Flucht aus Provo / Utah

Nach dem großen Sterben – Die Bruderschaft

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Flucht aus Provo / Utah

Flucht aus Provo / Utah

Reinhard Baer

Er wartete nur darauf, jemanden zu finden, der sich Emma als Ehefrau richtig was kosten lassen würde. Emma war noch Jungfrau; das würde ihm richtig was einbringen – vielleicht zwei erwachsene Ehefrauen für sich. Emmas Mutter sah das natürlich mit Sorge. Als jetzt der Zug dort hielt, wurde sie immer stiller. Irgendwas heckte sie aus, das spürten wir, und plötzlich – der Alte war nicht zu Hause – sahen wir sie auf unserem Grundstück über den Zaun springen und über die Gleisanlagen rennen. Ich glaube, sie wäre fast erschossen worden, denn die Wachen hatten sich erschrocken, als jemand auf sie zu rannte. Dann holten sie einen anderen Mann, mit dem sprach sie eine Weile. Dann kam sie wieder und rief Emma und mich zu sich: ‚Mädchen, ihr müsst mir gut zuhören und mit niemandem darüber reden. Packt eure wichtigsten Sachen, eine Reisetasche voll, und versteckt sie in euren Schränken.‘
‚Nein, Mama, ich will nicht von dir weg‘, Emma fing an zu schluchzen.
‚Pssst, leise‘, Karen wollte kein Aufsehen erregen, ‚es muss sein, wir haben doch schon oft über eine Flucht nachgedacht. Wenn du bleibst, wird dich Papa mit irgendeinem geilen Bock verheiraten und du wirst ganz bestimmt als letztes gefragt, ob du den willst. Und dann endest du als Brutmaschine. So eine Chance bekommen wir nie wieder. Sie werden euch mitnehmen. Schafft ihr es in den Zug, seid ihr sicher.‘
Immerhin hörte Emma auf zu weinen. ‚Aber du kommst doch mit?‘
‚Nein, ich bleibe, die Kleinen brauchen mich … Wenn die andere Zughälfte zurückkommt, werden sie etwa zwei Stunden später abfahren. Wir dürfen diese Rangierarbeiten also nicht verpassen. Einer muss immer den Zug im Auge behalten. Und dann los: dann nehmt ihr eure Taschen und lauft so schnell ihr könnt zu dem Zug …‘
‚Auch wenn Papa da ist?‘
‚Auch wenn Papa da ist! Er darf nichts merken, und ihr müsst schnell sein.‘
So kam es zwei Tage später. Natürlich war der Alte zu Hause, und gerade als wir über den Zaun kletterten, roch er Lunte und kam tobend und laut fluchend aus dem Haus, aber er hatte keine Chance. Die Wachen rechneten mit uns und ließen uns ungehindert passieren. Als er endlich heran war, schaute er in die Läufe von zwei Sturmgewehren und trollte sich letztendlich schimpfend zurück ins Haus. Ich hoffe nur, dass er Karen nicht dafür misshandelt hat.“
Kris kullerten ein paar Tränen die Wange herunter.
„So bin ich quasi zu einer weiteren kleinen Schwester gekommen.“
„Und dann?“
„Nichts und dann. Der Zug fuhr ungehindert ab. Seitdem leben wir in diesem Zug. Wie du weißt, geht es uns gut … Heizung, Warmwasser, Sicherheit, gute Behandlung … aber es ist ein Zug. Ein normales Leben vermissen wir schon.“
„Normales Leben gibt es doch nicht mehr in dieser Zeit.“ Das war gelogen; natürlich gab es ansatzweise bereits wieder ein normales Leben in dieser Zeit. Ich musste an Linda und unsere Tochter denken – da könnte ich jetzt auch sein und ein normales Leben führen. Es gab mir einen Stich ins Herz, wie verlogen ich sein konnte. Ich betrog sie wieder alle gleichzeitig: Linda, Amy, Alice und Kris. Und wofür? Für ein wildes, ungebundenes Leben mit Abenteuern und ja … auch mit sexuellen Ausschweifungen.
Apropos Ausschweifungen …. Kris hatte sich an mich geschmiegt. Ihr Kopf lag auf meinem Brustkorb. Zärtlich massierte ich ihr ein Ohrläppchen. Ich würde ihre ‚weiche Phase‘ nicht ausnutzen; ich würde heute nicht den ersten Schritt machen. Wenn etwas passieren sollte, wäre es gut – wenn nicht, auch gut!

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