Hay Guerra

Es herrscht Krieg

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Hay Guerra

Hay Guerra

Yupag Chinasky

„Hay guerra en Ucrania!“ hatte er zu Yessica gesagt. „Es herrscht Krieg“,nachdem er die Nachrichten auf seinem Handy gelesen hatte. „Die Russen haben die Ukraine überfallen. Häuser wurden zerstört, Menschen getötet.“ Seit längerer Zeit hatten sich Probleme angedeutet, die vielen Truppen an der Grenze, die endlosen Manöver, die heuchlerischen Versicherungen der Mächtigen, dass alles in Ordnung sei. Aber als der Überfall auf das Nachbarland tatsächlich stattfand, waren alle, bis auf die Betroffenen sehr überrascht. Die Russen, weil sie die Täter waren, die Ukrainer, weil sie den Russen alles zutrauten, sogar einen Krieg in Europa.

Auch er war überrascht, auch er hatte mit solch einer Eskalation nicht gerechnet und war nun besorgt. Denn der Krieg hatte ausgerechnet begonnen, während er in Kuba Urlaub machte. In einem Land, das mit Russland eng befreundet ist, zwei Länder, die eine wahrhaft spannungsreiche Geschichte miteinander verbindet. Die Kubakrise hatte in den 60er Jahren fast zum dritten Weltkrieg geführt und seitdem war Kuba fast vollständig von den Russen abhängig. Die Lage auf der Zuckerinsel war immer sehr angespannt und jetzt mehr denn je. Corona hatte nicht nur die üblichen Einschränkungen verursacht, auch die meisten Touristen waren weggeblieben, die wichtigste Einnahmequelle. Benzin wurde streng rationiert, der Strom stundenweise abgestellt. Die Läden waren leer, die Preise stiegen in die Wolken, Alle mussten kämpfen, um zu überleben. Wegen des Kriegs würde es nun keine billigen Flugreisen nach Moskau mehr geben, um Waren zum Weiterverkauf zu besorgen. Auch für ihn war eine Erholung am Meer unter Palmen nicht mehr möglich, denn auch seine persönliche Krise hatte schon begonnen.

Am Anfang seines Urlaubs war die Welt noch in Ordnung gewesen. Alles war prima, das Hotel am Strand, das Zimmer mit Blick auf das Meer, der Service, auch das Essen, denn alle mussten Mangel erleiden, nur nicht die wichtigen Touristen. Doch plötzlich schlug Corona erneut zu, man hatte die Gefahr schon für überwunden geglaubt. Ausgerechnet in seinem Hotel tauchte die neueste, schlimmste Variante auf, die vom Typ Omega. Man munkelte, russische Touristen hätten sie eingeschleppt, die einzigen, die noch in nennenswerter Zahl gekommen waren. Das Hotel war sofort geschlossen und die Gäste zwangsweise umgesiedelt worden. Er landete in einem Hotel der unteren Mittelklasse, alles war deutlich schlechter und die Lage weit weg vom Meer. Doch das hätte er klaglos ertragen, denn er liebte das Land und wenn alle leiden, können auch die privilegierten Touristen nicht verschont bleiben, sage er sich. Doch sein Problem hatte einen Namen und hieß Yessica.

Yessica hatte er gleich am ersten Tag seines Aufenthalts kennengelernt. Es war kein Zufall gewesen, gewiss nicht, denn Yessica bestritt ihren Lebensunterhalt damit, Touristen kennenzulernen. Sie war eine Jinetera, wie man hier sagte, eine Reiterin, die sich auf dem Sattel hinter einem fetten, vermögenden Touristen festklammert. Er war zwar nicht fett und auch nicht gerade vermögend, aber hier ist jeder wohlhabend, selbst wenn er bei uns von der Sozialhilfe lebt. Yessica war bezaubernd, eine hübsche, schlanke Mulattin, mit einer Haut wie Schokolade und einem Liebesleben, das keine Wünsche offen ließ. Sie sah jünger aus, als sie in Wirklichkeit war, aber sie gab sich große Mühe attraktiv zu sein. Das war nicht sonderlich schwierig, sie musste nur mit den falschen Wimpern klimpern, heftig mit Hüften und Po wackeln und ihren wohlgeformten Busen präsentieren. Bei Männern wie ihm, wirkte das sofort, er verliebte sich. Yessica teilte noch am selben Tag Zimmer und Bett mit ihm. Ein saftiges Trinkgeld an der richtigen Stelle macht hier fast alles möglich. Er genoss die Tage des Verliebtseins, es waren Flitterwochen. Sie gingen zusammen aus, gingen einkaufen, an einem Tag ein paar Schuhe, am nächsten ein hübsches Kleid, der Bikini war auch nicht mehr modern und der Champagner in dem Nachtclub, in den ihn Yessica schleppte, nicht gerade billig, aber er zahlte klaglos.

