Das gläserne Pferd

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Das gläserne Pferd

Das gläserne Pferd

Anita Isiris

Liebe Leserin

Hast Du auch Tagträume dann und wann? Bist Du auch schon verträumt an der Aldi-Kasse gestanden, hast gedankenverloren den hübschen Verkäufer angestarrt und dir gedacht: Mein Gott! Dieser Mann ist es, muss es sein! Diese flinken Finger, mein Gott! Ich darf mir gar nicht ausmalen, was er mit seinen Lippen und seinen feingliedrigen Händen sonst noch so alles anstellen könnte…
Lieber Leser

Hast Du auch Tagträume dann und wann? Hast Du auch schon verträumt aus dem Bahnfenster geschaut und dir gedacht: Die Frau dort drüben auf dem Bahnsteig ist es! Mein Gott! Diese weisse Bluse! Ihr wehendes blondes Haar! Ihr knackiger Jeanshintern! Wenn sie doch bloss nackt dort stünde!

Wie dem auch sei: Von einem durchsichtigen Pferd hast Du bestimmt noch nie geträumt.

In Glasdorf lebte vor vielen Jahren ein junger Mann, hübsch von Angesicht, und seine grosse Leidenschaft waren Pferde. Nein, wir reden hier nicht von edlen Zuchtpferden, sondern von kräftigen, gedrungenen Bauerngäulen mit feurigem Blick und muskulösen Schenkeln.

In Zeiten des Internets kann sich das kaum jemand mehr vorstellen – aber Johann, unser Protagonist, hatte bis dato noch kein einziges Mal eine wirklich nackte Frau zu Gesicht bekommen. Was bedeutet „wirklich nackt?“ Nun ja, der weibliche Oberkörper war unserem Johann vertraut, denn Gerlinde vom Oberen Dorf liess ihn ab und zu an ihren Brustwarzen lutschen, wenn er ihr Hafersäcke für ihre zwei Pferde anschleppte. Aber was war da unterhalb des Nabels? Johann wusste es nicht, und das mit 32 Jahren. Sein ganzes Sehnen und Streben galt daher den wunderbaren, kräftigen und schönen Kreaturen in Reymund Krengers Stall. Krenger war kein schlechter Herr. Er hielt die Bediensteten gut, wenngleich er sich ab und zu an einem der jungen Gärtner vergriff. Aber das verzieh man ihm, denn ihm gehörte halb Glasdorf. Der Schreiner, die Müllerin, der Kürschner, der Hutmacher und sogar der Juwelier arbeiteten für ihn – ganz zu schweigen von den vielen Glaskünstlern, die die Gegend kulturell belebten. Glasdorf war an einem Berghang gelegen und war Handelszentrum, religiöser Kern und Sündenpfuhl in einem.

Die Anatomie der Pferde und deren Bewegungsfreude hatten es Johann angetan. Nein, er war kein Sodomist, beileibe nicht. Aber er liebte es, gelegentlich einen der muskulösen Pferdehintern zu tätscheln und zu streicheln. Johann fühlte sich bei seinen Pferden niemals einsam und begann jeden Morgen, wenn die Kirche vier Uhr schlug, mit dem Striegeln. Die Tiere vertrauten ihm; etliche der fünfundzwanzig Rösser schnaubten und furzten wonniglich, wenn er den Stall betrat. Besondere Freude bereitete es Johann aber, wenn er Gehilfen weiblichen Geschlechts anvertraut bekam. Die weniger hübschen unter ihnen liess er für sich arbeiten, hatte eines der Mädchen aber Engelslocken, hob er sie auf eines der Pferde, das er zuvor an einen der Longierpfosten gebunden hatte. Welch herrlicher Anblick bot sich ihm da! Ein junger, draller Mädchenhintern schmiegte sich in den speckigen Sattel, während die Schenkel des Pferdes das Gemälde optisch abrundeten. Johann wurde jedes Mal geil wie eine Runkelrübe und konnte sich kaum satt sehen an den diversen Rundungen.

