Geduldsprobe

Chef mailt nach Feierabend - Teil 2

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Geduldsprobe

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Otto Eric Riess

Was bisher geschah: Dörte hat eine Nachricht von Olav bekommen, ihrem Lebensgefährten, den sie “Chef” nennt. Zu ihrer Freude findet Olav zunehmend Gefallen daran, sich Szenarien auszudenken, in denen sie ihre Neigung zur Unterordnung ausleben darf. Für den Abend hat er sie in sein Büro bestellt mit der Auflage, nur Mantel und High Heels zu tragen. Dörte überwindet ihre Skrupel, gehorcht und erreicht nach einigen Aufregungen Olavs Arbeitsplatz. Obwohl sie alle Instruktionen akkurat befolgt, empfängt Olav sie kühl. Statt sich mit ihr zu beschäftigen, widmet er sich seiner Arbeit.

Dörte atmet einmal tief durch. Sie zwingt sich, sich zu beherrschen und versucht, ihre Enttäuschung herunterzuschlucken. Nach wenigen Augenblicken legt sich ihr Ärger, denn sie erkennt seine Absicht: Olav demonstriert ihr ihre Rolle. Sein Verhalten soll ihr unmissverständlich vor Augen führen, dass nicht zählt, was sie für richtig hält. Warum sollte er sich nach ihren Vorstellungen richten? Wenn sie dies erwartet, überschätzt sie ihre Bedeutung. Er ist Chef, nicht sie!
Dörte schluckt. Ihr Verstand sträubt sich, diese Demütigung zu akzeptieren. Gleichzeitig reagiert ihr Körper darauf mit einem lustvollen Prickeln und zeigt ihr damit an, dass der Chef alles richtig gemacht hat.
Ihr fällt seine Aufforderung ein, den Mantel auszuziehen, doch sie zögert. Es ist zwar angenehm warm in Olavs Büro, doch bei der Vorstellung, nackt und ungeschützt vor fremden Blicken herumzustehen, wird ihr mulmig. Sie schaut zu den Fenstern. Ob Passanten auf der Straße unterwegs sind, die sie beobachten, kann sie nicht erkennen. Sie sieht weder die Straße noch Bürgersteige oder Häuser. Die Dunkelheit draußen ist undurchdringlich. Nur gelegentlich wird die Finsternis von Lichtstreifen durchbrochen, die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos erzeugen.
Dörte ermahnt sich zur Disziplin. Von ihrer Entscheidung abzurücken, dem Chef zu vertrauen und zu gehorchen, nur weil ihr nicht wohl ist bei dem, was er verlangt, kann nicht in Frage kommen. Also beginnt sie, den Mantel aufzuknöpfen. Da Olav sie wie Luft behandelt, hat sie keinen Grund, sich damit zu beeilen.
Während ihre Finger gemächlich einen Knopf nach dem anderen öffnen, sieht sie sich um. Rechts von ihr ist eine Türin die Wand eingelassen, die zum Arbeitsplatz von Olavs Sekretärin führt. Sie ist verschlossen. Ihr gegenüber befindet sich die Außenwand mit der großen Fensterfront, die die gesamte Breite des Büros einnimmt und von der Decke bis wenige Zentimeter über den Boden reicht.

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