Die Frau in der U-Bahn

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Die Frau in der U-Bahn

Die Frau in der U-Bahn

Yupag Chinasky

Auch ihre beiderseitige Sprachlosigkeit, sie redeten kaum, weder vor, noch während, noch nach dem Essen, trug nicht zur Ausschüttung weiterer Endorphine bei. Es gab nicht viel, eigentlich gar nichts, was sie sich zu sagen gehabt hätten. Sie fanden, nach einigen belanglosen Sätzen, einfach keinen Draht zueinander, die Chemie stimmte nicht, so war wohl eine mögliche Beschreibung ihres Zustands. Dann gingen sie wieder auf die nächtliche Straße hinaus. Er überlegte krampfhaft, was er denn nun machen solle, wo ein passendes Lokal sein könnte und bei dem Gedanken, wie es weitergehen sollte, begann er zu schwitzen. Die Vorstellungen und Wünsche, die er im Zug gehabt hatte, bereiteten ihm nun Angst. Die Ungezwungenheit und Spontaneität, die ihn noch auf dem Bahnsteig beflügelt hatte, war dahin. Er war unsicher, linkisch, schweigsam. Und auch die Frau war nicht mehr die femme fatale, die mit leicht gespreizten Beinen und wollüstigen Lippen sprungbereit da saß. Es war eine schüchterne Frau, die unerwartet ein Essen spendiert bekommen hatte und jetzt nur noch von dem einen Wunsch beseelt war, dem Spender so schnell wie möglich zu entkommen, allein zu sein. Sie löste die angespannte Unsicherheit und beantwortete die noch nicht gestellte Frage „Was wollen wir jetzt machen“, indem sie verkündete, dass sie nun zurück zur U-Bahn müsse und dass es ein sehr schöner Abend gewesen sei für den sie sich herzlich bedanke. Klar, sagte er, halb enttäuscht, halb erleichtert, für ihn gelte dasselbe. Am Ende der Rolltreppe, die beide wieder in den Schacht und somit auf ihre Ausgangsplattform zurückbeförderte, ging sie nach links und er nach rechts. Auf dem Bahnsteig, durch die Gleise getrennt, winkten sie sich noch einmal zu. Dabei fiel ihm ein, dass er weder ihre Adresse noch ihre Telefonnummer hatte, ja dass er gar nicht sicher war, ob er sich ihren Namen gemerkt hatte. Er rief ihr etwas zu, sie sah ihn fragend an, hob die Schultern und da unterbrach auch schon die einfahrende U-Bahn ihren letzten, hilflosen Kommunikationsversuch.

Er saß auf dem gemusterten Polstersitz, lehnte sich zurück und schloss die Augen, öffnete sie aber als der Zug stand, um einen letzten Blick auf diese aufregende Frau in Schwarz zu werfen, einen Abschiedsblick. Die Türen gingen auf, sie trat auf den Bahnsteig und schloss sich sofort dem Strom der davoneilenden Menschen an, ohne sich noch einmal umzudrehen. Es würde ein schönes, einsames, langweiliges Abendessen werden.

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