Dann kam der Tag, an dem Reymund Krenger dem Johann die Syrte vorstellte. Syrte war hochgewachsen, hatte lange, schlanke Arme und aufreizend helle Haut. “Eine aus der Stadt”, sinnierte Johann, “aber was für eine”. Syrte trug ein langes weisses Kleid an jenem Tag, das ihr zusätzliche Eleganz verlieh. Frech kringelten sich tiefschwarze Locken an ihrer Stirn. Bei der Begrüssung jedoch blickte Syrte durch Johann hindurch: Sie war blind. „Du musst sehr einfühlsam umgehen mit Syrte, wenn du ihr das Reiten beibringen willst”, sagte Reymund Krenger ernst und verabschiedete sich. Syrte lernte schnell, und es verging keine Woche, bis sie auf Rabid, dem energischsten der fünfundzwanzig Pferde, am Longierpfosten traben konnte. Syrte und Rabid passten wie angegossen zusammen; Johann musste sie nicht einmal aufs Pferd heben; Syrte schwang sich selber hoch. In der dritten Woche ihrer Reitschule aber zerriss ihr dünnes Kleid, durch das hindurch Johann die Wölbung ihres prallen Hinterns erahnen konnte. Widerwillig machte er sich auf die Suche nach einem leinenen Ersatz. Trotz ihrer Blindheit spürte Syrte aber seine Blicke auf sich ruhen, als sie sich mitten im Stall umzog. Sie machte ein paar Schritte nach links und wurde so von Rabid, dem kräftigen, grossen Hengst, verdeckt. Er schützte sie vor gierigen Blicken. Johann konnte nurmehr ihre Beine sehen, an denen entlang das weisse Kleid zu Boden fiel. Sein Herz klopfte bis zum Hals, und eine gewaltige Erektion beulte seine Hose aus. Syrte liebkoste mit leichten Fingern Rabids Rücken und schlüpfte ins schwere Leinenkleid. Fortan zog Syrte sich immer im Schutz ihres Pferdes Rabid um; Johann und sie sprachen aber nie darüber, denn damals war man in diesen Dingen nicht so offen wie heute. Johanns Fantasie war aber endgültig entflammt. Wo kamen Syrtes Beine zusammen? Wie sah die 17jährige “da unten” aus? Gab es da Unterschiede von Frau zu Frau? In welche Öffnung schob man eigentlich den Penis, wenn man Kinder wollte?

Was Johann an Syrte vor allem faszinierte, waren ihre Augen. Obwohl sie nichts sehen konnten, strahlten sie eine Wärme aus, denen sich niemand zu entziehen vermochte. Ihre Pupillen hatten nahezu dieselbe dunkelbraune Farbe wie die Iris, was Syrtes Augen noch grösser erscheinen liess, als sie es sonst schon waren. Bald kam der Tag, an dem Johann Rabid vom Longierpfosten losband und neben Syrte einherritt. Die beiden machten ihren ersten Ausflug ausserhalb des Stalls; Syrte auf Rabid, Johann auf Aurore, dem einzigen Schimmel. Es war ein wunderbarer Frühlingstag, und die Bäume streckten der Sonne ihr frisches Blattgrün entgegen. Reymund Krenger stand an der Tujahecke und weidete sich am Anblick der beiden Reiter. Er mochte Johann sehr, und auch Syrte, seine Nichte, war ihm ans Herz gewachsen.

Des Nachts aber, in seiner Dachkammer, hatte Johann neuartige Träume. Syrte schwebte ihm entgegen, in einem kurzen Kleidchen, mit nackten Brüsten. Klein und spitz waren sie, und sie wirkten ausgesprochen neckisch. Syrte legte sich neben Johann auf ein breites Bett, und er kitzelte sie. Mehr nicht. Er kitzelte sie am Hals, unter den Armen, als sie sich vertrauensvoll ausstreckte, am Bauch, an den Fusssohlen… den geheimnisvollen Bereich zwischen ihren Schenkeln liess er aber ehrfürchtig aus. Syrtes Augen weiteten sich in Wolllust, und ihre Lippen kräuselten sich belustigt, als er ihre kitzligste Stelle entdeckte, ihren Nabel nämlich. Dieser Traum wiederholte sich des öftern, und Johann kam jedes Mal mit kräftigen Spritzern, ohne dass er sich dazu berühren musste. Wenn er der realen Syrte dann tags darauf begegnete, inmitten seiner Pferde, konnte er seine Erregung nur mit grösster Mühe unterdrücken.

