Gelegenheit macht Liebe

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Gelegenheit macht Liebe

Gelegenheit macht Liebe

Kastor Aldebaran

Älter zu werden, hat meistens Nachteile, in wenigen Situationen allerdings auch nicht. Seit ein paar Jahren hatte ich es aufgegeben mich täglich zu rasieren und ich fand es witzig, mir einen Bart stehen zu lassen. Damit meine ich keinen Flaum, mit dem man jede Woche zwei Mal zum Barber rennt, um ihn trimmen zu lassen. Ein Vollbart musste es sein, wie es früher hieß, lang und buschig. Dass meine Haare inzwischen weiß geworden waren, gab dem ganzen einen besonderen Anstrich. Diesen zu pflegen war nicht einfach, doch mit der Zeit entwickelte ich eine gewisse Routine, damit er nicht gelb wurde, besondern unter der Nase und in den Mundwinkeln.
Dies fiel mehr Menschen auf als gedacht, besonders zur Weihnachtszeit, und wenn ich in den Spiegel sah, konnte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Herrn in schwarzen Stiefeln und rotem Mantel nicht abstreiten, obwohl ich es nicht darauf angelegt hatte. Das einzig was mir dazu fehlte war der sich vorwölbende Bauch. Ich war nicht dünn, aber dieses Attribut konnte ich nicht vorweisen. Auch hatte ich gar nicht vor mich entsprechend zu verkleiden. Meine Kinder waren längst aus dem Haus, mitsamt meiner Frau, die es vorzog, alleine zu leben, Enkel waren entweder nicht da oder zu weit entfernt, um sie zu besuchen. Dies änderte sich an dem Tag, als eine attraktive Frau beim Einkaufen auf mich zukam und freundlich ansprach.
„Entschuldigen sie!“, hörte ich ihre warme Stimme in meinen Ohren eindringen und drehte mich zu ihr um.
„Ja?“, antwortete ich und drehte mich hin ihre Richtung.
Sie war schwer zu schätzen, offensichtlich zwischen dreißig und vierzig Jahre jung, hatte einen modischen Kurzhaarschnitt, der sie sportlich aussehen ließ. Faszinierend waren ihre strahlenden, blauen Augen, die mich fröhlich ansahen.
„Ich spreche normalerweise keine fremden Männer an, aber bei ihnen muss ich eine Ausnahme machen. Sie wissen sicher, dass sie dem Weihnachtsmann sehr ähnlich sehen oder?“, stellte sie fragend fest und ich nickte. Es war offensichtlich und ich lächelte sie an.
„Das sagen viele Leute, ja!“, antwortete ich und war neugierig, was kommen würde. Ich war mir sicher, dass sie es nicht einfach feststellen wollte, sondern mehr dahinter steckte.
„Ich habe mich gerade gefragt, ob es möglich wäre, dass sie mir einen kleinen Gefallen tun könnten. Ich weiß, es klingt ungewöhnlich und es wäre eine große Bitte, doch ich muss sie einfach fragen!“
„Nur zu, ich beiße selten!“, forderte ich sie auf zu sprechen, insgeheim war mir jedoch klar, worauf sie hinaus wollte. Ich konnte es irgendwie fühlen.
„Ich habe mich gefragt, ob es ihnen möglich wäre, bei mir Zuhause den Weihnachtsmann zu spielen? Meine Tochter wünscht sich seit langer Zeit, es einmal zu erleben, dass er vorbei kommt. Ich werde ihnen die finanziellen Aufwendungen natürlich ersetzen!“, setzte sie gleich mit an.
Ich musste nicht lange überlegen, hatte an den Weihnachtstagen nichts weiter zu tun. Normalerweise verbrachte ich die Tage vor dem Fernseher oder ging am frühen Abend in eine Kneipe um mich volllaufen zu lassen. Diese kleine Abwechslung konnte nicht schaden. Sie brachte mich auf andere Gedanken und ich stellte es mir spaßig vor.
„Ich habe nichts weiter vor und könnte kommen!“, war ich überzeugt und ihr Lächeln wurde breiter.
