Flucht aus Provo / Utah

Nach dem großen Sterben – Die Bruderschaft

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Flucht aus Provo / Utah

Flucht aus Provo / Utah

Reinhard Baer

Als die Dunkelheit hereinbrach, legten wir uns in unsere Schlafsäcke. Die Stimmung war irgendwie melancholisch. Jeder hing seinen Gedanken nach. Ich spürte, dass Kris in den Knochen steckte, was sie an schrecklichen Dingen in den letzten Tagen zu sehen bekommen hatte. Mir ging auch durch den Sinn, dass ich fast gar nichts über Kris wusste, außer dass sie irgendwo an der Westküste aufgewachsen war und Emma schon eine ganze Weile kannte – schon vor dem Zug. Vielleicht würde sie das auf andere Gedanken bringen, wenn ich sie mal nach ‚Früher‘ fragte?

Während ich sie im Arm hielt, sagte ich deshalb: „Erzähl mal von dir!“
„Von mir? Was gibt’s da schon zu erzählen? Ich habe das Gefühl, noch gar nichts erlebt zu haben, außer der beschissenen Endzeit.“
„Das kann ja nicht sein. Wie alt warst du beim großen Crash? 18?“
„19. … Na ja, wohlbehütet aufgewachsen bin ich in Alameda bei San Francisco. Mein Vater war bei der Union Pacific Railroad, meine Mutter Grundschullehrerin. Ich habe – oder hatte – eine kleine Schwester. Als die Katastrophe ausbrach, war ich gerade in Provo, einer Kleinstadt in Utah südlich von Salt Lake City. Ich war nach der Highschool so unschlüssig, was ich machen sollte, und vertagte wie so viele das Problem, indem ich erst mal was auf Zeit machte. In meinem Fall Au Pair. Ich hatte die geile Idee, bei einer mormonischen Familie als Au Pair zu arbeiten, um das mormonische Leben kennenzulernen – und das … das ist mir ja dann auch gelungen.“ Kris klang sehr sarkastisch.
„Huch, was ist passiert?“
„Na ja, in meiner Gastfamilie hatte sich das Familienoberhaupt zwei Frauen gegönnt und mit Mitte dreißig bereits neun Kinder gezeugt. Bevor die Donalds kamen, ging es ja noch. Ich meine, er benahm sich nicht wirklich korrekt, aber es ging noch.

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