Gedankenfetzenerinnerung

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Gedankenfetzenerinnerung

Gedankenfetzenerinnerung

Sandro Mohn

Die ersten Erinnerungen eines Lebens
sind komischerweise grelle Lichtblitze.

Die Lichtblitze habe ich später festgestellt,
hatten eine einfache Ursache.

Frühmorgens, wahrscheinlich war es Winter
und morgens noch dunkel,
konnten sich einfach nicht daran gewöhnen,
wenn meine Eltern das Licht anmachten.

Es dauerte immer eine Weile
bis ich an die Helligkeit gewöhnt war.

Heute habe ich diese Empfindlichkeit
dem Licht gegenüber nicht mehr.

Dann gibt es ein Erinnerungsloch
und mir fällt mir erst
mein dritter Geburtstag ein.

Dies ist auch der erste Tag,
an dem ich Erinnerungen habe,
die ich konkret mit einem Alter
benennen kann.

Ich wurde aus meinem Bett geholt
und man hat mir einen Elektro-Auto-Geschenk,
eins mit Fernsteuerung.

Damit bin ich dann stolz
durch die Wohnung stolziert
und ich habe dieses Auto -
ein Polizeiauto -
vor mich herfahren lassen.

Etwas später zog meine Großmutter
im Haus gegenüber ein.

Sie zog aus einer kleinen Stadt
zu uns nach Berlin,
um meinem Vater zu helfen.

Meine Mutter war schwer erkrankt
und mein Vater war mit uns
drei Geschwistern überfordert.

Ich weiß noch, wie wir
diese kleine Wohnung renoviert haben
und ich als kleiner Steppke
trug mit meinen kleinen Händen,
die heruntergerissene Tapete nach unten
zu den Mülltonnen.

Meine Mutter, obwohl schon erkrankt,
hatte in ihren Zeiten,
in denen es ihr besser ging,
immer noch für uns gearbeitet.

Sie besaß so eine Strickmaschine
und hat uns daraus fürchterlich kratzende
Strickkleidung produziert.

Mir war es sehr unbequem,
aber da meine Eltern,
nicht sehr viel Geld hatten,
war es eine Möglichkeit uns preiswert
einzukleiden.

Die Erinnerungen an früher
sind sehr blass.

Aber sie sind noch da.
Es sind nur eine Handvoll.
Der Rest ist irgendwo im Nebel verschwunden.
Man hat ja auch kein Tagebuch geführt.

Und damals gab es noch keine Smartphones,
die das Aufwachsen eines Kindes
dokumentiert hätten.

Heutzutage ist das ganz anders.

Aber ob man deswegen glücklicher aufwächst,
ist eine andere Frage.

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