Die Falle

Die Rache

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Die Falle

Die Falle

Yupag Chinasky

„Hast’e Hunger?“ Als er in die schmale Gasse einbog, stand sie plötzlich direkt vor ihm, breitbeinig, die Hände in die Hüften gestützt, leicht hin und her wippend und sah ihn provozierend an. Sie versperrte den Weg und zwang ihn, ebenfalls stehen zu bleiben. Überrascht und irritiert, zögerte er mit einer Antwort, da ihm überhaupt nicht klar war, was die Frau mit ihrer Frage wollte. „Nein, eigentlich nicht. Warum?“ „Du kannst mich haben. Mich essen.“

Sie war ihm aufgefallen, weil sie das einzige Lebewesen zu sein schien, das an diesem heißen Sonntagvormittag in dem öden, heruntergekommenen Viertel unterwegs war. Mit Ausnahme von ihm, natürlich, der ab und zu auf solch abwegige Ideen kam. Doch diese Tatsache allein hätte sein Interesse nicht unbedingt erregt, nein, sie war ihm wegen ihres Gangs und ihres Arschs aufgefallen. Prall und kompakt in zu engen Jeans hin und her wackelnd, hatte dieser Körperteil seinen Blick sofort magisch angezogen. Verstohlen hatte er sie angeglotzt, was ihr offensichtlich nicht entgangen war, obwohl sie sich in einiger Entfernung auf der anderen Straßenseite befand, denn bei der zweiten Begegnung hatte sie noch heftiger mit den Pobacken gewackelt. Es war offensichtlich, dass sie ihn abgepasst hatte, um eine Weile direkt vor ihm herzustaksen. Fasziniert hatte er diesem Epizentrum wollüstiger Triebhaftigkeit nach gestarrt, bis die Frau in eine Seitenstraße einbog, ein Haus betrat und so aus seinem Blickfeld verschwand. Er schaute noch eine ganze Weile auf die nun wieder leere Straße und stellte verwundert fest, dass ein Verlangen in ihm aufkeimte, das immer heftiger wurde. „Mit solch einer, das wäre doch mal was. Mit der zu zweit allein.“ Gedanken dieser Art tanzten durch sein sonnenerhitztes, von fleischlicher Begierde vernebeltes Gehirn, als er seinen plan- und ziellosen Weg durch die Tristesse fortsetzte.

Doch als sie nun bei ihrer dritten, auch wieder alles andere als zufälligen, Begegnung vor ihm stand, in Reichweite seiner verschwitzten, verkrampften Hände und ihn auf so primitive Weise anbaggerte, war er nur schockiert. Verlegen glitt sein Blick an ihrem Körper entlang, von unten nach oben und von oben nach unten, um schließlich auf ihrer roten Bluse hängen zu bleiben. Diese, nur knapp zugeknöpft und über dem deutlich vorhandenen Bauch geknotet, erlaubte ausreichende Sicht auf viel schwarze Haut. Sie verbarg weder die kompakte Taille noch den Ansatz immer breiter werdender Hüften, auf dem sich die schmalen Streifen eines schwarzen Tangas in das Fleisch einkerbten, bis sie von einem schweren, braunen Ledergürtel verdeckt wurden. Nur nach einem prallen Busen, den er bei dieser stämmigen Gestalt vermutet hätte, suchte er vergebens. Ihr Busen war überraschend klein und wurde durch den knappen Stoff der Bluse vollständig verborgen. Erst nachdem er den Rest ihres Körper ausgiebig taxiert hatte, die schmalen Füße mit rot bemalten Zehennägeln in billigen Flip-flops, die rundlichen Waden, die strammen Oberschenkel, die zu dem dunklen Dreieck ihres Schoßes führten, dann die nackten, feisten Arme mit den plumpen Händen mit ebenfalls rot lackierte, angekauten Fingernägeln, erst nachdem er auf diese Weise Zeit und Sicherheit gewonnen hatte, wandte er sich ihrem Gesicht zu und wagte es, in ihre Augen zu blicken. Sie war nicht besonders hübsch, nein, das konnte man nicht sagen. Aber sie schien jünger zu sein als ihre ausladende Figur vermuten ließ. Die Nase war breit und flach, die Lippen ziemlich dick. Die Augen mit langen, falschen Wimpern wirkten leicht verschlafen. Ihre krausen Haare waren im Rastalook zu vielen kleinen Zöpfchen geflochten und hie und da mit bunten Bändchen durchsetzt. Ansonsten bestand der einzige Schmuck, den sie trug, aus einem Paar baumelnder Plastikohrringe und einem dünnen Silberkettchen mit einem kleinen Löwen um eines der Fußgelenke. Sie war alles andere als die schöne, schlanke, begehrenswerte schwarze Venus, die ihn in seinen Träumen manchmal heimsuchte, aber sie stand real vor ihm, war jung und hatte durchaus Sexappeal, als sie ihm ihren Körper präsentierte und ihm auffordernd in die Augen sah. Für ein paar Dollar war sie anscheinend bereit und willig, sich mit ihm einzulassen und er stellte fest, dass dieses kribbelnde, sehnsüchtige Gefühl, das ihn schon bei ihrem Anblick übermannt hatte, ihm nun befahl, die paar Dollar unbedingt auszugeben. Es war ein regelrechter Zwang, dem er sich nicht zu widersetzen vermochte, obwohl er zugleich ein ungutes Gefühl hatte. Seine Erfahrungen mit Frauen waren denkbar gering, insbesondere mit solchen, die sich auf so unverschämt, direkte Weise und dazu noch am helllichten Tag auf der Straße anboten. Eine derartige Erfahrung hatte er, um präzise zu sein, noch nie gemacht. Von seinen Gefühlten und Ängsten hin und her gerissen, grinste er sie unbeholfen an und sie lächelte zurück und er musste aus lauter Verlegenheit seinen Blick wieder von ihren Augen abwenden und ihn erneut über ihren Körper wandern lassen, erneut rauf und runter. Doch sie fühlte sich ihrem Ziel schon sehr nahe und, um ihn vollends kirre zu machen, wiegte sie sich noch stärker in den Hüften, drehte sich lasziv halb um die eigene Achse und reckte ihm nun ihren Hintern zu, wohl wissend, dass der ihr Kapital war, ihr Pfund im wörtlichen Sinn, mit dem sie wuchern konnte. Er war jedoch noch nicht ganz so weit. „Jetzt um diese Zeit?“ „Warum nich! Was hast’e gegen jetzt?“ Ihr zunächst offener Blick verwandelte sich auf einmal in einen professionellen Schlafzimmerblick mit halb geschlossenen Lidern. Die wulstigen Lippen formten sich zu einem halbwegs spitzen Kussmund aus dem immer wieder die rosa Spitze ihrer Zunge hervorstößt und die Lippen leckt. Dies war anscheinend ihre Vorstellung von Verführung. “Geh'n wir!“ Er gab bei dieser Show den letzten Rest seines Widerstands auf und nickte mechanisch, selbst überrascht von seiner Zustimmung.

