Luise fütterte das handzahme Tier, welches das Heu direkt aus ihrer Hand fraß. Einer plötzlichen Intuition folgend, öffnete sie die Box. Luise legte Carlos das Zaumzeug an, und sattelte ihn auch. Ein kleiner Ausritt war genau das, was die junge Dame nun brauchte. Sie wusste zwar, dass es strengstens untersagt war, aber ihr Wunsch, Carlos zu reiten, wurde übermächtig. Sie nahm die Zügel in die Hand und führte ihn aus dem Stall hinaus. Als sie mit dem Pferd vor den Stallungen stand, ertönte ein knallendes Geräusch. Ein benachbarter Bauer schoss wohl auf Krähen, die sich über sein Saatgut hermachen wollten. Carlos erschrak und riss sich los, ehe Luise reagieren konnte. Das Tier rannte in wildem Galopp davon, ließ Luise nicht den Hauch einer Chance, um es einzuholen. Völlig durcheinander lief sie ins Haus, um Karls Vater von ihrem Missgeschick zu berichten. Dieser schickte gleich seine Pferdeknechte los, um das seltene Tier wieder einzufangen. Es gelang ihnen zum Glück, auch wenn die Aktion eine gute Stunde dauerte. Karls und Liesels Vater nahm den Vorfall sehr gelassen, war nicht einmal böse auf Fräulein Luise. Er mochte die charmante Frau, die sich so gut um seine einzige Tochter kümmerte. So blieb es bei einem leichten Tadel, sie solle besser die Finger von Karls liebstem Pferd lassen. Luise versprach es, und damit schien sich die Sache erledigt zu haben. Zumindest für die leichtsinnige Luise war der Vorfall aus der Welt!
Nicht jedoch für Karl, der ziemlich aufgebracht war. Seit er von Luises Fauxpas erfahren hatte, strafte er das Fräulein mit eiserner Missachtung. Selbst eine persönliche Entschuldigung Luises brachte keinen Erfolg! Die dreißigjährige Frau war verzweifelt, spürte sie doch eine wachsende Zuneigung für den jüngeren Mann. Nachdem er sie fast eine Woche lang ignoriert hatte, stellte sie ihn nach dem Abendessen. Karl saß rauchend im Garten, als Luise sich einfach zu ihm auf die Bank setzte.
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