Halt finden

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Halt finden

Halt finden

Chloé d'Aubigné

Das kurze Aufeinanderliegen unserer Haut fühlt sich an wie ein Stromstoß, der nicht gleich abklingt. Als er loslässt, bleibt etwas haften.
Wir lachen beide, ein wenig verwirrt, ein wenig verlegen. „Du bist immer noch übervorsichtig“, sage ich.
„Und du immer noch unvorsichtig.“ Seine Antwort ist spielerisch, nicht wertend.
Das Essen gelingt, einfacher als erwartet. Wir setzen uns gegenüber, die Teller nah beieinander. Eine Weile schweigen wir, konzentrieren uns auf das, was vor uns steht. Ich weiß, dass er entspannt ist, weil er sich mir gegenüber nicht erklären muss, wenn er nichts trinkt. Und weil ich in seiner Gegenwart Alkohol anrühren würde. Aber auch ich bin entspannt, da ich weiß, dass er mich nicht beim Essen beobachtet. Nicht darauf achtet, ob ich genug oder zu viel esse. Keiner verurteilt den anderen, sondern ist vielmehr auf ihn stolz. Auf alles, was erreicht wurde. Auf alles, was mittlerweile Vergangenheit ist, aber doch zur Gegenwart gehört.
Schließlich bricht er das Schweigen, spricht darüber, dass es plötzlich einfach nicht mehr ging. Er aber wollte keine Therapie machen, nur um weiterhin funktionieren zu können. Dass er die Atemlosigkeit nicht mehr ertragen hat, er endlich wieder frei durchatmen wollte. Aber auch, dass er hier oben weniger Mensch, aber mehr er selbst ist.
„Man wird anders, vielleicht auch merkwürdig. Und einsam, man wird einsam“, sagt er leise und spielt mit der Gabel.
Ich sehe ihn an, halte den Blick ein paar Sekunden länger, bevor ich, fast unbewusst, seine Hand berühre. Erst nur flüchtig, dann lasse ich meine Finger ruhen, mitten auf seiner Handfläche. Er zuckt kaum, doch ich merke, dass er die Berührung erwidert, indem er nicht zurückzieht. Wir essen einfach weiter, die linke Hand ineinander verschränkt.
Es ist umständlich, ja.

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