Sie setzte sich in Bewegung. Er folgte ihr im Abstand von ein paar Metern durch die Mittagshitze, durch die menschenleeren Straßen, vorbei an den ausgestorben wirkenden Häusern. Die grelle, heiße Sonne brannte auf sie, denn ihr Weg führte sie kaum durch Schattenzonen, die etwas Erlösung geboten hätten. Wohin sie gingen, war ihm egal. Er nahm den Weg nur halb bewusst wahr, denn seine Augen verfolgten gebannt und fast ausschließlich das Wackeln, Vibrieren und Schaukeln ihres Hinterns. Doch trotz der permanenten Anmache und trotz der Hitze kühlte seine Begierde langsam ab, dafür breiteten sich Skepsis und Angst immer stärker aus und er verfluchte, dass er sich auf dieses Abenteuer eingelassen hatte. Was hatte er da nur gemacht? Zudem wurde seine Kehle immer trockener, die heiße Luft flimmerte immer stärker vor seinen Augen, sein T-Shirt war schweißnass und das Mädchen ging immer noch weiter, immer noch vor ihm her, bis sie schließlich in eine Nebenstraße einbog, dann in einen kleinen Vorgarten und schließlich an der Eingangstür eines schäbigen Bungalow stehen blieb. Auf dem vergammelten Straßenschild hatte er „Luke Road“ gelesen.

Sie bückt sich und zieht, ohne zu suchen und zu zögern, unter der Fußmatte einen altmodischen, großen Hausschlüssel hervor und schließt auf. Sie betreten die warme, stickige Wohnung. Kein Lufthauch. „Da sind wir“ sagt sie überflüssigerweise. Geht nach links in die Küche, öffnet den Kühlschrank. Gähnende Leere, bis auf eine angebrochene Tüte Chips. Halb entschuldigend dreht sie sich zu ihm, der in der offenen Tür gewartet hat, um. „Tut mir leid.“ Dann nimmt sie von einer Ablage zwei Gläser. Füllt sie mit Wasser aus dem fleckigen Messinghahn über dem grauen Spülstein. Reicht ihm eins, führt das andere an ihre Lippen. Sie sind, wie er erst jetzt so richtig bemerkt, spröde und aufgesprungen, mit Herpes und Resten eines popfarbenen Lippenstifts verunziert. Er nimmt einen Schluck. Das Wasser ekelt ihn an, es ist warm, schmeckt muffig, nach Chlor. Er zwingt sich noch zwei, drei Schlucke zu nehmen, spült aber nur den Mund aus und spuckt die Brühe wieder aus. Obwohl er Durst hat, kann er diese Pisse einfach nicht hinunterschlucken. Das Wasser im Mund hat jedoch seine Ausgetrocknetheit etwas gemildert und seine Geilheit wieder auf Touren gebracht. Sie merkt, wie er sie erneut gierig anstarrt, ihren kleinen Busen sucht, ihre Jeans abtastet, ihren üppigen Körper mit seinen Blicken verschlingt. Sie lacht kokett, ergreift seine Hand und führt ihn in den nächsten Raum, in ein abgedunkelte Schlafzimmer. In der Mitte steht ein ungemachtes Bett mit dreckigem Laken und einem zerschlissenen Kopfkissen, keine Decke, daneben ein kleiner Tisch und ein einziger Stuhl. Vor dem Fenster hängt eine vergammelte Jalousie aus Holzstäben, an der Decke, direkt über dem Bett ein Ventilator. Sie schaltet ihn mit der herabhängenden Kordel ein. Er dreht sich nicht. „Kein Strom. Tut mir leid.“ Unschlüssig bleiben sie ein paar Augenblicke in dem engen Raum stehen. Dann geht sie an das Fenster, zieht die Jalousie hoch. Blendend helles Licht dringt in den Raum. Sie schiebt den unteren Teil des Fensters hoch, schließt es aber sofort wieder, als ein Schwall noch heißerer Luft in das Zimmer strömt. Dann lässt sie auch die Jalousie wieder herunter. Das angenehme, Kühle vorgaukelnde Halbdunkel kehrt zurück. Schließlich setzt sie sich auf die Bettkante und fragt ihn, der immer noch im Türrahmen steht „Was rückst du denn raus?“ Darüber hat er sich noch gar keine Gedanken gemacht. Na klar, sie will Geld. Sie ist ja schließlich auf Geld aus, lebt vermutlich von dem Geschäft. Aber wie viel? Er hat keine Ahnung, ist völlig unbedarft und das nicht nur in dieser Hinsicht. „Zwanzig?“. Sie lacht auf, schaute ihn amüsiert an. „Du machst wohl einen Witz, glaubst wohl ich bin eine billige Nutte. Hundert!“ Das erscheint selbst ihm, dem unwissenden alten Geizkragen, eindeutig übertrieben. Er holt seinen Geldbeutel aus der Hosentasche. „Vierzig.“ Er zieht zwei Zwanziger heraus und hält sie ihr hin. Sie nimmt sie, lässt aber ihre Hand ausgestreckt. Zögernd holt er noch einen Zehner. Sie nimmt auch den und faltet dann die Scheine zu einem winzigen Päckchen, das sie in eine kleine Tasche am Knie ihrer Jeans steckt.
Das Geschäftliche ist erfolgreich abgewickelt und sie beginnt den Knoten der roten Bluse zu lösen und die Knöpfe zu öffnen. Streift sie langsam, lasziv über die Schultern und lässt sie auf das Bett gleiten. Dabei streckt sie ihren Oberkörper vor und hat wieder diesen Schlafzimmerblick, dieses halbtote Blinzeln. Ihr BH ist grau und völlig unattraktiv. Er war sicher einmal weiß, jetzt ist er nur noch grau, altbacken und verschlissen, mit deutlichen Löchern, ein Träger ist geknotet. Sie nestelt an den grauen Trägern, an den Körbchen, in denen sich die Hügel der kleinen Brüste verlieren. Er hat sich nach der Geldübergabe wieder zum Türrahmen geflüchtet, lehnt sich an ihn, unsicher, schwitzend, die Kehle trocken. „Na was is? Wills’te oder wills’te nich?“ Sie öffnet den breiten Gürtel, dann den Reißverschluss vor dem strammen Bauch und beginnt die Jeans langsam nach unten zu ziehen und über die Hüfte zu streifen. Der straffe, schwarze Tanga wird nun deutlich sichtbar. Er hat überall Wülste in der schwarzen Haut verursacht. Sie muss kurz aufstehen, um die verdammt engen Hosen bis auf die Oberschenkel zu zwängen und setzt sich dann wieder hin und zerrt mühsam erst an dem einen, dann an dem andern Hosenbein, bis sie die Jeans schließlich mit einem Seufzer der Erleichterung auf den Boden wirft. Nach dieser anstrengenden Tätigkeit schaut sie ihn amüsiert an. „Hast wohl Hemmung? Keine Erfahrung mit Nutten, was?“ Sie lacht und lässt sich, noch immer in ihrer Unterwäsche, auf das Bett fallen und schließt demonstrativ die Augen. Vielleicht tut sie es aus Erschöpfung, die Hitze setzt auch ihr sichtbar zu, Schweißtropfen vereinen sich zu Rinnsalen und fließen auf das Laken, vielleicht aber auch, um seine Unsicherheit abzumildern. Nun rafft er sich endlich auf, macht einige Schritte in Richtung des Betts und stellt sich neben sie. Er streift sein nasses T-Shirt ab und wirft es auf den Boden. Derweil tastet sie, die Augen immer noch geschlossen, nach ihm, fasst seine Hose, findet den Gürtel, folgt ihm bis zum Hosenladen und nestelt am Reißverschluss. Hinter dem beginnt sich etwas zu regen, mächtig zu regen. Sie kichert, doch plötzlich hält sie inne und schaut ihn an. „Zieh doch endlich deine Schuhe aus!“ Er gehorcht. Setzt sich auf die Bettkante, öffnet mit fahrigen Händen die Schnürsenkel, zieht erst den einen, dann den anderen Fuß aus den schweren Stiefeln. Nun ist er auf einmal ganz fickerig, ganz geil auf das schwarze Fleisch und während er noch auf der Bettkante sitzt, fängt er an, sie zu begrapschen, an ihrem Busen herumzufummeln, ihren Bauch zu streicheln und sogar trotz der mächtigen Barriere aus Oberschenkeln bis in ihre Schamgegend vorzudringen, die immer noch von dem engen, schwarzen Tange notdürftig verdeckt wird.

