Sie kleidete sich stets klassisch attraktiv und hatte nach K.s Empfinden eine äußerst erotische Ausstrahlung, obwohl oder gerade weil sie sich jeder Koketterie oder Flirterei enthielt. Was sie wirklich geheimnisvoll machte, war ihre verborgene Traurigkeit, ihr Ernst, dem sie gelegentlich mit einem zarten Lachen entfloh, wenn andere schon losprusteten.
Ansonsten war sie sorgfältig, zielstrebig und gut organisiert in ihrer beruflichen Tätigkeit. Ja, sie hatte etwas, das nicht alle hatten, und sie schien gar keinen Gedanken daran zu verschwenden, wirkte ein wenig unnahbar, wenngleich sie stets direkt auf den Kern zu sprechen kam, wenn es nötig war.
Nur mit hohlem Getratsche konnte sie nichts anfangen. Manche meinten, ihr Arroganz nachsagen zu müssen. Dagegen verwahrten sich die meisten, denn eher war sie pflichtbewusst und kompetent bei einer deutlich erkennbaren Bescheidenheit. Und Einfühlsame erkannten die Melancholie hinter ihrer Sachlichkeit.
Aber eben nur die.
*
Das Hotel Opal war von außen betrachtet kein Schmuckstück. Die einfallslose Standardspeisekarte des in die Jahre gekommenen gutbürgerlichen Gasthauses lag nicht mehr im Trend und von den wenigen Biertrinkern abends konnte es auch nicht überleben. Doch die günstige Lage zwischen Bahnhof und Innenstadt hatte den Inhaber bewogen das gesamte Obergeschoss mit einfachen, modernen Zimmern auszubauen und er hatte fortan mit seinem im unteren Preissegment angesiedelten Betrieb ein stets gut belegtes Haus.
Der Pförtner nickte K. nur kurz zu, als er von seiner Zeitung aufsah.
*
Frau Müller lag ausgestreckt auf dem Bett, mit hohen schwarzen Schuhen, schwarzen Strümpfen, Strumpfgürtel, Slip und Büstenhalter. Sie hatte die aktuelle Kollektion von Lou gewählt, der Slip über und auf dem Venushügel zweimal geschlitzt, aber über dem Intimbereich nicht offen - ein sinnlicher Genuss noch vor jedem Genuss. Er kannte dies aus dem Schaufenster seines bevorzugten Dessousladens.
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.