Das mittelalterliche Haus gehört dem Betreiber des Cabarets. Er wohnt im Erdgeschoß, hat im ersten Stock noch zwei kleine Wohnungen vermietet. Ich stehe vor der schweren Eingangstür, betrachte kurz ein Plakat, das darauf klebt.
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Ich leiste der Aufforderung unverzüglich Folge. Ich stehe im sogenannten Foyer der Lokalität. Fotografien der Tänzerinnen lächeln mich von den Wänden an. Eine interessiert mich besonders. Es ist das Bild einer dunkelhaarigen Frau, ungefähr 35 Jahre alt. Sie trägt einen Pagenschnitt, sieht mich aus unergründlich kastanienbraunen Augen an. Ihre Lippen sind schön geschwungen, die Nase antik. Sie wirkt auf mich wie eine griechische Rachegöttin, die darauf wartet ihr Opfer zu finden. Es ist Frivola, die bürgerlich Frieda Volani heißt. Ihr Vater ist Deutscher, vielleicht rührt daher der helle Teint ihrer makellosen Haut. Die Mutter stammt aus Athen, die klassische Schönheit verdankt Frivola ihr. Ich gehe nun eine Treppe hinunter, die Stufen sind mit abgetretenem, rotem Plüsch belegt. Musik dringt aus dem Keller, sanfte Klänge aus einem Piano perlend.
Ein älterer Mann steht neben der offenen Tür. Er trägt eine Livree, begrüßt mich freundlich. Er nimmt mein Sakko in Empfang, bringt es an die Garderobe. Ich gebe Karl sein Trinkgeld, das er gleich in die Tasche steckt. Die Anzahl der Gäste ist überschaubar. Mein Lieblingsplatz, direkt vor der Bühne gelegen, ist gottseidank frei. Kaum dass ich sitze, bringt mir eines der Mädchen Champagner. Sie trägt ein schwarzes Kleid, das nur knapp über die Schenkel reicht. Die Schleife in ihren blonden Locken wippt anzüglich, als sie mir das Glas füllt. Ich wende mich dem Treiben auf der Bühne zu.
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