Endlich kam der einzige Sonntag im Monat, an dem Johann frei hatte. Er liebte die würzige Landluft und hielt sich am liebsten auf dem Glasberg auf, der sich hinter dem Dorf erhob. Beim Glasberg handelte es sich eher um einen Hügel, auf dessen Kuppe eine riesige schattenspendende Eiche stand. In deren Schutz verspies Johann jeweils ein Stück Braten, das Krengers Frau Lisa ihm am Vorabend liebevoll zubereitete, und dazu trank er wertvollen Met aus einer Armeeflasche. Das war für ihn das höchste der Gefühle, hier konnte er sich entspannen, träumen und in der Welt versinken. An jenem Sonntag träumte er nur von Syrte.
Erst gegen Abend machte er sich auf den Rückweg und genoss den Anblick der Dächer seines Dorfs, die in der Abendsonne golden glitzerten. Meist ging er nicht auf direktem Weg zum Gut, auf dem er wohnte, sondern schlenderte durch Seitenstrassen und bewunderte die Auslagen der Künstler, die Glasdorf bevölkerten. Glaskunstwerk in allen Farben und Formen war zu bewundern; wohl nirgends auf der Welt gab es derart schöne Vasen, derart edle Gedecke und derart naturnah gestaltete Tiere wie in Glasdorf. Mit vor Stolz geschwellter Brust bog Johann, zufrieden mit sich und der Welt, um die nächste Ecke – und erstarrte. In Sebastian Zellwegers Laden stand ein lebensgrosses Pferd aus Glas. Es war vollkommen durchsichtig. Es wirkte derart authentisch, dass der Eindruck entstand, seine Nüstern würden beben. Bewegte sich da nicht auch der Schweif ein wenig…? In diesem Augenblick wusste Johann, dass er dieses Pferd besitzen musste. Seine paar Gulden, die er zur Seite gelegt hatte, würden aber kaum ausreichen für den Kauf dieses gewaltigen Kunstwerks. Das Glück kam ihm aber entgegen. Auch Reymund Krenger hatte nämlich einen Blick auf das durchsichtige Pferd geworfen und war genau so fasziniert wie sein Pferdeknecht Johann. Dieser bekam tellergrosse Augen, als am Mittwoch der folgenden Woche ein Pferdegefährt mit einem breiten Wagen auf die Ställe von Krengers Gut zukam. Auf dem Holzwagen stand ein eingehülltes Etwas in Form eines Pferdes. Reymund Krenger sass neben dem Kutscher, rief diesem etwas zu und sprang auf den Kiesweg. „Johann, ich habe soeben ein gläsernes Pferd erworben; es ist ganz durchsichtig!“ teilte er diesem mit und schmunzelte. Johann wurde heiss und kalt gleichzeitig, denn er hatte sofort erahnt, was sich unter der Stoffhülle befand. Zu dritt hievten die Männer das schwere Kunstwerk vom Wagen herunter und keuchten ob der Last. „Am besten stellen wir es doch gleich in den Stall, als sechsundzwanzigstes Pferd sozusagen“, lachte Reymund Krenger zwischen zwei schweren Atemstössen und packte wieder an. Für Aussenstehende, so es denn welche gegeben hätte, bot sich ein seltsames Bild: Drei Männer hievten an einem lauen Frühlingssonntag unter grösster Anstrengung ein verhülltes Pferd in einen Stall. Mit theatralischer Geste zog Reymund Krenger das hellgrüne Seidentuch weg und enthüllte das gläserne Pferd, das jetzt genau zwischen Rabid und Aurore zu stehen kam. Die beiden Tiere scheuten zuerst und wurden unruhig, gewöhnten sich aber rasch an ihren gläsernen Partner. Was wohl würde Syrte zum durchsichtigen Pferd