Die Fremde in Agnes Haus

Agnes' Haus der sündigen Engel

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Die Fremde in Agnes Haus

Die Fremde in Agnes Haus

Stayhungry

Die Dame wurde wieder zum Tisch geleitet, legte sich mit dem Rücken auf ihn und wurde dort wieder angekettet. Ihr Unterleib ragte knapp über den Rand des Tisches, ihre Schenkel waren hochgezogen und seitlich gehalten von Fußfesseln.

Es ist jetzt besser, wenn wir gehen, meinte Agnes und er gehorchte ihr, denn nun kamen fünf Männer durch die Türflügel, gesichtslos wie er und strebten ihrem Ziel zu. Im Blick zurück konnte er noch erkennen, wie sie sich um sie scharten, ihre Hände sie streichelnd bedeckten und der erste in sie drang.

Sie alle würden sie nun begatten und niemand würde wissen, wessen Frucht sie trägt, sollte das Vorhaben gelingen.

Die Unbekannte hatte zuvor noch eine ausgedehnte Liebesnacht mit ihrem Mann verbracht und beide waren gewiß, dass alles an ihrer Liebe etwas Besonderes war.

*

Nach einigem Zögern hatte er eingewilligt. Er hatte einen neuen HIV-Test machen lassen und versprochen, niemals Ansprüche geltend zu machen. In gleicher Weise hatte Agnes den Rest dieses halben Dutzends von Männern ausfindig gemacht, die alle dem Wunsch dieser Frau nach einem Kind zu dienen bereit waren.

Agnes war lange ablehnend gewesen, hatte dies ein unmögliches Ansinnen genannt und ihr die medizinische Samenspende empfohlen. Aber die Bittstellerin hatte ihr klar machen können, dass sie sich erst wieder in die Kälte der Reproduktionsmedizin begeben wollte, wenn auch diese Orgie erfolglos wäre. Auf Agnes lag die unermessliche Last, Männer zu finden, die einen sensiblen, mitfühlenden Charakter haben und dennoch ein solches Wagnis eingingen, denn ihr traute die Frau zu, diese Wahl zu treffen. Das könnte ein medizinisches Labor niemals leisten. Die menschliche Dimension ist dort nicht vorgesehen.

Weil sie und ihr Mann sich all das für sich wünschten, kam weder die anonyme Gelegenheit eines One-Night-Stand noch eine diskrete Affäre im Bekannten- oder Kollegenkreis in Frage. Also hatte Agnes eingewilligt. Ein bisschen wäre das dann auch ihr Kind. Bei allem Magendrücken gefiel ihr die Gedanke.

Das geliebte Kind, dessen Geburt er beiwohnen durfte, Frucht eines anderen, war ihm genommen worden, ein eigenes war ihm nicht vergönnt. Er würde nicht suchen nach seinem Kind — wenn es denn überhaupt so kommen sollte. Vielleicht würde er eines Tages vor ihm stehen, seinem unbekannten Sproß, wie in „Heart‘s All I wanna do is make love to you“ wo es am Ende heißt: „When he saw his own eyes“ - dass er eine Tages in seine eigenen Augen blicken würde. Die Aussicht auf diese Möglichkeit reichte ihm, um ein bisschen glücklich zu sein.

*

Stumm war er nach diesem Bericht. Er lag in Agnes‘ Armen und mit dem Ende der Worte überzog Müdigkeit seine Augen. Fast hatte sie das Gefühl, Tina wäre nicht tot, sondern wieder bei ihr. In seiner milden Wildheit war er das Pendant zu ihr, ihrer größten Liebe. Er und sie hatten nicht zueinander gefunden, wo sie einander doch so nah gewesen waren. Und er und Agnes hätten sich nie in ihrer eigenartigen Freundschaft vereint, wenn nicht sie post mortem ihre verbindende Klammer gewesen wäre.

Agnes und Tina aber hatten eine Liebe gehabt, die so einzigartig war, dass nur der Tod sie trennen konnte. Dieser innige Moment brachte unerwartet mit Urgewalt alles zurück, was sie verloren hatteAgnes Tränen wurden zu einem Strom und schüttelten sie in heftigen Krämpfen. Er hielt sie fest im Arm, stumm und ließ sie nicht mehr los, bis sie endlich erschöpften Schlaf fand.

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