Doch jetzt ist er nicht mehr schneidend – er wirkt abgefedert. Ruhig.
Wir reden zunächst wenig. Er fragt nach meiner Fahrt, ich erzähle knapp davon. Erwähne auch, wie eng getaktet meine Woche war, wie sehr mich meine Projekte fordern und wie gut sie laufen. Er nickt, sagt nicht viel dazu. Nur dieses ruhige Fahren, die Aufmerksamkeit auf die Straße, auf die Kurven, hinaus ins Tal.
Als wir die Serpentinen hinauffahren, sagt er leise: „Tut gut, einmal nicht allein diesen Weg zu fahren.“ Ich drehe den Kopf, sehe sein Profil, diesen neuen Ausdruck an ihm. Es ist, als würde ich gleichzeitig einen Fremden und einen alten Bekannten betrachten. Und zum ersten Mal seit einiger Zeit spüre ich in mir etwas nachgeben.
Die Straße wird schmaler, und schließlich taucht ein schmaler Bau neben der Talstation auf. Eine Wohnung über der Werkstatt, schlicht, fast unauffällig. Er stellt den Wagen ab, trägt meinen Koffer so selbstverständlich, als hätten wir das schon oft getan.
Drinnen riecht es nach Holz und Metall, eine Spur Öl hängt in der Luft, nicht unangenehm. Der Eingangsbereich geht direkt in einen offenen Wohnraum über. Ein Tisch, zwei Stühle, ein Regal mit Büchern, deren Rücken ganz unterschiedlich abgegriffen sind. Keine Dekoration, keine Zurschaustellung. Alles wirkt reduziert, beinahe karg – und gerade deshalb stimmig.
Er deutet eine kleine Bewegung mit der Hand an, fast entschuldigend. „Es ist nicht viel.“
Ich nicke. „Aber es hat alles, was man benötigt.“
Was ich nicht sage: dass mir die Klarheit gefällt. Kein überflüssiges Detail, kein Repräsentieren. Stattdessen ein Raum, der atmet. Ich bin überrascht, wie wenig mir meine gewohnte Hülle aus Ästhetik und Ordnung fehlt.
Wir setzen uns. Ich streiche mit den Fingerspitzen über die Tischkante, als müsste ich dieses einfache, raue Material begreifen.
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