Halt finden

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Halt finden

Halt finden

Chloé d'Aubigné

Ich sitze am Fensterplatz, die Landschaft zieht gleichförmig vorbei. Felder, Wälder, ein Stück Autobahn, dann wieder flatternde Wäsche auf Balkonen. Es ist einer dieser Züge, die zuverlässig rollen, alle drei Stunden, und zugleich etwas Anonymes haben, als wäre die Zeit zwischen Abfahrt und Ankunft ein leerer Raum, nur gefüllt mit dem gleichmäßigen Schaukeln des Wagens. Dass dieser Zug nicht nur Menschen, sondern auch Träume von A nach B transportiert, lässt er einen nicht fühlen.
Heute fahre ich zu ihm. Ein Entschluss, den ich in den vergangenen Tagen immer wieder auf seine Sinnhaftigkeit geprüft habe, als gälte es, eine wichtige Kalkulation durch das Miteinbeziehen aller Fakten abzusichern. Eigentlich habe ich genug zu tun, mein Alltag ist eng getaktet, eigentlich wollte ich das Wochenende allein verbringen, um zur Ruhe zu kommen. Aber dann kam eine Nachricht von ihm, die mich nicht losließ. Sie war knapp, sachlich und trotzdem war da eine Ruhe darin, die ich so von ihm nicht kannte. Ich ertappe mich dabei, wie ich mehrmals überlege, warum gerade diese Nachricht mich ins Grübeln bringt. Es ist, als würde darin etwas mitschwingen, das ich nicht direkt benennen kann – ein Gefühl, das ich lieber ausblende.
Ich kenne ihn seit meiner Ausbildung im zweiten Bildungsweg. Damals waren wir beide nicht am Anfang, sondern schon einmal gescheitert. Er am Alkohol, ich an mir selbst, an einem Körper, den ich zu formen versucht hatte, bis kaum noch etwas übrig geblieben war. Wir fanden uns seltsam vertraut: zwei Perfektionisten, zwei Träumer, zwei Menschen, in denen etwas zu Bruch gegangen war und die versuchten, den Scherbenhaufen in etwas anderes, Haltbares zu verwandeln. Wir beide wollten unsere Geschichte neu schreiben und setzten alles daran, sie dieses Mal zu einem Happy End zu führen.

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