etwa… Herr Merzener, der Mathe-Pauker. So war es damals gekommen, dass Amélie sich vor der ganzen Klasse ausgezogen hatte. Das heisst, nicht ganz. Das Höschen hatte sie vorerst anbehalten, um einen kleinen Rest Anstand zu wahren. Aber dann, als sich die aufgeheizte Simmung in der Klasse etwas beruhigt hatte, hatten beide Zeichnungslehrer Amélie mit ruhiger Stimme aufgefordert, sich auch ihres Slips zu entledigen. «Pornographie geht fast immer vom Beckenboden aus», hatten sie heiser argumentiert. Amélies Beckenboden, jaja. Sie hatten sie auf eine mit einem Batiktuch überzogene Liege gebeten, einen Scheinwerfer auf ihre Vulva gerichtet, und dann durften sie skizzieren, was das Zeug hielt, die lieben und lernbegierigen Schülerinnen und Schüler. «Eine Vulva allein ist noch keine Pornographie», hatte einer der beiden Kunstexperten, Herr Lürmer, gesagt und Amélie vor der ganzen Klasse einen lindgrünen Dildo in die Hand gedrückt. Amélie, als wäre sie unter Hypnose, hatte erst ein bisschen an sich herumgespielt und das rotierende Köpfchen des Geräts dann in ihre Liebesöffnung geschoben – vor den Augen aller. «Und jetzt… skizziert Ihr Pornographie», hatte Herr Lürmer gesagt und auf einem Flipchart mit Kohlestift ausgeholt. Ehrfurchtsvolle Andacht hatte sich über die Klasse gelegt; alle hatten die aufs Höchste erregte Amélie auf dem Weg zu ihrem Orgasmus skizziert.
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