„Zurücktreten“. Die Türen gingen zu, die gelben Lichter zogen vorbei, der Zug gewann an Fahrt und wurde von dem dunklen Tunnel verschluckt. Die Frau hatte die Erkundung ihrer Umgebung beendet und schaute nun mit ihren weit geöffneten Augen in eine ungewisse Ferne. Sie beachtete ihn in keiner Weise, obwohl er voll in ihrem Sichtkreis saß. Er dagegen fuhr fort, sie anzustarren und sich in seiner Phantasie auszumalen, wie es weitergehen könnte. Erst würde er sie zum Essen einladen, in ein chices, exklusives Restaurant. Dann würden sie in eine Kneipe mit Live-Musik gehen, würden Whisky trinken, rauchen, reden, lachen. Dort kämen sie sich näher. Erst ihre Hände, die sich wie zufällig berühren, sich sacht und zärtlich streicheln und drücken würden. Dann würde er tief in ihre schwarze Seele, in ihre faszinierenden Augen sehen, lächelnd aufstehen, seinen Stuhl neben den ihren stellen und ganz nahe an sie heranrücken. Ihre Beine pressten sich aneinander, seine Hand läge auf ihrer Taille und ihre Hand auf seinem Oberschenkel. Ihre Köpfe wären ganz dicht beisammen und ihre Münder würden sich schließlich finden. Sie würden sich, eng aneinandergepresst, gierig, wollüstig, atemlos küssen. Nachdem die erste Ekstase abgeklungen wäre, würden sie klären, wo sie den Rest der Nacht verbringen könnten. Bei ihr zu hause, in seinem Hotel, in einem Stundenhotel? Bei diesen Gedanken, hatte er sein Gegenüber fast aus dem Sinn verloren, so sehr hatte er sich in sein Wunschdenken hineingesteigert. Doch daraus erwachte er beim nächsten Halt abrupt. Die Frau saß immer noch da, aber alles andere war Fiktion, Einbildung. Die Realität war anders. Niemals würde er sie ansprechen, niemals den ersten Schritt unternehmen. Und selbst wenn er seine Hemmung überwinden könnte und selbst wenn sie seine Einladung annehmen würde, wäre doch der Rest seines Traums nur absurdes Theater. Realität war, dass sie an der nächsten oder übernächsten Station aussteigen und er sitzen bleiben und einer verpassten Gelegenheit, die es in Wirklichkeit gar nicht gegeben hatte, nachtrauern würde.
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