Sie fängt bei seinem Gefummel auf einstudierte Weise an zu stöhnen und zu seufzen und sich die spröden Lippen wollüstig zu lecken. Sie hat wieder diesen weggetretenen Schlafzimmerblick angenommen, diese halb geschlossen Augen, die ihm den Beginn höchster Erregung vorgaukeln und ihm ankündigen sollen, dass ein Superorgasmus unmittelbar bevorsteht. Sein Atem wird schneller, sein Herz schlägt bis zum Hals, sein Mund ist trockener denn je. Seine Wahrnehmung ist eingeschränkt, wie bei einem brünftigen Hirsch, wie bei einem liebesblinden, balzenden Auerhahn, selbst die Hitze hat er verdrängt. Er wird immer mutiger und will sich nun an die Quelle seiner Begierde, an diesen drallen, prallen Hintern heranmachen, ihn endlich kneten und drücken. Aber er kann es nicht, denn sie liegt immer noch auf dem Rücken. Er fasst sie an den Schultern, um sie zum Umdrehen zu bewegen. Sie gibt für einen Moment ihre Schauspielerei auf und schaut ihn ganz normal an. Nein, sie schaut ihn nicht ganz normal an, sie schaut an ihm vorbei, in Richtung Schlafzimmertür und ihre Augen weiten sich vor Entsetzen und ein unterdrückter Schrei entringt sich ihrem halb geöffneten Mund. Er bekommt ihre plötzliche Veränderung trotz seiner Erregung mit, ist irritiert und merkt schließlich auch, das etwas nicht stimmt, dass der Halbschatten, der in dem Raum herrscht, eine Nuance dunkler geworden ist. Er lässt sie los, richtet seinen Oberkörper auf und dreht sich der Tür zu. Im Rahmen steht eine dunkle Gestalt, die sich scharf gegen das helle Licht des Flurs abhebt. Eine weitere Gestalt wird dahinter sichtbar.

Zwei Männer betreten den Raum. Der eine klein und kompakt, der andere groß und hager, beide von schwarzer Hautfarbe, dasselbe bräunliche Schwarz wie die Tussy. Der Große trägt trotz der Hitze eine schwarze Lederjacke. Seine Lackschuhe glänzen, genauso wie die Pomade in seinen glatt zurück gekämmten Haaren. Er ist eindeutig der Chef, der Wortführer. Er setzt sich auf den Stuhl. „Wen haben wir denn da in unserer Wohnung?“ Seine Freundlichkeit ist ätzend und unecht. Der Kleine, wesentlich prosaischer, in abgewetzten Jeans und einem schrecklich bunten Hawaiihemd, geifert „Gib’s ihnen, schmeiß sie aus der Furzfalle raus.“ „Keine schlechte Idee, aber vorher müssen sie noch die Miete bezahlen.“ Die sexuelle Erregung des Mannes auf der Bettkante ist auf einen Schlag verschwunden, stattdessen ergreift ihn eine unbestimmte und dennoch konkrete Angst. Er glotzt die Eindringlinge an und überlegt sich krampfhaft, was er sagen, was er tun soll. Auch das Mädchen hat alles verführerische Gehabe abgelegt. Sie hat sich im Bett aufgesetzt und die Beine angezogen, die Arme umklammern die Knie. Ängstlich und verachtungsvoll starrt sie auf die Typen. Der Hagere würdigt sie kaum eines Blicks. „Lilly hau ab,“ krächzt er mit heiserer Stimme. Sie steht auf, zieht die Jeans so rasch sie kann an, schlüpft in die Bluse, stopft sie in den Hosenbund, steigt in die Sandalen und will verschwinden. „Lilly!“ Die ausgestreckte Hand des Hageren deutet auf ihre kleine Jeanstasche. Sie murmelt “Arschloch”, holt aber das Päckchen heraus, entfaltet es und gibt ihm zwei Scheine. Dann ist sie draußen. „Wollen wir nicht für das Vergnügen bezahlen?“ Der Hagere schleimt und gibt sich immer noch aufgesetzt höflich. „Los rück die Kohle raus!“ schreit jetzt der Kleine und als er immer noch zögert, steht er schon neben ihm und seine Finger wühlen in den Hosentaschen und werden fündig. Er schwenkt die Geldbörse, schaut hinein, pfeift anerkennend und wirft sie dem Großen zu. Der steckt sie achtlos in seine Jackentasche und sagt stattdessen: „Die Uhr!“ „Verdammt, reicht denen das Geld nicht“ denkt er und streift seine schöne Omega, seine zuverlässiger Begleiter, an der er sehr hängt vom Handgelenk. Schon hat sie ihm der Kleine aus der Hand gerissen und dem Hageren zugeworfen. Der beäugt sie, steckt sie ebenfalls ein und hat noch etwas entdeckt. „Den Ring!“ „Nein, den nicht.“ Aus seiner Hosentasche zieht der Gangster ein Klappmesser, öffnet es und fängt an, seine Fingernägel zu reinigen. „Den Finger brauchen wir nicht. Den werfen wir weg. Also, was ist?“

