Fußballfieber

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Fußballfieber

Fußballfieber

Yupag Chinasky

Nur wenn er durch einen blendenden Sieg in Euphorie geriet, ging er auch auf ihre Wünsche ein, ansonsten galt für ihn die Devise „kurz Liebe machen und sich dann wieder den wichtigen Dingen zuwenden“. Dieses einseitige Verhalten hatte sie nicht erwartet, sie war enttäuscht und frustriert und sie sagte ihm, dass sie sich total etwas anderes vorgestellt hätte als einen Mann, der immer nur Fußball glotzte. Weil sie keine Arbeit, keine Hobbys, keine Ideen und auch sonst nichts zu tun hatte, war ihr meistens langweilig. Zu allem Kummer hatte auch noch ihre beste Freundin geheiratet und war verzogen. Am schönsten für ihn und am schlimmsten für sie war die Europameisterschaft, die gerade stattfand. Jeden Tag wurde ein Spiel übertragen und die Sender blähten die Fußballzeit mit sinnlosen Vor- und Rückblicken oder schwachsinnigen Expertendiskussionen auf eine fast schon unanständige Weise aus. Fußball jeden Tag und wenn Verlängerungen und Elfmeterschießen angesagt waren, bis spät in die Nacht. Für ihn der Himmel, für sie die Hölle.

Wenn sie das Gejohle aus der Glotze nicht mehr hören konnte, ging sie auf den Balkon. Sie blickte dann auf einige Hochhäuser und das, was sie dort hinter den Fenstern und auf den Balkonen beobachten konnte, war interessanter als jedes Fernsehprogramm. Sie hatte sich extra ein kleines Fernglas gekauft und Balkongucken war ihr liebster Zeitvertreib geworden. Aber jetzt bei der EM sah sie nur Flaggen von den Balkonen hängen und flimmernde Mattscheiben im Wohnzimmer. Das Angebot an Ablenkung an den hellen, lauen Sommerabenden war sehr reduziert. Auf dem Balkon eines der Nachbarhäuser sah sie schon beim ersten Vorrundenspiel einen jungen Mann, der anscheinend auch keinen Bock auf Fußball hatte. Während aus den anderen Wohnungen die selben, synchronen Jubel- oder Schmerzensschreie drangen, saß er da und las ein Buch. Er schien allein zu sein, sie sah keinen anderen Menschen in seiner Wohnung.

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