Bei weitem am wichtigsten aber waren für ihn die Nächte mit Yessica. Was sein bisheriges Liebesleben betraf, immerhin war er ein Mann in den besten Jahren, wie man so sagt, gab es wenig Bemerkenswertes. Er war verheiratet, hatte Kinder, die schon aus dem Haus waren und alles war immer in geordneten Bahnen abgelaufen, auch der Sex mit seiner Frau, der er im Übrigen sehr treu war und sich nur gelegentlich ein kleines Abenteuer erlaubte. Aber nun hatte er sich diesen Urlaub gegönnt, einen wohlverdienten nach all der Corono-Enthaltsamkeit und wie ein Wunder, war schon kurz nach seiner Ankunft diese Frau auf ihn zugekommen, hatte ihn ergriffen. Nicht nur seine Hand, - nein - seinen ganzen Körper, seine Seele. Sie hatte sein Verlangen geweckt, seine Fleischeslust angestachelt. Sie hatte sich ihm, ohne zu zögern, hingegeben, noch ehe sie überhaupt im Bett waren, hatte er das gespürt. Er hatte von der ersten Sekunde an gewusst, dass er diese Frau wollte und keine andere und Yessica hatte ihn darin bestärkt und ihn nie eine Sekunde lang zweifeln lassen. Sie waren gleich, nachdem sie gemerkt hatten, dass sie füreinander bestimmt waren, jedenfalls hatte er das geglaubt, noch am hellen Tag in seine Zimmer gegangen und hatten lustvoll gevögelt. Er war ausgehungert und Yessica hatte alle Register ihres Könnens gezogen, sich ganz auf ihn konzentriert und ihre reichliche Erfahrung mit Ausländern auf ihn angewendet. Schließlich galt es für sie den Goldschatz zu sichern, der sie geil anstarrte, das war ein leichtes Spiel, aber die Konkurrenz war groß und lauerte am Strand, an der Bar, vor dem Buffet. Es gab viele Yessicas hier und viele, die genauso gut waren, dazu noch jünger und geiler und noch mehr Antrieb verspürten, weil sie das Geld noch notwendiger brauchten. Diese Konkurrenz musste gleich beim ersten Zusammensein in die Schranken gewiesen werden. Sie musste gleich klar machen, dass dieser Mann mit ihr und nur mit ihr, glücklich werden würde. Und Yessica machte ihre Sache gut, schließlich hatte sie Übung und Erfahrung. Sie präsentierte ihren appetitlichen Körper lustvoll und in zahlreichen Variationen, sie hörte nicht auf, ihre Eroberung immer neu zu erregen, sich ihm immer neu anzubieten. Sie ließ ihm kaum Zeit zur Regeneration seiner Samenzellen und kaum, dass er aus dem Bad zurückkam, lag sie auf dem Bett und hatte die Beine schon wieder breit geöffnet und ihre Brüste schaukelten im Takt eines anscheinend unbändigen Verlangens. Er war erschöpft und ausgelaugt, als sie endlich das Zimmer verließen und in der Affenhitze des Nachmittags zum Stand gingen. Aber er war auch glücklich und fieberte der Nacht entgegen, die ihm das Wunder der körperlichen Liebe und das Mysterium einer geilen Mulattin erneut bescheren würde. Er war verliebt und süchtig und überzeugt, die richtige Frau gefunden zu haben, er war schon jetzt unrettbar verloren.

Yessica hatte ihn fest im Griff. Er tat, was sie wollte, solange sie ihm gab, was er brauchte und genau das gab sie ihm reichlich, jede Nacht aufs Neue. Aber schon bald sollte er nicht nur ihren persönlichen Bedarf decken, denn ganz plötzlich war ihr geliebter Bruder schwer krank geworden. Er brauchte dringend ein bestimmtes Medikament. Ein Bruder, der bisher nie in Erscheinung getreten war. Solche Medikamente kommen aus dem Ausland und die Preise sind gepfeffert. Als er es wagte, zu protestieren, setzte sie sogleich ihre typisch weiblichen Waffen ein, von Tränen bis zum Vorwurf, er sei geizig. Am schlimmsten war die versteckte Androhung von Liebesentzug, denn er war ihr inzwischen verfallen. Ohne „Liebe“ war er ein Süchtiger ohne Rauschgift. Das Leben des Bruders war kaum gerettet, als das Haus der Eltern vom Einsturz gefährdet und eine Reparatur dringend nötig war. Wer kubanische Häuser kennt, wundert sich darüber nicht, aber dass es ausgerechnet jetzt passierte und dann auch noch so heftig sein würde, fand er schon reichlich seltsam. Wieder drohte sie, wiedergab er nach und strapazierte seine Kreditkarte erneut. Auch im sozialistischen Kuba funktionieren manche kapitalistischen Einrichtungen sehr gut und das wusste Yessica, schließlich hatte sie genügend Erfahrung mit Touristen. Das Haus stürzte nicht ein.

