Als ich den Zug verlasse, fühle ich beim ersten Atemzug, wie kühl und klar die Luft ist. Es riecht nach Holz, nach Bergen.
Ich sehe ihn gleich. Er lehnt an einem Geländer, die Hände in den Taschen, der Körper ruhig, als hätte er Zeit. Nein, er hat Zeit. Im Gegensatz zu früher hat er davon nun eine Menge.
Als ich ihn sehe, erinnere ich mich an ihn in eleganten Anzügen, an den Stolz in der Körperhaltung, an den Glanz seiner Bilder in Geschäftsberichten. Nichts davon ist übrig. Stattdessen trägt er eine einfache Jacke, Jeans und geschnürte Stiefel. Sein Haar ist länger, ein paar Strähnen fallen ihm in die Stirn. Er steht nicht stolz da, sondern entspannt, natürlich. Hier ist er nicht überbelichtet, nicht retuschiert, sondern real, er selbst.
Er lächelt, als er mich erkennt. Ja, er lächelt so, wie er mich ganz zu Beginn unserer Zeit angelächelt hat. Kein Lächeln für die Kamera, kein aufgesetztes Strahlen, sondern etwas Offenes, beinahe Weiches. Ich bleibe einen Moment stehen, überrascht, wie sehr dieser erste Eindruck mich trifft.
„Schön, dass du da bist.“ Seine Stimme klingt tiefer, als ich sie in Erinnerung habe. Ich antworte unwillkürlich nüchtern: „Ja. Es ist wirklich lang her.“ Wir umarmen uns kurz, noch tastend, fast vorsichtig, wie zwei Menschen, die prüfen, ob die alte Vertrautheit im Körpergedächtnis noch gespeichert ist.
Wir gehen nebeneinander zum Auto. Alte Modellreihe, nicht repräsentativ, aber gepflegt. Er öffnet mir die Beifahrertür, eine Geste, die so beiläufig wirkt, dass ich kaum weiß, ob sie höflich oder schlicht Gewohnheit ist.
Während er fährt, fallen mir mehr und mehr die Veränderungen seines Gesichts auf. Die angespannten Züge sind verschwunden, die Härte der Wangenknochen wirkt gemildert. Nur in den Augen, in dem hellen Grau, liegt noch derselbe wache Ausdruck, mit dem er schon damals durch Menschen hindurchsehen konnte.
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