Er schwitzt noch stärker. Streift den Ring ab, wirft ihn auf den Boden. Er rutscht ein Stück, dann hat ihn der Kleine mit seinem Fuß gestoppt und bückt sich nach ihm. Jetzt scheinen die beiden zufrieden zu sein. Der Hager hat das Messer wieder in der Hose verstaut. Der Kleine betrachtet kurzsichtig den Ring mit dem großen Siegel aus nächster Nähe. Als nichts weiter geschieht, hebt der Mann sein nasses T-Shirt auf und streift es über. Dann schlüpft in die Stiefel, bindet sie zu und steht auf. Auf dem Weg zur Tür, muss er an dem Hageren auf dem Stuhl vorbei. Der packt ihn unvermittelt am Arm und hält ihn fest. „Kein Wort zu niemandem! Kein Wort zu den Bullen, sonst geht es dir dreckig. Verdammt dreckig. Klar?“ Er befreit sich unwillig, nickt, geht in den Flur, zur Haustür, ergreift die Klinke, da schreit der Kleine „Halt!“ Er zögert, dreht sich um. „Die Hose runter! Hast du nicht gehört? Die Hose runter.“ „Scheiße“, denkt er und ist versucht, die Tür aufzureißen und einfach wegzurennen. Doch da ist der Kleine schon bei ihm und drängt ihn zurück in das Schlafzimmer. Der Hagere zieht wieder das Messer aus der Tasche und öffnet es, provozierend langsam. Der Kleine steht nun hinter ihm und löst seinen Gürtel, streift die Hose nach unten. „Na also!“ schreit er, als er die Gurttasche am Oberschenkel sieht. Der Hagere hält dem Kleinen das Messer hin. Er nimmt es und schneidet den Gurt entzwei. Dann durchwühlt er gierig die braune Ledertasche und wirft den Inhalt auf das Bett. Geldscheine, eine Kreditkarte, ein Führerschein, ein Pass. Die beiden Gangster lachen. „Gebt mir wenigstens den Pass“ sagt der Bestohlene tonlos. Der Hagere hört sehr plötzlich mit dem Lachen auf und schaut ihn böse an. „Den Pass? Nachdem du uns reinlegen wolltest? Das war das erste und letzte Mal, dass du uns reinlegen wolltest, du Arschloch, du dumme Sau. Kapiert? Komm her! Los, komm her.“ Er zieht die Hose wieder hoch, der Kleine drängt ihn an den Tisch. „Leg die Hand auf den Tisch.“ „Warum, was soll der Scheiß?“ „Die Fragen stellen wir, nicht du.“ Und schon hat der Kleine seine Hand ergriffen und presst sie, die Finger auseinander gezogen, auf die Tischplatte. Der Hagere wippt sein Messer, dann fängt er an, erst langsam, dann immer schneller, zuletzt in einem Affenzacken, die Klinge zwischen den Fingern auf die Platte zu hämmern. Von links nach rechts, von rechts nach links. Am Schluss, ganz am Schluss seiner makellosen Vorstellung, schneidet er mit einer gezielten, gekonnten, vielfach erprobten Bewegung die Kuppe des kleinen Fingers ab. Der Kleine lässt die Hand los. Der Schnitt tut nicht einmal weh, blutet aber stark. Er wird bleich, hält sich mit beiden Händen an der Tischkante fest und meint, kotzen zu müssen. „Und jetzt hau ab, du Versager! Hau ab aus der Stadt und lass dich hier ja nie mehr blicken. Sei froh, dass wir dich laufen lassen.“ Der Hagere schaut ihn eindringlich an, mit stechenden, brutalen, erbarmungslosen Augen. Seine Stimme ist unterkühlt, heiser, gnadenlos. Diesen Blick und diese Stimme würde er sein Leben lang nicht mehr vergessen. Das war keine leere Drohung, dessen ist er sich sicher, als er auf die Straße wankt, die Zunge auf den immer noch blutenden kleinen Finger gepresst.

Asshole Spyder ärgerte sich, wenn man ihn so nannte. Aber er konnte es selten verhindern. Lieber war ihm Spyder, nur Spyder, wie Spinne, aber mit y. Ja, er war die Spinne, die geduldig in ihrem Netz saß und wartete und wartete und im entscheidenden Moment zuschlug. Aber Asshole? Nein, ein Arschloch war er nicht. Er war doch clever, ein cleverer Junge. Nun ja, eigentlich auch kein Junge mehr, mit Mitte vierzig, aber immer noch klein und drahtig, mit dünnen Haaren, die von Jahr zu Jahr spärlicher wurden und einem leicht verschlagenen Gesichtsausdruck. Seine Qualitäten wurden ständig missachtet. Er war nun mal ein Underdog, allenfalls geduldet, selbst von seinen wenigen Freunden. Dabei war er ein Mann, den man brauchen konnte, jedenfalls manchmal, denn er hatte unbestritten eine Eigenschaft, die anderen fehlte. Er besaß telepathische Fähigkeiten. Er konnte mit Leuten reden, die nicht da waren. Er konnte ihnen etwas mitteilen, sie fragen, sie warnen. Das klappte nicht immer und nicht mit jedem, aber oft genug, um seine Dienste für ein paar mickerige Dollar anbieten zu können. Nun könnte man sagen, was soll diese Eigenschaft im Zeitalter von Handys und Internet? Es war mehr, als nur Telepathie, sie hatte auch einen leicht hellseherischen Touch. Er erhielt manche Informationen einfach schneller als andere und sie waren oft zuverlässiger. Die Fähigkeit reichte bei weitem nicht für die Vorhersage der richtigen Lottozahlen oder des richtigen Blatts beim Poker, aber den einen oder anderen Vorteil erlangte er dennoch. Nun hätte man meinen sollen, dass ein Mann mit dieser Gabe mehr aus seinem Leben machen könnte. Aber die Vorteile wurden leider von einer Fülle menschlicher und charakterlicher Nachteile mehr als ausgeglichen und so hatte er es letztlich nur dazu gebracht, in Kneipen herumzuhängen, zu lauschen was andere sagten, zu beobachten was andere taten, all die Informationen zu sammeln und auszuwerten und Gelegenheiten zu suchen, sein Wissen zu verhökern und damit etwas Geld zu verdienen. Um sein schmales, unregelmäßiges Einkommen aufzubessern, normale Arbeit kam für ihn nicht in Frage, übernahm er hin und wieder einen illegalen Detektivjob. Vor allem Frauen, die ihre Männer in Verdacht hatten, fremd zu gehen, heuerten Spyder für einen Bruchteil dessen an, was sie einem Detektiv mit Lizenz hätten bezahlen müssen. Wenn er Erfolg hatte, empfahlen sie ihn ihren Freundinnen weiter. Wenn er jedoch herausfand, dass sich ihr Mann nur in Spielhöllen, aber nicht mit anderen Weibern herumtrieb, redeten sie ihn schlecht. Wegen dieser Schnüffelarbeit bekam er immer wieder mit den etablierten Detektivkollegen Ärger, die ihm zusetzten und natürlich auch mit den Überwachten und den Überführten, wenn die erfuhren, wer sie enttarnt und ihre kleinen Geheimnisse gelüftet hatte. Und eine weitere Gefahr begleitete Spyder latent. Es ließ sich nun mal nicht vermeiden, dass er bei der Ausübung seiner Tätigkeiten auch mit Kriminellen und Gangstern in Konflikt kam und ihre Kreise störte. Aber meistens ließen sie ihn in Ruhe, weil sie manchmal selbst seine Dienste in Anspruch nahmen. Das allein war der Grund, dass er bis jetzt überlebt hatte und nicht schon längst Opfer eines ungeklärten Unfalls geworden war oder auf andere Weise diese Welt verlassen hatte. Spyder war jedenfalls gut vernetzt und gut informiert, er kannte Gott und die Welt und sein Berufsrisiko war es nun mal, mit der Gefahr zu leben und sich irgendwie durchzuschlagen.