Doch kurz danach endete ihr Honigmond. Der erste Dämpfer war der Umzug in das schäbige Hotel. Yessica war sauer und ließ ihre Enttäuschung an ihm aus, obwohl er wirklich nichts dafürkonnte, aber sie hatte sich ihre harte Arbeit in einer angenehmeren Umgebung vorgestellt. Der Versuch, sie zu überzeugen, dass man auch in einem billigen Hotel verliebt sein könnte, schlug fehl. Das wirkliche Problem begann jedoch mit einer Nachricht, die ihm Visa auf sein Handy schickte. Sein Kreditrahmen sei nahezu erschöpft und er müsse einen Monat warten, ehe weitere Belastungen möglich seien. Yessica war entsetzt, denn auch sein Bargeld neigte sich dem Ende zu. Zum Glück war das Hotel mitsamt Vollpension schon bezahlt, wenn auch nur für eine Person. Die Hoffnung wegen des Downgradings ein bisschen Bares zu bekommen, erfüllte sich leider nicht, das sei absolut unmöglich, sagte man ihm. Und nun hatte zu all dem Schlamassel auch noch der verdammte Krieg in Europa begonnen.

In den örtlichen Nachrichten wurde die Treue zu den Russen beschworen. Yessica war sozialistisch erzogen, eine Aktivistin, manchmal sogar eine richtige Bolschewikin, dachte er, obwohl sie die Versuchungen und Annehmlichkeiten des Kapitalismus durchaus schätze und ihr Lebenstraum darin bestand, einen reichen Ami zu heiraten, zur Not auch einen Europäer, um in die USA auszuwandern und dort ein reiches, sorgloses Leben zu führen. Sie diskutierten heftig über den Krieg. Seine Haltung war klar, eindeutig und einseitig, sie muss hier nicht dargelegt werden. Auch Yessicas Haltung war eindeutig. Sie war beileibe nicht dumm und hatte eine gute Schulbildung genossen, dafür ist Kuba schließlich berühmt, aber Yessica glaubte bedingungslos ihrer Regierung und war überzeugt, dass die Russen im Recht waren. Der Streit zwischen ihnen war vorprogrammiert, der Krieg hatte sich nun bis in das kleine Zimmer des schäbigen Hotels ausgedehnt.

Ihre Gefechte bestanden in endlosen Diskussionen, Anfeindungen und Verdächtigungen, die keine Zeit mehr für ein erfülltes Liebesleben zuließen. Man hätte den Streit nicht so ernst nehmen müssen, wenn Yessica nicht zu dem Schluss gelangt wäre, dass sie mit einem solchen Reaktionär nicht mehr ins Bett gehen könne. Doch der wahre Grund war, dass sein Kreditrahmen bei Visa erschöpft war und in seiner Geldbörse Ebbe herrschte. Aber das Dilemma betraf jetzt nur noch ihn, denn Yessica hatte ihre wichtigsten Ziele schon erreicht und mehr „Liebe“ musste sie nicht mehr verschwenden. Ihr letzter Angriff war kein Angriff, sondern ein Rückzug. Sie teilte ihm mit, dass ihr kleiner Sohn schwer erkrankt sei und dringend seine Mutter brauche. Von einem Sohn war bisher nie die Rede gewesen. Sie packte ihre Sachen zusammen, es waren viele Tüten, gab ihm noch einen Abschiedskuss und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Sie ließ einen Geschlagenen zurück, der nicht nur eine persönliche, emotionale Katastrophe verkraften musste, nein, auch die große Weltpolitik sollte ihm noch sehr zu schaffen machen, er wusste es nur noch nicht. Die Krise sollte sich bald dramatisch ausweiten, die Russen, obwohl das Wort im Land verboten war, sollten der Ukraine offiziell den Krieg erklären und als Folge sollten die westlichen Verbündeten das tun, was treue Verbündete tun müssen. Und er sollte immer noch in dem verdammten Hotel sitzen, fast ohne Geld, ohne Internet, das gesperrt war und ohne Aussicht das Land zu verlassen, denn auch alle internationalen Flüge würde man bald einstellen. Und als Gipfel der Unannehmlichkeiten würde man ihn, als Bürger eines Landes, das nun der Feind des Brudervolkes war, auch als Feind betrachten. Die Zeiten würden verdammt schwer werden und seine Zukunft auf der Zuckerinsel bitter und rabenschwarz.

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