Er war groß, sie viel kleiner und der Abstand war so eng, dass er nur ihren Kopf und Teile ihres Oberkörpers sehen konnte. Von ihrer Kleidung fiel ihm nur eine braune, ziemlich durchsichtige Bluse auf, durch die ein heller BH schimmerte. Die oberen Knöpfe waren offen und er sah den Ansatz ihres Busens. Aber dieses erotische Signal blieb fast unbeachtet, genauso wie ihr Haar, das nur eine diffuse, dunkle Masse zu sein schien. Sein Blick blieb auch nicht an ihrem Gesicht hängen, das sie ihm, nach oben schauend, in diesem kurzen Moment voll zugewandt hatte. Es war wohl eher unauffällig, weil er sich später nicht mehr erinnern konnte, wie sie aussah. Eingeprägt hatten sich ihm nur ihre Augen, schöne Augen, mit einem freundlichen, ein wenig provokativen Ausdruck.
Aber selbst diese Augen und auch die Botschaft, die er aus ihrem Blick herauszulesen glaubte, hätte er längst vergessen, wenn da nicht ein grüner Punkt gewesen wäre, ein kleiner grüner Punkt am unteren Rand eines ihrer Augen. Er war Teil eines dezenten Make-up, vermutlich eines Lidschattens oder eines Farbstrichs, der die Augen betonen sollte. Vielleicht hatte sie ihn bewusst aufgetragen, eine kleine, raffinierte Irritation oder er war da, weil sie sich etwas nachlässig geschminkt hatte, jedenfalls war der grüne Punkt deutlich sichtbar. Er war für ihn der Höhepunkt ihrer kurzen Begegnung, die Basis ihrer Beziehung, der Kulminationspunkt ihres Aufeinandertreffens, der i-Punkt, der für lange Zeit in seinem Gedächtnis haften blieb und auf den sich seine ganze Erinnerung an dieses marginale Ereignis reduzierte.
Die Begegnung war in dem Moment, in dem sie statt fand auch schon beendet und blieb ohne Folgen. Beide fanden ihren Weg durch die enge Tür, die Körper glitten aneinander vorbei, der Duft verwehte, das „disculpeme“ verhallte und das Gesicht mit den faszinierenden Augen hatte sich wieder abgewandt. Die Tür wurde geschlossen, er schaute ihr nicht nach und nur der grüne Punkt war ihm geblieben.
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