Freinacht

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Freinacht

Freinacht

Wulff Triebsch

„Sie kann die Zukunft vorhersagen“, fügte er leise hinzu und schaute ihr sehnsüchtig nach. Nichts hielt Manuel zurück, als Sigrun so schnell davon eilte wie sie gekommen war. Er folgte ihr bereitwillig und entschwand hinter ihr im dämmrigen Licht eines Seitenausgangs.

Suchend schaute ich mich nach Lydia um, nur um mich zu vergewissern, dass auch sie keine Einwände hatte, hier zu bleiben. Ich entdeckte sie an der Seite des Lyra-Spielers in der Mitte des Kreises mit den Kissen. Wie gebannt folgte sie den Bewegungen seiner Hände, die spielerisch über die Saiten des Instrumentes glitten; wie entrückt lauschte sie mit geschlossenen Augen seinem Gesang. – Um sie brauchte ich mich bei diesem Fest keine Sorgen zu machen.
„Das ist Sven“, erklärte Björn. „Er spielt kymrische Lieder auf einer irischen Lyra. Loblieder auf Frauen und auf unsere Göttinnen …“
„… vor allem zum Lobe Freyas, der Göttin der Liebe“, fügte Ruth, die Hohepriesterin, hinzu. „Unser Fest steht ganz in ihrem Zeichen.“
Ihre ernste Miene wich zum ersten Mal einem Lächeln. „Wie unsere Vorfahren feiern wir das Sommersonnenwendfest als Freinacht“, erklärte sie und hob ihre Hände in die Höhe, als würde sie eine göttliche Botschaft verkünden. „In der Freinacht sind alle Beziehungen zwischen Mann und Frau aufgehoben. Jeder darf sich mit jedem vereinen, sich beliebig paaren, so lange und wie es gefällt.“

„Du wirst wohl diesen Abend auf deinen jungen Manuel verzichten müssen“, meinte ich leise zu Angela.
Sie zuckte mit den Schultern. „Er ist der Sohn meines Chefs und hatte neulich Geburtstag. Jetzt ist er volljährig.“ Sie schaute mich an, als müsste sie erst überlegen, ob sie weitersprechen sollte. „Das Wochenende mit mir im Hotel war ein Geburtstagsgeschenk seines Vaters“, flüsterte sie mir zu und zögerte erneut. „Ich betreue sonst die männliche Kundschaft unserer Firma.“

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