Eine Zeit lang war mehr zwischen uns. Wir waren essen gegangen, hatten Nächte durchdiskutiert, uns fast verliebt. Fast – weil wir dann beide beschlossen, die Priorität läge im Aufbauen der eigenen Laufbahn, dem Fokus auf die zweite Chance im Arbeitsmarkt, die sich uns nun bot. Besonders er tut das so konsequent wie kaum jemand sonst. Ich sah ihn schon bald auf Fotos, glatt, strahlend, erfolgreich. Keiner hätte vermutet, was in seiner Vergangenheit verborgen lag. Bei mir ging es ebenfalls nach oben, nicht so senkrecht wie bei ihm, aber doch kontinuierlich. Ich machte mir einen Namen, baute mir einen guten Ruf auf – und von Zeit zu Zeit erfuhr ich, dass er immer noch ganz am Gipfel stand. Zielstrebig. Zuverlässig. Erfolgreich.
Umso erstaunter bin ich, als ich las, dass er ausgestiegen ist. Nicht nur gekündigt, sondern alles hingeworfen: die Karriere, die glänzende Zukunft. Dass er in seinen alten Beruf, Seilbahntechniker, zurückgekehrt ist, irgendwo im Nirgendwo, wo er jetzt täglich Kabel prüft, Gondeln wartet, Schnee atmen kann.
Wir schrieben seitdem wieder häufiger. Seine Worte wirkten anders, ruhiger, klarer, aber gleichzeitig weniger analytisch. Und plötzlich stand der Gedanke im Raum: ihn besuchen. Er lud mich ein. Und ich nahm an. Vielleicht, um sicherzugehen, dass es ihm auch wirklich gut geht. Vielleicht, um mir wirklich begreiflich zu machen, dass es so etwas wie Ausstieg wirklich gibt und er diesen Schritt tatsächlich getan hat. Vielleicht auch, um die alte Nähe wiederzufinden.
Der Zug dröhnt über eine Brücke. Ich sehe mein Spiegelbild im Fenster. Businessjacke, offene Haare, müde Augen. Ich erkenne die Frau, die funktioniert. Aber nicht unbedingt die, die noch Träume hat.
Der Bahnhof ist klein, fast unscheinbar. Ein einziges Gleis, ein Wartehäuschen aus Holz, ein Schild mit abblätternder Farbe.
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