Fußballfieber

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Fußballfieber

Fußballfieber

Yupag Chinasky

Weil sie ganz gut aussah und ihr Aussehen auch gut zur Geltung bringen konnte, weil sie oft und lang auf ihrem Balkon stand und weil sie sehr intensiv, ja fast sehnsüchtig zu dem jungen Mann hinüberblickte, blieb es nicht aus, dass sie erst seine Aufmerksamkeit und dann sein Interesse erregte. Für einen verbalen Austausch war die Entfernung zu groß, aber beide waren erfinderisch. Durch Zeichen und Gesten kam eine Verständigung zustande. Zur Begrüßung winkten sie, dann gab es ein paar pantomimische Einlagen, dann stellten sie fest, wie lange das Spiel noch gehen und sie auf dem Balkon bleiben könne und beim Abschied gaben sie sich das Versprechen, am nächsten Abend wieder zu kommen. Beim letzten Vorrundenspiel leckte er an einem imaginären Eis. Sie missverstand die Geste zunächst sehr gründlich, dabei versuchte er nur, ihr klarzumachen, dass er sie in der nahegelegenen Eisdiele treffen wollte. Als sie das beim besten Willen nicht kapierte, ging er in seine Wohnung und kam mit einem Zeichenkarton wieder, darauf stand „in 10 min im Venezia“.

Sie nickte heftig und sagte ihrem Freund, dass sie bis zum Spielende ausgehen wolle, weil der dauernde Fußball sie „echt total nerven“ würde. Sie fürchtete ein bisschen, das er ihr das rundweg verbieten würde, so wie manches andere, aber er war richtig froh, weil er so mehr Ruhe hatte und ihrem Genörgel nicht mehr ausgesetzt war. Er willigte sofort ein und gab ihr sogar ein paar Euro. Die Abende in der Eisdiele waren zu schön, der Nachbar war zu nett und, wie sie meinte „ total und unbedingt seelenverwandt“. Sie begann die Viertel- und Halbfinale zu lieben und war traurig, als sie daran dachte, dass mit dem Finale alles vorbei sei. Daher fasste sie sich ein Herz und fragte ihn beim zweiten Halbfinale, ob er sie möge und ob sie zu ihm ziehen könne. Es war wie im Märchen, er hatte sich in sie verliebt und sagte ja.

Noch vor Ende des Endspiels ging sie nach hause. Deutschland führte sehr lange, dann fiel der Ausgleich und es kam zur Verlängerung und dann zum Elfmeterschießen. Er saß fiebernd vor dem Fernseher, die Spannung hatte ihn voll vereinnahmt. Sie betrat die Wohnung, ohne dass er es merkte, sie packte ihre paar Sachen in einen Koffer, ohne dass ihm das sonderlich auffiel und sie ging aus der Wohnung und er merkte wieder nichts. Sie ging, ohne ein Wort, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Deutschland verlor und er brauchte noch ein paar Bier, um über den Schock hinweg zu kommen. Dann legte er sich zutiefst deprimiert in sein Bett, um seinen Frust zu vergessen und seinen Rausch auszuschlafen. Erst als er am nächsten Morgen mit einem mächtigen Kater aufwachte, stellte er fest, dass sie nicht mehr da war, dass sie ihn verlassen hatte. Er war sehr traurig und bedauerte im Nachhinein sein Verhalten, aber es war zu spät.

Als er sich an einem der folgenden, nun fußballfreien Tage auf seinen Balkon setzte und die Nachbarschaft beobachtete, sah er sie. Sie stand auf einem Balkon und schaute auf einen jungen Mann, der auf einem Stuhl saß und ein Buch las. Erst wollte er schreien und winken, dann beschloss er, zunächst einmal abzuwarten und zu beobachteten. Er sah, wie sie im Laufe der Zeit immer ärgerlicher und dann richtig wütend wurde. Ihm war klar, dass sie sich langweilte und er wusste, dass sie sich etwas anderes vorgestellt hatte, als einen Mann, der immer nur Bücher las und neue Hoffnung keimte in ihm auf.

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