Spyder verbrachte die Tage bevorzugt in Cafés und billigen Lokalen, wenn er nicht in der öffentlichen Bibliothek stundenlang im Internet surfe. Die nächtlichen Einsatzorte waren Bars und Spielstuben und allerlei Spelunken. Jeder Ort war ihm recht, an dem er Informationen sammeln konnte und der ihn von seinem schäbigen Zimmer fern hielt. Er saß dann stundenlang vor einem Whisky oder einem Bier, lauschte, beobachtete, merkte sich alles was ihm wichtig erschien, vergaß selbst das scheinbar Unwichtige nicht. Sein Gedächtnis war legendär und seine Kombinationsgabe ebenfalls.

Einen halben Tag lang hatte er im Kings Club, einem dieser Billiglokale mit überdimensioniertem Flachfernseher und ärmlicher Kundschaft, diesen rätselhaften Typ beobachtet, der nicht in die Umgebung passen wollte. Nicht nur, weil er ihn hier noch nie gesehen hatte, sein Äußeres und vor allem sein Gesichtsausdruck, zeigten, dass er nicht von hier war und das war verdächtig. Wer kam schon freiwillig hierher und verbrachte Stunden in dieser mickrigen Kneipe? Hatte er nichts besseres zu tun? Zudem machte er einen ziemlich verzweifelten Eindruck und starrte immer wieder auf einen großen, weißen Verband am kleinen Finger seiner rechten Hand. Als er ihn am nächsten Tag wieder sah, wieder stundenlang vor einem halb vollen Glas vor sich hin brüten, konnte er seine Neugier nicht mehr zügeln. Er schlängelte sich an den Tisch des Fremden, fragte, ob der Platz neben ihm noch frei sei und begann ein joviales Gespräch. Der Angesprochene sah erst überrascht auf, schien dann aber ganz froh zu sein, einen Gesprächspartner, besser gesagt einen Zuhörer gefunden zu haben und es dauerte nicht lange, bis Spyder alles wusste, was er wissen wollte. Er hörte sich die Geschichte von der Nutte und den beiden Gangstern an, von dem Verlust des Geldes, der Kreditkarten und des Passes und, am allerschlimmsten, den der Fingerkuppe. Er erfuhr, dass der Fremde am liebsten sofort abgereist wäre, obwohl er gerade erst angekommen war, dass er aber bleiben musste, um sich neues Geld und einen Passersatz zu beschaffen. Es dauere nun mal, bis die Banküberweisung eintreffe und das Konsulat hatte ihm dringend empfohlen, hier zu bleiben, um den Ersatzpass in Empfang zu nehmen. Er sei sehr froh, dass man ihm sein Zimmer gelassen und ihm sogar ein paar Dollar geliehen habe. Dann jammerte er, wie sehr er durch das Ereignis traumatisiert sei und sich kaum noch auf die Straße traue und sich nur noch in der Nähe des Hotels aufhalten könne. Das sei besonders ärgerlich, weil er so seine kostbare Zeit nutzlos verplempern würde, statt das zu tun, weswegen er her eigentlich her gekommen sei.

Und, weswegen sei er denn her gekommen, in diese langweilige, verkommene Stadt, wollte Spyder wissen. Aber bevor er eine Antwort erhielt, musste er sich erst noch ausführlich alle Zweifel und Gewissensbisse anhören, die sein Gegenüber plagten. Ob es nicht doch besser gewesen wäre, trotz der deutlichen Warnung der Gangster, zur Polizei zu gehen? Ob er jetzt noch gehen solle, obwohl man ihn dann fragen würde, warum er so spät käme? Dann müsse er gestehen, dass er es aus lauter Angst nicht gemacht habe und solch ein Geständnis sei ihm sehr peinlich. Er offenbarte Spyder schließlich auch, dass er unablässig finstere Rachepläne schmiede, in denen er die Gangster aufsuchen und bestrafen und sogar ermorden würde, dass er aber nicht die geringste Ahnung habe, wie er diese Pläne umsetzen könnte. Er wisse ja noch nicht einmal, wer die Typen waren und wie er an sie herankommen sollte. Über Lilly? Ja, vielleicht, das war der einzige Name, den er kannte. Wo das ganze stattgefunden habe? Ach ja richtig, den Straßennamen habe er sich auch gemerkt: Luke Road. Aber Lilly hatte sicher auch Angst und würde nichts raus lassen, obwohl oder weil sie die Gangster ja offensichtlich kannte. Und vor allem, was konnte er tun, er der unbedarfte Ausländer, gegen solche brutalen Gegner? Spyder musste sich auch anhören, was für ein rechtschaffener Mensch vor ihm saß, von Beruf Lehrer, glücklich verheiratet und ohne einen Hang zu Eskapaden. Nur dieses eine Mal habe er der Versuchung nachgegeben, wohl wegen der Hitze und der aggressiven, sinnlichen Ausstrahlung dieser schwarzen Nutte oder weil der Satan selbst ihn in Versuchung geführt und er kläglich versagt habe. Ach ja, warum er hier sei? Nun, er zierte sich etwas und gab sich verlegen, sein ganz großes Hobby sei die Paläontologie, die Wissenschaft von den versteinerten Pflanzen und Tieren, den Fossilien. Spyder habe doch sicher schon von den Dinosaurieren gehört und von Jurassic Park. Hier, in der Nähe dieser verdammten Stadt, gäbe es hoch interessante paläontologische Ausgrabungen. Er habe die Schulferien genutzt und die weite Reise gemacht, um sich diese Kostbarkeiten vor Ort anzusehen, so lange sie noch zugänglich seien. Dann sei diese Scheiße passiert und weil er kein Geld habe und sich deswegen kein Auto mieten könne, verstreiche, wie schon gesagt, seine kostbare Zeit nutzlos. Er seufzte, fasste sich aber und legte nun lang und breit dar, welches sein Spezialgebiet sei und was ihn an den alten Steinen so fasziniere. Es seien keineswegs die spektakulären Saurier, wie Spyder vielleicht denke, sondern vielmehr die kleinen wunderschönen Ammoniten und Seelilien und...... Sein Redefluss war nicht mehr zu stoppen. Spyder gähnte.

