Geronimos Entdeckung

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Geronimos Entdeckung

Geronimos Entdeckung

Anita Isiris

Heidi ist eine Zufallsbekanntschaft. Wir lernten uns an einer Bushaltestelle kennen. Sie hatte mich angesprochen – und mich nach der Zeit gefragt. “Zeit ist ein Kontinuum”, hatte ich geantwortet und einen ihrer skeptischen Blicke geerntet. Aber da war es bereits um mich geschehen. Heidis frische Lockenpracht. Die Grübchen in ihren Wangen. Heidis grosser Mund (bestimmt konnte sie damit einiges anstellen). Heidis Kleid, dieses verdammt geile, unschuldige Sommerkleid aus hauchdünnem hellblauem Stoff. Der grosszügige Ausschnitt. Heidis Halsschmuck, ein Medusenhaupt. Heidis viel versprechende Figur.

Ich wollte sie haben, die Heidi, wollte sie im wahrsten Sinne des Wortes besitzen. Der Nucleus Amygdaleoideus, der Mandelkern in meinem Hirn glühte, das limbische System sandte ganze Salven von neuronalen Uebertragungen und meine Hormone kochten.

Und alles wegen Heidi. Im Bus hatte ich mich neben sie gesetzt. Diese Knie unter schwarzen Strümpfen, verdammt. Und, als ob das nicht schon genug wäre: Die Strümpfe wiesen ein neckisches Schmetterlingsmuster auf.

Wie viele Männer die Heidi wohl schon gehabt hatte?

Im Bus nach O. wurde sie nicht nur von mir beäugt. Die zwei – nach der Sprache zu schliessen kroatischen – Männer, die vor uns standen, linsten beide in ihren Ausschnitt. Heidis Rundungen waren von internationalem Interesse. Aber vielleicht bestaunten sie auch nur das güldene Medusenhaupt an einem feinen Kettchen.

Heidi war geboren für die Liebe, das war uns allen sofort klar. Ein mesmerisierendes Licht fiel durch die Scheiben des Gefärts, brachten Heidis Haar zum Leuchten. Und es kam tatsächlich zu diesem gottgesegneten Moment, in dem wir, kurz vor der Endstation, unsere Adressen tauschten. Ich, Geronimo, bin auch nicht von schlechten Eltern. Die Frauen mögen vor allem meine dunklen Augen, das vielleicht etwas zu kantige Gesicht. Dafür habe ich anscheinend Charme, wirke wie ein kleiner Junge, wecke Mutterinstinkte. Und dann vögle ich sie, die Mütter, die mir auf den Leim gehen, oh ja. Ich hatte schon viele von ihnen.

Eine wie Heidi hatte ich noch nie. Und sie rief an – bereits zwei Tage nach unserem Treffen an der Busstation. Wir vereinbarten ein Abendessen in der Trattoria Rosalli, einem der teuersten Abendlokale der Gegend. Heidi würde sich fein machen für mich. Schon nur der Gedanke daran verursachte bei mir eine Erektion.

Eher routinemässig surfte ich mal eben noch rasch bei Google Heidis Vor- und Nachname an. Und siehe da, ich wurde fündig. Heidi hatte nicht nur drei Diplomarbeiten verfasst, sondern hatte sich als Studentin offenbar ein Zubrot als Fotomodell verdient. Dutzende von Malen wurde ich weiter verlinkt, und dann, endlich, hatte ich sie auf meinem Monitor vor mir. Nein, das war nicht die Heidi im dünnen Sommerkleidchen, die sich da präsentierte. Ihr Mund glänzte; das Haar hatte sie zurückgebunden. Sie hockte vor neutralem Hintergrund, nackt, die Brüste raffiniert verdeckt. Nicht so aber das Fötzchen. Heidis Schamhaar wurde ausgeleuchtet; der Spot kannte keine Gnade. Heidis Eldorado, Heidis Sündenpfuhl.

Ich war mir sicher, dass der Fotograf, wer er auch immer sein mochte, dieses Schwein, sie nicht nur ins Bild gesetzt hatte. Blöd wäre er ja gewesen, wenn er sie schon mal nackt vor sich hatte. Bestimmt hatte er sie lustvoll durchgebumst, vor dem neutralen Hintergrund, und zwischen ihren Brüsten abgespritzt. Heidi war keine Novizin mehr, beileibe nicht. Ich konnte nicht anders, öffnete meine Hose, fokussierte ganz und gar auf Heidis Fötzchen und spritzte an die Tischkante.

Dann ging ich ins Bad, duschte, um alles ungeschehen zu machen, pflegte mich vor dem Spiegel, zog mein bestes anthrazitblaues Hemd an, zog meine Hose glatt und verliess mit klopfendem Herzen die Wohnung.

Da sass sie nun, die heisse Braut, am Tresen der Trattoria, hatte das Kreuz durchgedrückt und sippte an einer Campari Orange. Ich war pünktlich. Sie war zu früh. “Oh...”, sagte sie, mit Blick auf mein Leinenhemd. “Das mag ich.” Es fiel mir schwer, nicht mit dem herauszuplatzen, was ich über sie, Google sei Dank, wusste.

Der Abend würde es schon noch richten.

Bereits beim Antipasto hörte ich Heidi kaum zu. Ich kam nicht dazu, mich für das zu interessieren, was sie sagte. Mich faszinierte, wie sie es sagte. Der Klang von Heidis Stimme. Tatsächlich hatte sie sich fein gemacht für mich. Heidi trug eine hellgrüne, durchsichtige Spitzenbluse. Prüde war sie nicht, wie ich ja wusste. Ihre Brüste waren trotzdem nicht genau auszumachen. Vermutlich trug sie einen raffinierten, kaum sichtbaren BH. Blickdicht oder so.

Auf der Toilette holte ich mir erneut einen runter. “Dir werde ich es zeigen, Luder”, murmelte ich. “Ich werde Dich auch mit andern Männern teilen. Sollen sie Dich doch allesamt durchvögeln – einer in den Mund, einer in den Arsch, einen in die Muschi.”

Dann kam ich.

Heidis Unschuld. Wie sorgfältig sie den Risotto zerteilte, den kleinen Hummer zerlegte... Wenn sie so liebte, wie sie ass, war ich schon bald der glücklichste Mann der Welt. Diskret befingerte ich mein iPhone. Die Videofunktion. Ich schaltete auf “Aufnahme” und hielt das Gerät unter den Tisch, benied den kleinen Apparat, weil er zwischen Heidis Schenkel filmen durfte. Oh, ich Schwein.

Nach dem dritten Glas Chianti rückte Heidi dann mit ihrem Problem heraus. Sie hatte drei Brüder und eine Zwillingsschwester, Claudia. Diese jobbte als Pornomodell unter Heidis Name.

Identitätsklau nennt man das. Von Claudiaheidi kursierten unanständige Bilder im Internet. Bilder, die sie, Heidi, nie von sich machen lassen würde. Sie hatte erst einen Freund gehabt, ihren Lateinlehrer, und diesen vor der ersten gemeinsamen Nacht abserviert.

Somit würde ich der Erste sein.

Wir verabschiedeten uns mit Küsschen auf beide Wangen. Heidi kam nicht zu mir hoch.

Ich aber ging sofort zu Bett und startete wieder und wieder das iPhone-Filmchen, das ich in der Trattoria gedreht hatte. Heidi undercover. Heidi hatte kein Höschen getragen an jenem Abend, warum auch immer.

Sie war bereit für mich.

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