Gestärkte Unterröcke

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Gestärkte Unterröcke

Gestärkte Unterröcke

Kim Sine

„Schwester L, treten Sie ihren Dienst in Abteilung A1 an…“

Die Durchsage kommt für dich nicht überraschend, du hast schon damit gerechnet, warst schon seit einiger Zeit wach. Du schwingst deine langen, glatten, rasierten Beine aus dem Bett und öffnest den Kasten daneben. Du entnimmst ihm deinen über deinen Nabel reichenden Schlüpfer, ziehst ihn laut seufzend über deinen Unterkörper. Du nimmst auch den Strumpfhalter aus dem Kasten, legst ihn um, befestigst ihn an deiner Hüfte, indem du die beiden Schließen zumachst. Danach suchst du die hautfarbenen Nylons mit den Nähten und der Hochferse aus dem Regal, ziehst zuerst den rechten über deine Füße, rollst ihn über deine Beine hoch, befestigst ihn an deinem Strumpfhalter, nicht ohne die schmeichelnde Glattheit und die Richtung des Zugs deine Beine entlang mit Schaudern zu bemerken.

Du lässt den linken Strumpf folgen, betrachtest einen Augenblick deine rot lackierten Fußnägel und die Fußkette an der schmalsten Stelle deines Beins unter dem Nylon. Du setzt dich so wie du bist, mit nackten Brüsten, nur mit Schlüpfer und Strümpfen, vor deinen Schminktisch und beginnst deine tägliche Prozedur, sieben Tage die Woche: Lidschatten, Lidstrich auftragen, deine Wimpern mit Maskara färben, dein Gesicht pudern, deine Lippen intensiv rot anmalen. Einen Augenblick betrachtest du dein puppenartiges, larvenähnliches Antlitz, denkst darüber nach, was heute wieder auf dich wartet. Du arbeitest in einem Krankenhaus – in einem ganz speziellen. In einem, wo alle Insassen der Meinung sind, noch am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, in der Zeit des ersten Weltkriegs zu leben. Angeblich wegen einer kollektiven Paranoia.

Du stehst wieder auf, nimmst einen der gestärkten Petticoats vom Haken, ziehst ihn über deinen Kopf, über deine prächtigen, ausladenden Brüste, über deinen schmalen Bauch und breiten Hüften, über deinen glatten, sexy Po. Du richtest das gestärkte Leinenmaterial, bemerkst erneut, wie weit er von deinem Körper absteht. Du ziehst einen der Spitztüten BHs aus dem Regal, schlüpfst in die Träger und Körbchen, schließt ihn an deinen Rücken, richtest ihn an dir.

Endlich nimmst du eines der Schwesternkleider vom Haken, ziehst es über deinen Kopf, nach unten, über den Unterrock, der es ein Stück über deinem Po und deinem Geschlecht, hättest du eines, entfernt hält. Ja – sofort fällt es dir wieder ein und eine Träne tritt aus deinem linken Auge, um über deine Wange zu deinen Lippen zu laufen – du hast kein Geschlecht. Du hast nur eine winzig kleine Öffnung in deinem Zentrum, nur dazu bestimmt, Harn lassen zu können. Aber keine Vagina! Du bist fast eine vollständige Frau, aber nur fast… Du kannst keinen Sex haben. Dieser, dein Zustand, wird noch mehr als vier Jahre dauern…

Noch während du die Knöpfe in deinem Rücken schließt, danach in die schwarzen Lackpumps mit den hohen, schmalen Absätzen schlüpfst, deine Schwesternhaube auf deine aufgesteckten Haaren schiebst und befestigst, anschließend dein Zimmer verlässt, um zu Abteilung A1 zu gehen, denkst du darüber nach: Du bist als Mann geboren, doch irgendwann kam dir zu Bewusstsein, dass du eine Frau sein wolltest, sein musstest. Du gingst zur ersten Klinik, die Geschlechtsumwandlungen machte. Und du erhieltest die erste Absage: Es hieß, du seist nicht bereit, eine Frau zu sein. Du wärst ein – wie drückten sie sich aus – falscher Transgender, nur an Teilaspekten dessen, was eine Frau ausmachte, interessiert. Du nanntest sie für dich Dilettanten, gingst zu einer anderen Klinik. Sie sagten dir dasselbe. Auch die nächste Klinik war nicht bereit, dir deinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Du gingst ins Ausland – und bekamst die nächsten Absagen.