„Das wäre wundervoll und sie wird sich bestimmt unheimlich freuen. Ich würde ihre Geschenke in einen Sack stecken, sie müssten einfach nur vorbeikommen, wenn möglich, natürlich verkleidet. Hier haben sie meine Karte. Wie wäre es am Heiligabend?“, hakte sie gleich nach und ich nahm das kleine Pappding in die Hand, sah kurz drauf und erkannte ihren Namen sowie die Adresse. Nicht weit von meinem Zuhause weg, ein großer Vorteil.
„Um welche Uhrzeit?“, wollte ich wissen und sie überlegte kurz.
„Ich denke gegen sechzehn Uhr?“, fragte sie und ich war damit einverstanden.
„Gut, ich werde kommen!“, versprach ich und wir waren uns einig.
„Das wird sicher ein tolles Fest, ich freue mich schon drauf!“, war sie sich sicher und wir schüttelten uns die Hände, als wenn wir damit einen Vertrag schließen würden.
„Ich mich auch!“, war ich mir sicher und wir gingen unserer Wege.
Schon am nächsten Tag machte ich mir Gedanken, was ich anziehen würde. Klassisch, entschied ich, und weil es ein Weilchen bis Weihnachten hin war, hatte ich genug Zeit entsprechend einzukaufen. Dabei kam mir eine Überlegung in den Sinn.
Vielleicht würde ich es in der Zukunft öfters machen, hatte ja genug Zeit und es könnte mir wirklich Spaß machen, entsprechend durfte die Verkleidung besser sein als das Zeug von der Stange, das aussah, als wenn es aus dem Kaugummiautomaten kam. Entsprechend recherchierte ich im Internet herum, fand eine Ausstattung, die dem entsprach, was ich mir unter einer guten Verkleidung vorstellte. Sie kostete ein kleines Vermögen, doch wenn ich mir vorstellte, sie öfters tragen zu wollen, war es eine gute Entscheidung. Dies bestätigte sich mir, als ich alles zusammenhatte und es zum ersten Mal anzog.
Als ich vor einem großen Spiegel stand, war ich davon überzeugt, dass ich besser aussah, als der echte Weihnachtsmann es jemals tun könnte. Es passte wie angegossen, und als ich ein kleines Kissen nahm, meinen Bauch damit formte, war es perfekt.
Zufrieden grinsend betrachtete ich mich von allen Seiten, die schwarzen, schweren Stiefel, rote Samthose mit golden verzierter Jacke, dazu die entsprechende Mütze und den breiten, schwarzen Gürtel über dem Bauch. Ich hätte aus einem Katalog für den besonders identischen Weihnachtsmann stammen können. Also machte ich ein paar Fotos von mir und schickte sie an die angegebene E-Mail-Adresse auf der Visitenkarte der Dame. Sie sollte vorher entscheiden, ob ich ihrem Geschmack von einem Weihnachtsmann gleichkam.
Keine Stunde später erfolgte eine Rückantwort. Ein einziges Wort mit mehreren Ausrufezeichen dahinter.
„Perfekt!!!“
Das reichte vollkommen, um mich gut vorbereitet zu fühlen, zog mich wieder um und suchte nach Filmen, um mir anzusehen, wie man als Weihnachtsmann auftreten könnte. Auch das berühmte Hohoho, musste ich einfach üben. Ich fand, es gehörte einfach dazu.
Ab dann wartete ich auf den Abend, war von Tag zu Tag mehr gespannt darauf. Vor meinen geistigen Augen sah ich bereits leuchtende Kinderaugen, die mich betrachteten, das jublen einer hohen Stimme, wenn ich Geschenke aus dem Sack zog, sie an die Kleine übergab. Es würde für mich eine besondere Freude sein, Weihnachten bekam wieder einen Sinn. Dabei musste ich mit einem Schmunzeln daran zurückdenken, als meine Kinder klein gewesen waren. Sie waren natürlich neugierig gewesen, konnte den Tag kaum abwarten. War es endlich soweit, waren sie nicht mehr zu halten. Sie stürzten sich auf die Geschenke und ich sah mit großer Freude dabei zu, wie sie die Päckchen auspackten. Meistens trafen wir ihren Geschmack oder hatten ihre Wunschzettel bekommen. Daher war es ein freudiges Ereignis. Zur Bestätigung holte ich ein altes Fotoalbum heraus und betrachtete die wenigen Aufnahmen, die ich aus dieser Zeit hatte. Es wurde mir warm ums Herz und in mir keimte eine besondere Stimmung, auf die es nur in dieser Jahreszeit gab.