Bei den ersten Ausführungen seines Gegenübers hatte Spyder jedoch sehr konzentriert und schweigend zugehört. Er war sehr schnell im Bilde gewesen, was da passiert war. Er schielte auf die Narbe an der Kuppe seines eigenen kleinen Fingers. Aus leidvoller Erfahrung wusste er genau, wer auf das Kappen von Fingerkuppen spezialisiert war. Doch statt dieses Wissen preiszugeben, schwieg er. Er schwieg, dachte angestrengt nach und gab, um Zeit zu gewinnen, vor, sich erst einmal schlau machen und Nachforschungen anstellen zu müssen. Lilly kannte er ja in der Tat nicht. Er versprach, dass er bestimmt am nächsten Morgen mehr wüsste und sie sollten sich wieder im Kings Club treffen, gleich nachdem er geöffnet habe. Dann könnten sie sich überlegen, wie sie weiter vorgehen wollten. Er, Spyder, würde ihm selbstverständlich in seiner Notlage helfen. Es sei doch Ehrensache, einem hilflosen Fremden zu helfen, der in seiner Stadt solche schrecklichen Dinge erdulden musste. Ach ja, Spyder hatte sich schon erhoben, wenn er, der geschätzte Freund, wieder flüssig sei, könne er, Spyder, doch damit rechnen, eine angemessene Entschädigung für seinen Aufwand zu erhalten.

Am nächsten Morgen stand der frustrierte und gedemütigte Fossilienforscher in aller Frühe vor der Tür des Kings Clubs und wartete sehnlich darauf, dass man aufmachte. Dann trank er einen Kaffee nach dem andern und wartete noch sehnlicher auf Spyder. Doch der ließ sich bewusst Zeit. Von einem gut geschützten Platz auf der anderen Straßenseite aus, konnte er bequem durch die großen Fenster in die Kneipe schauen und beobachten, wie der unruhige Gast auf seinem Stuhl hin und her rutschte, an seinem Kaffee nippte und dauernd auf die Wanduhr sah. Er ließ ihn eine ganze Weile zappeln, bevor er endlich das Lokal betrat und sich zu ihm setzte, dabei lächelte er geheimnisvoll und nickte auf die bange Frage, ob er etwas erreicht habe, verständnisvoll mit dem Kopf. Ja, er habe etwas erfahren, etwas das durchaus interessant sein könnte, aber er brauche zunächst mal einen Whisky, um nach der anstrengenden Nacht einen klaren Kopf zu bekommen.

Dann legte Spyder ausführlich dar, welchen Aufwand und welche Mühen es ihn gekostet habe, in so kurzer Zeit an die notwendigen Informationen zu gelangen, aber es habe sich gelohnt. Er könne nun mit Sicherheit sagen, dass der Hagere ein berüchtigter Krimineller und Schutzgeldeintreiber sei, Cut-off-Joe, der wegen seiner Spezialität, unwilligen Kunden und säumigen Zahlern die Fingerkuppen abzutrennen, so genannt wurde. Sein Gehilfe sei ein dämliches, unbedeutendes Arschloch mit dem Spitznamen Jackass Drummer. Und Lilly? Da sei er sich nicht ganz so sicher, aber er habe gehört, dass sich in dem besagten Viertel eine dralle, junge Schwarze herumtreibe, Lilian Wesley, das könnte Lilly sein, andererseits gäbe es viele, die auf die gleiche Weise wie sie, ihr Geld verdienten. Vielleicht gelänge es ihm, ein Bild von ihr aufzutreiben, dann wüssten sie es genauer. Aber was er überhaupt von Lilly wolle. Sie habe ja schließlich nichts Schlimmes gemacht, außer sein Geld zu nehmen, ohne die versprochene Gegenleistung zu erbringen und das sei ja nicht ihr Verschulden gewesen. Sie waren sich rasch einig, Lilly aus der Planung der Rache, in die sie nun vehement einstiegen, herauszulassen.

Spyder entwarf die Pläne, verwarf sie wieder, grübelte lange über Details nach, ohne ein Wort zu sagen, dann heischte er wieder nach Zustimmung. Es schien, dass er nicht nur wegen der Aussicht auf eine fette Belohnung so eifrig war, sondern weil er selbst an einer Bestrafung von Cut-off-Joe und seinem Kumpel höchst interessiert war. Er wollte, so seine Worte, dass dieser Abschaum, diese Pest, dieses Geschwür ausgerottet würde und seine Vorschläge, was man mit den Beiden machen sollte, so man sie denn hatte, waren krasser als alles, was der Geschädigte selbst zu denken wagte. Aber im Laufe des Vormittags erreichten sie wieder den Boden des Machbaren und schließlich einigten sie sich auf einen Plan, den Spyder genial und perfekt fand. Und Spyder hatte das Sagen, er war nun mal derjenige, der mit den hiesigen Gegebenheiten vertraut war und eindeutig die größere Erfahrung im Gangstermilieu hatte.

Als erstes, erklärte ihm Spyder, müsse in diesem Milieu verbreitet werden, dass sich der Fremde entschlossen habe, die Schande zu rächen, die man ihm angetan habe. Feige Gangster hätten ihn reingelegt und seine Schwäche ausgenutzt. Wenn es zu einem fairen Kampf am selben Ort käme, würde er den Hosenscheißern zeigen, wer das Sagen habe. Eine solche Beleidigung könne sich Cut-off-Joe nicht bieten lassen. Er müsse sich stellen und dem Fremden gewaltig auf sein großes Maul hauen, um seine Reputation zu retten, denn Reputation sei in diesen Kreisen alles, erklärte Spyder. Wenn jemand lächerlich gemacht und beleidigt würde, ohne sich zu rächen, sei die Reputation dahin, dann könne er sich nicht mehr lange halten. Cut-off-Joe würde also sicher in die Luke Road kommen und er, der Fremde, würde ihn dort schon erwarten. Natürlich nicht allein und nicht unbewaffnet. Er, Spyder, würde sich mit ein paar Freunden versteckt halten und im entscheidenden Moment eingreifen. Es könne nichts schief gehen. Und was die Bewaffnung anging, so würde er, Spyder, ihm eine Pistole besorgen, mit der er die Gangster notfalls in Schach halten könne. Auf den Einwand, noch nie eine Pistole in der Hand gehalten zu haben und in Wahrheit gar nicht daran denke, jemanden zu erschießen, beruhigte ihn Spyder. Er brauche sich deswegen keine Gedanken zu machen, die Pistole sei ungeladen und solle nur den Anschein erwecken, dass er bewaffnet und zu allem entschlossen sei. Er, Spyder, und seine Freunde würden ja rechtzeitig eingreifen und die Typen überwältigen, bevor die Waffe zum Einsatz käme. Und dann, wenn sie die Gangster gefangen genommen hätten, dann... Er geriet ins Schwärmen und ein kruder, krasser Vorschlag folgte dem anderen. Auf jeden Fall, so sein Resümee, müssten sie den Gaunern einen gehörigen Denkzettel verpassen. Den unbedarften Vorschlag, dann doch lieber die Polizei einzuschalten, hielt Spyder nicht für besonders gut. Er kenne die hiesige Polizei und die würden nur einen Haufen unangenehmer Fragen stellen. Alle Polizisten seien durch die Bank korrupt und er sei sich sicher, dass die Gangster am Ende ungeschoren davon kämen.