Bis du in einem entsprechenden Magazin, Transgender Today, die Anzeige sahst. Du erhieltst bald ein Schreiben und wurdest vorgeladen. Sie unterzogen dich einer sehr langen, intensiven Testreihe. Endlos scheinende psychologische Fragen, sie untersuchten deinen Körper und deinen Geist. Sie schickten dich in Frauenkleidern auf die Straße, als Aushilfe in ein Büro, in eine Klinik, auf ein Überlebenstraining in die Wildnis. Du warst als Frau so überzeugend, dass niemand, kein einziger Mensch dich während all dessen danach fragte. Und so nahmen sie dich. Du unterschriebst einen Vertrag. Sie setzten dich unter Drogen und in Narkose. Als du in deinem Zimmer aufwachtest, wusstest du zuerst nicht über alles Bescheid.

Du hattest Teile des Vertrags, den du komplett gelesen hattest – und den dir die blonde Ärztin, selbst unglaublich sexy, mit langen Beinen und herrlichen Brüsten, erklärt hatte, vergessen. Vor allem den Teil, wonach sie dich vorerst, für genau fünf Jahr, nur zu einer Teilfrau, wie sie es nannten, machen würden. Du würdest das Gesicht, den Körper, die Brüste, Beine, Füße, Arme, Hals, Kopf, Haare einer Frau haben – aber ihre Vagina und ihre äußeren Geschlechtsorgane erst fünf Jahre später bekommen. Um zu verhindern, dass du aus dem Vertrag aussteigen oder dich auf sonst eine Weise zurückziehen würdest. Außerdem war dein Einsatzort ein Spital, in dem nur Männer, die eine spezielle Kriegspsychose hatten, sich aufhielten. Sie alle waren der Meinung, sie würden im 1. Weltkrieg in einer normalen Genesungsklinik leben.

So musste das Spital, auf zwei Gebiete, eben auf Geschlechtsanpassungen und diese spezielle Psychose spezialisiert, alle Ärzte, Schwester und Betreuerinnen entsprechend einkleiden. Nicht nur das: Auch die gesamte Umgebung des Spitals, das Gebäude selbst, die gesamte Technik, all das war zu der Zeit passend nachgebaut. Und zwischen 1914 und 1918 hatten alle Frauen Uniformen, Röcke, Blusen und Kleider mit gestärkten Unterröcken getragen. Die Insassen mit der Psychose neigten auch noch zu aggressiven Anfällen. Bevor du zu der Klinik kamst, war es zu zwei Vergewaltigungen von Betreuerinnen, wie sie es nannten, gekommen. Auch deshalb keine Vagina. Zumindest behaupteten sie es.

Du bist eine der Betreuerinnen, zuständig in Schichtbetrieb für jeweils eine Abteilung, heute Abteilung A1. Du gehst durch die Zimmer der Abteilung, sprichst mit den Patienten, hilfst ihnen, ihre Medikamente zu nehmen. Du schüttelst ihre Decken und Pölster auf, hilfst ihnen, sich zu orientieren und lügst sie an, wenn du ihnen Zeitungen, die angeblich aus dem Beginn des zwanzigsten Jahrhundert stammen, vorliest. Manchmal setzt du dich auf ihren Schoß, spürst, dass ihre Penisse sich verhärten. Du hast explizit die Anweisung, das zu tun, weil sexuelle Erregung die Behandlung unterstützen sollen. Du weißt, es kann nichts passieren und nur wenige Male musstest du das, was sich unter deinem Schlüpfer befindet, Patienten zeigen, um klar zu stellen, dass du nicht in der Lage bist, mit ihnen zu… Du musstest behaupten, dass du… von Geburt an nicht dazu fähig sein würdest.

Noch mehr als vier Jahre und acht Monate wirst du hier verbringen, sieben Tage die Woche, einen halben Tag frei, isoliert von der Welt draußen. Du darfst an Abenden oder an deinem freien Tag am riesigen Gelände der Klinik spazieren gehen, aber immer in Schwesterntracht: das graue, kurze Kleid mit den Knöpfen bis nach oben, darunter den verstärkten Unterrock, der das Kleid nach oben hält, dazu die immer gleichen Pumps mit den vier Zoll Absätzen, von denen du vier Paare besitzt. Manchmal hast du schon daran gedacht, dich von Patienten anal vögeln zu lassen oder ihre Schwänze in deinen Mund, zwischen deine roten Lippen zu nehmen. Das ist grundsätzlich nicht verboten, sogar gewünscht, aber nicht gefordert. Zudem sind die meisten der Patienten heterosexuell. Vielleicht wirst du es trotzdem irgendwann einmal machen. Doch vorerst bist und bleibst du eine halbe Frau, unfähig zu Sex. Trotzdem brennt Verlangen zwischen deinen Beinen.

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