Daher konnte ich es kaum erwarten, dass Heiligabend vor der Tür stand und als es endlich soweit war, wurde ich hibbelig. Für den Weg würde ich keine zwanzig Minuten brauchen, für die Vorbereitung vielleicht eine Stunde. Alles zusammen nicht mehr als neunzig Minuten. Bis dahin musste ich mir die Zeit vertreiben und wie immer, wollte sie nicht vorbeigehen, wenn man drauf wartete. Es kam mir wie eine Erlösung vor, als ich endlich unter die Dusche gehen konnte, mir die Sachen anzog, die ich seit drei Tagen vorbereitete hatte. Nichts wollte ich dem Zufall überlassen, alles war an seinem Platz.
Zuerst hatte ich gedacht, ich würde mit dem Auto hinfahren, doch ich entschied mich anders. Ich wollte einen kleinen Spaziergang machen, die Reaktionen der Menschen sehen, denen ich begegnete.
Die war überaus positiv, eine Dame, die ich unterwegs traf, wollte nicht glauben, dass mein Bart echt war. Sie durfte daran zupfen, um sich davon zu überzeugen.
„Haben sie heute Abend ein wenig Zeit für mich?“, gurrte sie mir zu und es lief mir ein Schauer über den Rücken.
„Heute nicht mehr, aber vielleicht morgen?“, antwortete ich auf ihre Anfrage. Dabei hätte ich nicht gedacht, dass ich derart anziehend auf sie wirken könnte. Sie nickte schmunzelnd.
„Gut, morgen Abend!“, war sie sich sicher, nannte mir ihre Adresse, die ich in mein Smartphone eintippte, um sie nicht zu vergessen.
„Bringen sie großen Appetit mit, ich werde für uns beide kochen, alleine!“, flüsterte sie mir zu und lief leise kichernd weiter. Zugegeben, ich war etwas verwirrt, zugleich stieg meine Laune um einiges. Viele Weihnachtsfeste der letzten Jahre waren trübe verlaufen, dieses schien besonders gut zu werden. Es konnte nur aufwärtsgehen.
Zehn Minuten später, ohne nennenswerte Zwischenfälle, stand ich vor dem Haus, der Adresse, die auf der Visitenkarte angegeben war. Ein nettes, relativ modernes Einfamilienhaus, schön geschmückt, in einer Gegend, die sich sehen lassen konnte.
Mit klopfendem Herzen ging ich zur Eingangstür, sah auf meine Uhr und erkannte, dass ich pünktlich war. Sofort nahm ich die Armbanduhr ab, sie passte nicht zum Weihnachtsmann und steckte sie mir in die Hosentasche. Sekunden später legte ich einen Finger auf den Klingelknopf und drückte ihn erwartungsvoll herunter.
Von innen hörte ich es schellen und es dauerte eine kleine Weile, bis die Tür aufgemacht wurde. Als sie weit genug geöffnet worden war, staunte ich einen Moment.
Die Dame die mich angesprochen hatte stand vor mir, doch fast hätte ich sie nicht erkannt. Sie steckte in einem Weihnachtselfenkostüm, grün mit rot vermischt und lächelte mich an.
„Überrascht?“, fragte sie mit leiser, fast geheimnisvoll klingender Stimme und ich nickte.
„Sehr, damit hätte ich nicht gerechnet!“, war ich mir sicher und betrachtete sie von oben bis unten. Ihr Outfit passte ihr hervorragend, besonders weil sich nicht die Größte war. Sie war sicher zwanzig Zentimeter kleiner als ich und daher passte die Verkleidung sehr gut zu ihrer Figur. Diese wurde damit unterstrichen, dass auch sie einen Gürtel trug, der ihr eine Sanduhrform verlieh, was mich wenig störte, war, dass der Halsausschnitt offenherziger war, als es nötig tat. Deutlich waren ihre Brustansätze zu sehen, das tiefe Tal dazwischen. Ich befürchtete, wenn sie sich vorbeugen würde, dass es der Stoff nicht halten konnte, was von innen dagegen drückte.
Auch dass sie höhere, knallrote Lackpumps trug, ließ es einen frivolen Anstrich bekommen.

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