Spyders Plan schien arg simpel und voller Unwägbarkeiten zu sein, aber seine Wut war immer noch groß und die Aussicht auf andere Weise Rache nehme zu können, so gering, dass er schließlich einwilligte. Umgehend drehte Spyder sich von ihm ab, schloss die Augen halb und murmelte nahezu unverständliche Worte, die nur in Fetzen zu verstehen waren: morgen, später Nachmittag, Luke Road, Treffen, Herausforderung, Cut-off-Joe .... Als Spyder mit seiner Seance fertig war und den immer noch erstaunten, verständnislosen Blick seines Gegenübers bemerkte, klärte er ihn über seine telepathischen Fähigkeiten auf. Als er die Zweifel förmlich spürte, ob das den so klappen würde, beruhigte er ihn erneut. Er würde im Laufe des Tages und des Abends noch andere Wege der Kommunikation einsetzen, Telefon, Handy, Internet und einige wichtige Leute würde er sogar persönlich aufsuchen. Dann beschrieb er ihm mehrfach den Weg in die Luke Road und schärfte ihm ein, dass er pünktlich um halb vier Uhr dort sein solle, nicht früher und auf keinen Fall später. Er solle sofort in das Haus gehen, der Schlüssel sei unter der Matte, wie er ja schon wisse und er solle im Schlafzimmer warten. Die Hilfstruppen, er benutze tatsächlich dieses Wort aus der Militärsprache, stünde dann bereits gut versteckt in Bereitschaft. Auf keinen Fall solle er im Haus herum gehen und sie suchen, um sich nicht verdächtig zu machen, falls man ihn beobachtete. Die Pistole bekäme er morgen früh, nein nicht hier in der Kneipe, das sei zu gefährlich, sonder in einer der kleinen Nebenstraßen, nicht weit von hier. Als er spürte, wie unangenehm das Thema Pistole für den Fremden war, wiederholte er nochmals sehr eindringlich, dass er sich keine Gedanken machen müsse, weil er ja nur für kurze Zeit, es seien wirklich nur ein paar Sekunden, die Pistole auf die Gangster richten müsse und ihnen befehlen solle, sich still zu verhalten und die Hände zu heben. Dann sei er, Spyder, garantiert mit der Hilfstruppe zur Stelle und würde den Rest erledigen.

Trotz dieser Beschwichtigungen hat er ein arg mulmiges Gefühl, als er am späten Nachmittag des nächsten Tages pünktlich um halb vier in die Luke Road einbiegt. Die Erinnerung an die Typen und an seine Hand, die auf die Tischplatte gepresst wird und den raschen Schnitt, mit dem seine Fingerkuppe abgetrennt worden war, steigen übermächtig in ihm hoch. Etwas Ruhe und Sicherheit gibt ihm die braune Papiertüte mit der Pistole, die er in der Hand hält. Es ist ein überraschend großes, schweres Ding, das ihm Spyder am Morgen übergeben hatte. Er hatte ihm nicht viel erklärt, nur wie man sie entsichern müsse und ihm eingeschärft, sie mit beiden Händen zu halten. Der Befehl zum Stillhalten sei „freeze“ und dann noch „hands up“, aber das kenne er ja sicher aus den Krimis. Nachdem er ihm noch das leere Magazin gezeigt hatte, war die Waffenkunde beendet und Spyder erklärte ihm zum x-ten Mal, Schritt für Schritt, seinen Plan. Er hatte zugehört und genickt und vor lauter Aufregung ganz vergessen, Spyder zu fragen, warum er eine ungeladene Pistole überhaupt entsichern müsse. Schlimmer noch, er hatte hast vergessen, die braune Tüte an sich zu nehmen, als sie sich trennten, jedenfalls war ihm Spyder ein paar Schritte nachgelaufen und hatte ihm die braune Tüte in die Hand gedrückt.

Der Schlüssel liegt, wie beim ersten Mal, unter der Fußmatte. Er betritt die Wohnung, lauscht, kein Geräusch ist zu vernehmen. Er geht, wie ihm Spyder befohlen hatte, sofort in das Schlafzimmer. Das Bett ist noch in demselben Zustand, wie er es verlassen hatte und auf der Tischplatte und dem Fußboden sieht er die großen, dunkelbraunen, eingetrockneten Flecken seines eigenen Blutes. Er stellt den Stuhl so hin, dass er die Schlafzimmertür im Auge hat, selbst aber vom Flur aus nicht gleich gesehen werden kann. Dann setzt er sich, wischt sich den Schweiß von der Stirn und nimmt die Pistole aus der Tüte. Was für ein schweres Ding. Er hebt sie mit beiden Händen ein paar Mal hoch, mit einer wäre das kaum zu machen. Dann entsichert er sie und wartet. Was, wenn Spyder nicht rechtzeitig kommt? Was, wenn die Gangster gar nicht kommen? Die Minuten schleichen quälend langsam dahin. Eine fette Fliege ist auf einmal im Raum und umkreist ihn. Ihr Gesumme nervt ihn. Sie setzt sich auf den Tisch, leckt an den braunen Flecken. Startet wieder und kommt auf ihn zugeflogen, um sich kühn auf den Lauf der Pistole zu setzen. Er verscheucht sie mit einem knappen Schwenk nach oben. Wenn das Ding jetzt losgegangen wäre, denkt er erschaudernd. Warum nur, warum hat er sich auf diese Scheiße eingelassen? Der Anfang von „Spiel mir das Lied vom Tod“ fällt ihm ein. Das langgezogene Gequäke der Mundharmonika kreist in seinem Gehirn und verdrängt kurzfristig die Angst, dass Spyder nicht rechtzeitig erscheinen würde.

