Wer den heutigen Zustand der Menschheit erkennen will, der scrolle sich am besten nächtelang durch die TikTok-Plattform.
Filomena stand der Sinn aber nicht nach Philosophie, nicht nach soziologischen Studien, auch anatomische Details ihrer Geschlechtsgenossinnen liessen sie eher kalt. „Brüste sind nun mal Brüste“, dachte sie sich, „ich habe ja auch welche, und die sind gar nicht mal von schlechten Eltern“. Nein – Filomena scrollte, wie wohl die meisten, aus Einsamkeit. Was hätte sie auch sonst tun sollen – nach Arbeitsschluss? In der Bar um die Ecke ein Bier heben? Allein? Als Freiwild? Männer, so ihre Meinung, verstanden es ohnehin immer schlechter, in der Öffentlichkeit mit einer Frau Kontakt aufzunehmen. Sie waren alle derart bildschirmsozialisiert, die Wisch-und-Weg Mentalität von Tinder hatte sie derart ergriffen, dass sie nicht mehr wussten, wie sie sich an eine Frau wenden sollten. Mit was für Worten. Mit was für Gesten. Dabei liebte Filomena Männer. Es gab auf den Stationen, die sie tagtäglich reinigte, doch so einige von ihnen. Den meisten Sahneschnitten begegnete sie auf der Orthopädie. Junge Sportler, hilflos eingegipst, kamen ihr im Korridor entgegen und lächelten ihr zu, was der hübschen Filomena durch und durch ging. Sie ahnte, wie sie wirkte, in ihrem hellblauen Arbeitsdress mit der zu engen Hose, unter der sich ihr Hintern abzeichnete und die Ränder ihres Sloggi Slips auftrugen. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, was den Sahneschnitten durch den Kopf ging, wenn Filomena sich in den Krankenzimmern vor ihnen bückte – etwa, um eine Bananenschale aufzuheben. Verbal belästigt wurde sie allerdings nie, kannte aber diese Geschichten vom Hörensagen ihrer Kolleginnen. „Ich war im Lift“, so der Tenor, „und da hat mir ein Besucher einfach so an den Hintern gegriffen. „Geiler Arsch“ gesagt. Und die Kabine im 12. Stock lachend verlassen.
Filomenas Punze
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Filomenas Punze
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