sagen? Die Antwort erhielt Johann tags darauf. Wie gewohnt erschien Syrte kurz nach Mittag und wurde von Lisa Krenger in den Stall geführt. Sie konnte sich mittlerweile trotz ihrer Blindheit sehr gut orientieren und ging geradewegs auf Rabid zu. Sie zuckte zusammen als sie an ihrem Arm das kalte Glas des neuen Stallbewohners fühlte. Dann wurde sie neugierig und betastete das Glaspferd. Was Syrte an Sehkraft fehlte, das wog sie mit der Sensibilität ihrer Finger auf. Ruhig und mit grosser Sorgfalt erkundete sie das Kunstwerk. Sie war allein im Stall; Johann war auf dem Vorplatz beschäftigt. Syrte fuhr dem Glaspferd über den Rücken und störte sich auch nicht daran, dass Rabid eifersüchtig schnaubte. Sie betastete die gläserne Mähne, die Vorderflanken, die Nüstern und verweilte längere Zeit bei den Augen des Pferdes. Johann riss sie aus ihrer Träumerei, als er sie freudig begrüsste. „Gefällt dir dieses Wesen hier?“ fragte er sie neugierig und drückte ihr die Hand.
„Oh ja“, strahlte Syrte und schenkte ihm einen ihrer seelenvollen, aber etwas verlorenen Blicke. „Gehen wir draussen reiten?“ fragte sie freudig. „Na klar, zieh Dich um“, forderte Johann sie auf. Er drückte ihr das feste Leinenkleid in die Hand. „Kannst Dich ja direkt hinter diesem neuen Pferd umziehen“, schlug er ihr vor. Die blinde Syrte wusste ja nicht, dass das Kunstwerk, das sie soeben neugierig ertastet hatte, durchsichtig war und alles von ihr preisgeben würde. In vielen Dörfern der damaligen Zeit waren Unterkleider werktags nicht angesagt; Frischluft tat den intimen und geheimnisvollen Regionen gut, hiess es im bäuerischen Volksmund. Syrte war also unter ihrem hübschen blauen Frühlingskleid splitternackt. Johanns Herz raste, als er sich auf der andern Seite des durchsichtigen Pferdes auf einen Hocker setzte. Hinter ihm wieherte Aurore verächtlich, so, als wollte sie ihn für sein voyeuristisches Treiben schelten. Langsam zog Syrte sich ihr Kleid über den Kopf. Sie hatte ja Zeit und freute sich auf den Ritt. Als der Saum ihren Oberschenkeln entlang hoch glitt, schmerzte Johanns Erektion bereits. Dann bekam er es zu sehen. Syrtes gekräuseltes, tiefschwarzes Haardreieck. Für uns Frauen ist das ja nur eine geometrische Form, die im Grunde bei allen von uns ähnlich aussieht… dreieckig eben. Seit Frau sich ihr Schamhaar trimmt, ist da natürlich mehr Vielfalt im Spiel. Aber damals, im 18. Jahrhundert, in dem diese Erzählung spielt, gab es wirklich nur diese klassischen Haardreiecke. Johann beugte sich vor. Der leicht gewölbte Glasbauch, durch den er starrte, hatte auf Syrtes Scham einen Vergrösserungseffekt. Johann war hingerissen. Diese Schenkel! Dieses wunderbare Haar da unten! Syrtes Bauchnabel! Syrtes spitze Brüste, die genau so aussahen wie in seinen feuchten Dachkammer-Träumen. Er hätte sie ewig betrachten können, aber der „nackte Moment“ war wirklich nur ein Moment. Bald entschwand Syrtes Körper im schweren Leinengewand, und Johann war mit sich und seiner Fantasie allein. Aber er hatte eine nackte Frau gesehen, zum ersten Mal in seinem Leben, mit 32 Jahren. Und das ist doch schon allerhand, oder?

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