Französisch offen

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Französisch offen

Französisch offen

Matthias Mala

Drei Temperamente trafen sich im Raum, umspielten sich und verdichteten sich zu jenem Ambiente gelangweilter Erwartung des Außerordentlichen, das nie eintreten würde. Kühle Eleganz verlieh ihm die klare italienische Linie, anheimelnde Wärme gab ihm das von Latinoklängen untermalte Gemurmel der Gäste und ihre Eitelkeit wirkte wie ein Sprühregen, erfrischend und schreckend. Doch an diesem Tag trat mit ihr das erwartete Unerwartete, das Außerordentliche ein.
Sie genoss es, sich zu zeigen, und so saß sie mit ihm an einem Tisch in der Mitte des Raumes. Obwohl er lieber die schützende Wand in seinem Rücken wusste, hatte er ihrem Verlangen auch diesmal nachgegeben, so wie er ihm ebenso in anderer Weise immer wieder nachgab. Sein Unwohlsein darüber war ihm in eigentümlicher Weise längst zum Wohlgefühl geworden. Sich ihren Launen auszusetzen, war ihm mittlerweile erregender Liebesdienst.
Er sprach leise. Sie blickte auf seine Lippen, sah, wie seine Zunge sie wiederholt benetzten, sinnierte ob dies reizvoll oder unschön sei – sollte sie ihm ihren Labello reichen? Sie suchte, seinen in sich gekehrten Blick auf sich zu ziehen, weilte auf seinen Händen, die die einmal eingefangene Bewegung gleichmäßig wiederholten, anstatt dem Rhythmus seiner Worte zu folgen. Sie zündete sich eine Zigarette an, blies ihm den Rauch ins Gesicht, verfing sich wieder am Spiel seiner Lippen, verfolgte belustigt ihr sanftes Wogen im Zusammenspiel mit dem Wehen der blaugrauen Schleier. Seine Worte plätscherten an ihr vorbei, vermischten sich mit dem Gemurmel um sie herum, während sie versuchte, das andere an ihm zu ergründen.
Sein Blick fiel auf ihre Hand, die die Zigarette hielt, verweilte auf dem schlanken Öhr, zwischen Filter und Fingeransatz. Er sprach von ihrem ersten Zusammensein, jeder Satz zog den nächsten mit sich und so hörte er sich reden, was er nicht sagen wollte und fand den Bogen nicht zu dem, was gesagt werden sollte. Er spürte, wie er ihrem Bann erlag und fürchtete sich, ihr ein weiteres Mal nachzugeben.
Ihr Blick löste sich von ihm, richtete sich in die Ferne, um das Bild zu deuten, das er ihr vorgaukelte. Im Spiegel zogen die Leute am Café vorbei. Sie sah sie vorbeihuschen und suchte einen festen Punkt: eine Frau im Wagen auf der anderen Seite. Seine Frau. Ihr Blicke schienen sich zu kreuzen. Der Spiegel zersprang und sie sah sich unversehens auf einem Grat über Abgründe wandeln. Ihr Tritt war sicher und die Höhe machte ihr keine Angst. Darüber wunderte sie sich.
Ihr Blick verlor sich im Spiegel und sie vernahm die falsche Melodie seiner Worte. Sie stand auf und lächelte ihn an. Er verstummte, seine lächelnde Erwiderung blieb ein wehes Grinsen. Sie holte aus und ohrfeigte ihn auf die linke, zog die Hand vorbei und schlug ihn mit dem Handrücken auf die rechte Wange. Er rührte sich nicht, sondern starrte sie nur an. Sie hob die Kaffeetasse vom Teller. Er rührte sich auch nicht, als sie den warmen Kaffee über ihn ausgoss, sondern bettelte nur hungrig mit seinem Blick. "Du hast es ihr gesagt!", zischte sie und gab ihm den Gnadenstoß, er fiel mit dem Stuhl um.
Sie aber drehte sich um, verließ den Raum und schritt erneut den Grat entlang, vorbei an den Schloten verrauchter Liebe, die aus ausgekühlten Schlafzimmern gleich steinernen Phallen in den Himmel ragten. Im Vorübergehen hörte sie das erkaltete Liebesgeflüster und die längst verhallten Lustschreie. Vor ihr ein Schlot aus dem Rauch aufstieg. Sie blieb stehen, umfasste seine warmen Steine und beugte sich über die rußige Öffnung und lauschte hinab. Rauch umspielte sie und trug das hitzige Geflüster an ihr Ohr. Als sie sich wieder aufrichtete, spürte sie die Augen, die hinter verhangenen Fenstern zu ihr aufblickten, spürte die Bewunderung in den heimlichen Blicken und genoss sie noch mehr als die Wärme des Kamins.
Als sie sich umblickte, sah sie ihm in die Augen, er war ihr gefolgt. Sie konnte nicht glauben, dass gerade er den Mut dazu aufgebracht hatte. Sie ließ den Schlot los und stürzte vom Grat, schlitterte das Dach hinab, zersplitterte im Sturz die Scheiben und blinzelte in die aufgerissenen Augen der Gaffer. schnell wandte sie sich ab, suchte seinen Blick. Sein Stuhl war nach hinten gekippt und leer. Wieder blickte sie sich um, und wieder sah sie ihm in die Augen. Er stand hinter ihr, reichte ihr eine brennende Zigarette und flüsterte ihr ins Ohr: "Ich habe niemanden, hörst du, niemanden etwas gesagt." Dann warf er einen Geldschein auf den Tisch, half ihr hoch und schlenderte mit ihr über den Laufsteg hinaus. Zurück blieb kühle Eleganz. Die anderen beiden Temperamente hatten sich indes verloren.

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