Spyder hatte verbreitet, dass der Fremde die Gangster pünktlich um vier Uhr zum Show-down erwarten würde, Wenn sie nicht kämen, seien sie Feiglinge und Memmen und er, der Fremde, habe es nicht nötig auf Feiglinge und Memmen zu warten und würde um viertel nach vier wieder gehen. Zweifel stiegen in ihm auf, ob die Gangster sich tatsächlich diese Bedingungen diktieren ließen. An das Risiko, beim Verlassen des Hauses überwältigt oder abgeknallt zu werden, denkt er lieber erst gar nicht. Er schaut auf die billige Armbanduhr, die er nun an Stelle der teuren Omega trägt. Es ist viertel vor vier. Er schwitzt noch mehr. Große Tropfen perlen über die Brauen und fließen in die Augen. Diese brennen und ein Schleier breitet sich vor ihm aus. Er fürchtet, im entscheidenden Moment gar nichts mehr sehen zu können. Er hätte zu gerne gewusst, wo sich Spyder und seine Kumpel versteckt hielten, in diesem kleinen Haus, in dem es doch nur wenig Räume gibt. Vielleicht im Keller? Gibt es überhaupt einen Keller? Er wundert sich, dass mehrere Leute sich so vollkommen ruhig verhielten. Wie viele Leute wollte Spyder eigentlich als „Hilfstruppe“ dabei haben? Aber er wagt nicht, sie zu suchen oder nach ihnen zu rufen, nachdem ihm Spyder das mehrfach und eindringlich verboten hatte. Dann beruhigt er sich wieder und klammert sich an Spyders Worte, dass alles perfekt geplant sei. „Du musst absolut keine Angst haben. Du kannst absolut nichts falsch machen.“

Die Digitalanzeige der Plastikarmbanduhr hat 4.00 p.m. schon deutlich überschritten. Er wird wieder unruhig. „Ist das hier überhaupt real oder träume ich? Sitze ich tatsächlich hier mit einer Pistole und warte auf kaltblütige Gangster? Ein schlechter Film, gleich wache ich auf“. Zehn nach vier hört er ein leises Geräusch aus dem Flur. Die Tür zum Flur ist zwar offen, aber er sieht nicht, was dort vor sich geht. Die Haustür muss aber kurz geöffnet worden sein, denn der Lichtschein im Flur war ein paar Sekunden lang etwas heller gewesen. Er lauscht angestrengt, hört aber er, keine Schritte, kein Atmen, kein Knarren, allenfalls ein gedämpftes Schleichen. Noch mehr dicke Schweißtropfen haben sich auf der Stirn gesammelt und laufen ihm über das Gesicht. Er wagt nicht, sie wegzuwischen. Sein Atem geht schneller, sein Mund ist staubtrocken, seine feuchten Hände halten krampfhaft die Pistole, der Lauf ist auf die Tür gerichtet und zittert. Jetzt, gleich jetzt, kommt der entscheidende Moment. Hoffentlich ist dann Spyder zur Stelle. Spyder und seine Freunde. Wer waren die eigentlich? Er hatte Spyder nicht danach gefragt. Er hatte ihn viel zu wenig gefragt. Er hatte alles, die ganze Planung, die Vorbereitung seinem neuen Freund überlassen, den er ja überhaupt nicht kannte und dem er nur vertraute, weil er dieselbe Wut auf Cutt-off-Joe zu haben schien, wie er. Doch jetzt, im Augenblick der Wahrheit, fühlte er sich allein gelassen. Er hat schon lange nicht mehr gebetet, doch nun murmelt er „Lieber Gott, lass Spyder da sein.“

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Statt Spyder steht plötzlich eine Gestalt im Türrahmen. Nicht der große Hagere, den er erwartet hat und auch nicht sein untersetzter Kumpan. Es ist die dunkle Silhouette einer Frau mit ausgeprägten Kurven. Es ist, die Erkenntnis trifft ihn schlagartig, Lilly. „Freeze!“ bellt der krächzend mit seinem trockenen Mund. „Bleib um Gottes Willen stehen. Nein, hau ab, verschwinde, mach dass du weg kommst.“ Aber Lilly denkt nicht daran zu verschwinden, sie kann gar nicht, denn hinter hier erscheint die erwartete, hagere Gestalt und die verdammte, heisere Stimme ruft „Wirf die Pistole weg, aber sofort. Sonst ist Lilly dran und dann du, du Mistkerl und diesmal bleibt es nicht bei der Fingerkuppe!“ Bei diesen Worten steigt Wut in ihm auf, die Gedanken rasen durch seinen Kopf. „Nein, das Spielchen spiele ich nicht noch einmal mit.“ Aber was sollte er nur tun? Er hat doch keine Zeit mehr zum Nachdenken. Wo bleibt denn Spyder, verdammt noch mal, wo bleibt denn dieses Arschloch, Asshole-Spyder. Noch während in seinem Kopf dieser eine Gedanke kreist, schreit Lilly auf und stolpert, nach einem heftigen Stoß in den Rücken, in das Schlafzimmer, direkt auf ihn zu. Er erschrickt als der Schatten auf ihn zu kommt und drückt, mehr instinktiv als gewollt, ab, der Abzug lässt sich fast ohne Widerstand betätigen. Ein reiner Reflex, der ja ohne Folgen bleiben würde, abgesehen von einem nutzlosen Klacken. Doch der Knall ist so laut, so unerwartet laut, dass er meint, dass Trommelfell müsse platzen. Lilly schreit erneut gellend auf und wird, wie von einer starken Hand, in die Gegenrichtung geworfen, zurück in die offene Tür. Und ein zweiter Schrei dringt zu ihm, ein heiserer diesmal. Seine Hände zittern, er ist total verwirrt, sein Zeigefinger ist immer noch am Abzug, er drückt nochmals ab, nochmals und nochmals. Beizender Geruch nach Verbranntem liegt in der Luft. Nachdem der letzte Knall verhallt war, herrscht Stille, eine unnatürlich Stille und die Hitze, die verdammte Hitze.

In der Ferne hört er die Sirenen der Polizei, die offenbar schon vor seinen Schüssen alarmiert worden war. Sie finden einen aufgelösten, weinenden Mann auf einem Stuhl im Schlafzimmer. In der Hand eine großkalibrige Pistole, ein teuflisches Mordinstrument. Vier der acht Patronen fehlen im Magazin. Eine steckt im Türrahmen, drei in der Wand des Flurs. Diese drei hatten zuvor den Körpern einer Frau und eines Mannes glatt durchschlagen und ihren sofortigen Tod herbeigeführt. Die Personen werden später als Lilian Wesley und John Bernstein, genannt Cutt-off-Joe, identifiziert. Die beiden waren, von einem ungeöffneten Klappmesser in Bernsteins Hosentasche abgesehen, unbewaffnet. Sie waren allem Anschein nach in eine Falle gelockt und dann kaltblütig erschossen worden. Ein klarer Fall von Doppelmord, für den es sowohl einen eindeutigen Täter als auch ein hinreichend nachvollziehbares Motiv gab.

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